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Micha Ullman Es ist der rote Sand, auf dem ich lebe

Der Israeli Micha Ullman und seine „Stufen“ für St. Matthäus.

Hinab oder hinauf? Fragend, zugleich ganz unprätentiös wirkt Micha Ullmans Sieben- Stufen- Skulptur unter einer betretbaren Bodenplatte in der St.-Matthäus-Kirche am Kulturforum. Foto: STIFTUNG ST. MATtHÄUS

Die Grube weist gen Osten, und die schnörkellosen Bogenfenster von St. Matthäus am Kulturforum spiegeln sich in der gläsernen Bodenplatte über der tiefen Einlassung im Boden des Kirchenschiffs. Der israelische Bildhauer Micha Ullman hat diese Grube gegraben, setzte eine Treppe in den weißen Schacht und bestreute jede einzelne der sieben Stufen mit wie leicht verwehtem roten Sand.

„Es ist der Sand, auf dem ich lebe, er liegt am Mittelmeerstrand von Jaffa bis zum Libanon“, erklärt der Künstler, dessen Vater und Mutter unter Hitler aus Thüringen nach Palästina emigriert waren, den Anwesenden. Anderthalb Kubikmeter Sand ließ Ullman aus Tel Aviv nach Berlin transportieren: Sand aus dem jüdischen Land, ausgestreut in einer deutschen evangelischen Kirche – ein simples, geradezu minimalistisches künstlerisches Zeichen für die über Jahrhunderte vertrackte, im 20. Jahrhundert katastrophal ausgegangene und auch seither eher selten geglückte Beziehung zwischen Christen und Juden.

Ein Wagnis fürwahr ist dieses Kunstwerk, denn es fordert heraus. Seit 40 Jahren sind Gruben in der Erde Ullmans Thema, mit dem er Zeiten, Schichten, Geschichte befragt. Und seit vier Jahrzehnten ist der rote Sand vor seiner Haustür in Tel Aviv sein Arbeitsmaterial. Erdstoff und Farbe zugleich: Zusammen mit sieben Sandzeichnungen an den Kirchenwänden ergibt sich eine Metapher für die sieben Tage, an denen laut Bibel der Herrgott die Welt geschaffen hat. Die Tiefe der Grube hat die Körperhöhe eines großen Mannes, es sollte das Maß nach unten wie nach oben sein, ein Sieben-Schritte-Gleichnis für Grab und Auferstehung. Das wollte Ullman erreichen. Als Ambivalenz.

Über das Werk, für das der 73-jährige Bildhauer allerdings etwas mehr als sieben Tage gebraucht hat, legten Handwerker eine trittfeste Glasplatte. In ihr spiegeln sich zwei Kirchenfenster und damit der Himmel über Berlin: Die Wolken, die Flugzeuge, die Vögel. Auf der Platte stehen die mittäglichen Besucher der evangelischen Kunst-Kirche und sehen hinab – in die Leere. Ganz ähnlich, wie es die Leute auf dem Berliner Bebelplatz tun, wo Ullman 1995 eine noch viel tiefere Grube für seine unterirdische, leere Bibliothek aushub: das Mahnmal der Bücherverbrennung von 1933 durch die Nazis.

Aber hier, in der Kirche ist es dieses kräftige, energetische Rotbraun des Sandes aus dem Heiligen Land, das die weiße Leere, das Nichts belebt, das den Wind andeutet, der die Sandkörner von hier nach da trägt, unmerklich Verbindung schafft, die Natur, die den Menschen mit ihren Vorurteilen, Dogmen, Ängsten und Aggressionen weit voraus ist.

Die Sieben-Stufen-Raumskulptur ist ein Auftragswerk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und deren Kulturstiftung St. Matthäus. Das Geld, rund 220000 Euro koste das vom Denkmalschutz abgesegnete Kunstwerk samt Architekt und Handwerkern, kommt ausschließlich von Sponsoren, nicht aus öffentlichen Mitteln.

Ullman sagt, er habe keinen Augenblick gezögert, als schon 2007 die Anfrage kam. Es bot sich die Möglichkeit, in der Skulptur auszudrücken, dass der jüdisch-christliche Dialog nicht automatisch besteht, sondern stufenweise erklommen werden muss. Und ihn reizte der archäologische Aspekt, sich hinabzugraben in die Mitte Berlins, wo bis nach 1933 jüdische Künstler und Literaten lebten, in diesen 1945 zerbombten, dann zur Bruchkante gewordenen Stadtraum.

Es verlockte ihn, sich hineinzugraben in die Mitte der von August Stüler erbauten, im Krieg zerstörten, wiederaufgebauten Kirche, in der einst ein Christ wie Dietrich Bonhoeffer ordiniert wurde, der in der Nazizeit den Todesmut hatte zu sagen: „Wer nicht für die Juden schreit, darf auch nicht gregorianisch singen.“

St. Matthäus, Kulturforum. Einweihung Donnerstag, 18.30 Uhr. Schau der Sand-Zeichnungen bis 3. 2., Di–So 12–18 Uhr.

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