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Migration Was ist deutsch?

Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan in Berlin über nationale Identitäten und narrative Neudeutungen.

Rund zehn Millionen Deutsche halfen mit.
Rund zehn Millionen Deutsche halfen mit. Foto: AFP

Die stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung Naika Foroutan hielt im Maxim Gorki Theater im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Reformatorinnen heute“ einen Vortrag „Narrationen von Nationen – Von der Erzählung zur Veränderung der nationalen Identität“.

Nationale Identitäten wachsen nicht heran. Sie werden geschaffen. Manchmal schwuppdiwupp. Wie zum Beispiel die Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg aus dem geschlagenen Osmanischen Reich hervorgingen. Manchmal braucht es länger. Deutschland zum Beispiel. Manchmal halten sich Staaten, manchmal zerfallen sie. Zu jedem Staat, zu jeder Nation gehört auch eine Geschichte, in der gezeigt wird, wie sie wurde, was sie ist und warum sie so schön ist, wie sie ist. Das Selbstbild entsteht in der Abgrenzung zu anderen.

In den Sechzigern etwa sahen die Deutschen sich vor allem als pünktlich, sauber und fleißig. Gastarbeiter dagegen waren unpräzise, schmutzig und faul. Heute sehen die Deutschen sich gerne als demokratisch und aufgeklärt, die Muslime dagegen hätten keine demokratische Tradition und der Islam habe niemals eine aufklärerische Kritik erfahren.

Neue Bundesbürger in die deutsche Geschichte miteinbeziehen

Foroutan erinnerte jetzt nicht an die aufklärerischen Traditionen im frühen Islam, sondern wies darauf hin, dass Kolonialismus und Holocaust Taten des aufgeklärten Europa waren. Sie zeigte auch, wie tief Immanuel Kant im Rassismus steckte: die Juden nannte er „eine Nation von Betrügern“, von den Schwarzen meinte er, bei ihnen lange es allenfalls für eine „Cultur der Knechte“ und selbstverständlich galt ihm: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen“. Mit der Berufung auf die Aufklärung allein sind wir noch keinen Schritt über den Rassismus hinaus.

Angesichts der Situation, dass jeder fünfte Bundesbürger und jedes dritte Schulkind einen „Migrationshintergrund“ hat, ist es höchste Zeit, dass die Frage „Was ist deutsch?“ neu gestellt wird. Sie muss diese neuen Bundesbürger, ihre Geschichten miteinbeziehen in die deutsche Geschichte. Der Regress auf das, was einmal deutsch war – oder besser: gewesen sein soll und niemals war – führte zu oft zu Pogromen oder Massenmorden. Es wäre wichtig, an einer Narration, einer Erzählung zu arbeiten, in der deutsch nicht mehr verstanden wird als etwas, das uns unterscheidet, sondern Vorstellungen skizziert davon, wie unser Deutschsein aussehen soll.

Naika Foroutan: „Ein Angebot der narrativen Neudeutung wäre es, Deutschland von seinen Leitkulturdebatten zu befreien. Deutschland eher basierend auf Wertevorstellungen zu denken, wäre durchaus anschlussfähig an faktische Realität. Wie wäre es damit, Willkommenskultur als einen Akt der narrativen Neudeutung von Deutschen zu verstehen? Euphemistisch? Mehr als zehn Millionen Menschen haben im Sommer der Migration Geflüchteten geholfen. Mehr als die Hälfte von ihnen neben ihrem täglichen Beruf... Die Erzählung Deutschlands hat sich dadurch im Ausland nachhaltig verändert... Deutschland nun als Land des Mitgefühls? Mit dem gemeinsamen Ziel, zu einer Integrationsgesellschaft zu werden...“.

Zu sehr, darauf wies Foroutan hin, denken wir bei Integration an Migration. Dabei leidet die deutsche Gesellschaft insgesamt an Desintegration. Integration ist eine Aufgabe, vor der die ganze Gesellschaft steht, die sie auch nur als ganze wird bewältigen können. Deutschland muss sich als eine neue politische Gemeinschaft etablieren. Da ist ganz und gar kontraproduktiv „ein historisch geerbtes, exklusives Leitkultur-Denken, das nicht von allen mitgestaltet werden kann, sondern nur von den ‚echten‘ Deutschen!“

Naika Foroutan schloss mit den Worten: „Es geht also um postmigrantische Allianzen in einem Land, um Menschen, die gemeinsam für eine Haltung streiten und nicht um eine Herkunft. Ob herkunftsdeutsch, biodeutsch, migrantisch, mit Hintergrund oder ohne: Der normative, sinnstiftende Endpunkt unserer Nationalen Identität ist die plurale Demokratie. Sie zu schützen und zu vollziehen ist in der Verfassung angelegt. Wir müssen dieses plurale Narrativ der deutschen Identität also nicht erfinden – nur befreien von all den Erzählungen, die es überdecken.“

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