Lade Inhalte...

Micha Brumlik über die neue Rechte Sich hier und da bei Heidegger bedienen

Micha Brumlik informiert in der Frankfurter Romanfabrik, inwiefern sich die Ideologen der neuen Rechten auf den Philosophen berufen.

Das Bedürfnis nach praktikablen Argumenten gegen die und Umgangsformen mit den neuen Rechten scheint groß – denn wiederholt versuchten Zuhörer, dem Erziehungswissenschaftler und Publizisten Micha Brumlik Tipps für ein möglicherweise sich ereignendes Streitgespräch zu entlocken. Dem ging es aber an diesem Abend in der Frankfurter Romanfabrik eher darum, die Schnittmenge der neuen rechten Ideologen mit dem Philosophen Martin Heidegger und auch mit einigen linken Ansichten zu markieren. Kürzlich hatte Brumlik sich dieses Themas in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ angenommen, nun brachte er Zitate von, unter anderen, dem Russen Alexander Dugin, dem bei den österreichischen „Identitären“ aktiven Martin Sellner, dem Franzosen Renaud Camus, dem AfDler Marc Jongen mit.

Aber eben auch von Heidegger. Vor allem die Veröffentlichung des dritten „Schwarzen Hefts“ gab im Frühjahr 2014 jenen neue Munition, die, wie Brumlik, den Philosophen für einen blanken Antisemiten halten. Dank Aussagen wie folgender: „Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfaßbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern.“

Ruthard Stäblein, Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk, versuchte eine gewisse Ehrenrettung, indem er auf Heideggers „Kritik (am Nationalsozialismus, d. Red.) und Selbstkritik“ verwies. Rassistisches Gedankengut habe er an anderer Stelle als „Eselei“ bezeichnet. „Das macht es überhaupt nicht besser“, befand Brumlik. Oder solle es ihn trösten, dass Heidegger zwar kein Rassist, dafür Antisemit gewesen sei?

Man kann sie nicht mehr "kriegen"

Das führte zu der Beobachtung, dass man die derzeitigen Vordenker des Antikapitalismus und Antiglobalismus mit dem Vorwurf Rassismus nicht mehr „kriegen“ könne: Jedem Volk seine Kultur und seinen Raum, lautet nämlich deren Ansage. Nach dem perfiden Muster: Wir haben gar nichts gegen ..., sie sollen in ihrem eigenen Land glücklich werden. Man spricht weniger von einer Ablehnung des Anderen als von einer dringenden Rettung des „Eigenen“. Die Unterscheidung zwischen dem Fremden und dem Eigenen sei die „Leitdistinktion“ der Rechten, so Brumlik.

Verbunden ist das oft mit Antiamerikanismus – bis hin zur Verschwörungstheorie, wonach die weltweite Migration vom US-amerikanischen Kapital direkt befördert wird – und mit Antikapitalismus. „Das Kapital verwüstet die Erde“, fasste Brumlik die Thesen rechter Intellektueller zusammen. Und die Kulturindustrie sorge für „Sedierung“ (so z. B. der Identitäre Walter Spatz).

In ihrer Kritik an Globalisierung, Digitalisierung, Umweltzerstörung überschneidet sich die neue Rechte mit linken Positionen, wie Micha Brumlik zeigte. Marine Le Pen zum Beispiel stelle sich in Frankreich jetzt im Streit um die Arbeitsreform auf die Seite der Gewerkschaften.

Und wie soll man nun vor allem unter jungen Leuten die Ausbreitung rechten Gedankenguts verhindern, wurde der emeritierte Professor der Erziehungswissenschaften gefragt. Dieser plädierte dafür, Begrifflichkeiten quasi zurückzuerobern, indem man etwa frage, was das Wesen von Kultur sei und was es bedeute, dass Kultur „homogen“ sein solle. Und schließlich: „Kant lesen. Kant, Kant, Kant.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen