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Mesut Özil In was eigentlich integrieren?

Mesut Özil ist einer von uns. Das sagt genauso viel aus wie: Horst Seehofer ist einer von uns. All das, was „wir“ ohne Migration wären, ist so uneinheitlich und widersprüchlich, dass das ganze Gerede von Integration in sich zusammenfällt.

Demonstration für Erdogan und Özil
Was der Fall Özil lehrt, ist vor allem, nach den Bedingungen zu fragen, unter denen die Nolens-volens-Einwanderungsgesellschaft in Deutschland funktionieren kann. Foto: dpa

Es ist alles gesagt worden zur Özil-Affäre – dass das Foto mit Erdogan eine Eselei gewesen ist, dass die Nationalmannschaft nicht wegen Özil ausgeschieden ist, dass Integration beim DFB vor allem eine schöne Image-Kampagne ist, dass Bierhoff zu viel und Löw zu wenig gesagt hat, dass Özil sich früher hätte äußern müssen, dass der Einwanderer mehr leisten müsse, um etwas zu gelten, als der Autochthone, dass es (auch in der Nationalmannschaft) eine Hierarchie der unterschiedlichen Herkunftsregionen von Migrationshintergründlern gibt usw.. Der für den Kasus doppelzuständige Sport- und Heimatminister hat aber inzwischen verlauten lassen: Özil ist einer von uns.

Der Fall Özil ist sehr lehrreich, dabei geht es gar nicht um Özil. Özil hat allen Beteiligten den Gefallen getan, in seinem Statement den Begriff des Rassismus zu verwenden, der geradezu elektrisierend wirkt. Der Begriff trifft auf eine Öffentlichkeit, die derzeit ohnehin an Migrations- und Integrationsfragen, an Fragen des Umgangs mit kultureller und religiöser Differenz, an der Frage des Umgangs mit Flüchtlingen und Flüchtlingspolitik laboriert. Der Begriff scheint ja einen Nerv zu treffen – und zwar auf beiden Seiten des Spektrums, die letztlich ihre bekannten Rollen spielen.

Von der einen Seite wird er geradezu wohlig aufgenommen, eins zu eins übernommen und in seiner ganzen authentischen Betroffenheit instrumentalisiert. Die Verlautbarungen und die positiven Stellungnahmen in den sozialen Netzwerken dazu gefallen sich darin, hier ein prominentes Beispiel für die Rechtsdrift der Gesellschaft gefunden zu haben. Dass in unserem Land etwas nicht stimmt – so eine immer wiederkehrende Formulierung – hier hat man es gewissermaßen interpretationsfertig präsentiert bekommen, sodass sich dieses Symbol von seinem Ausgangspunkt lösen kann. Es geht gar nicht mehr um Özil, sondern um Sagbarkeit – und darum, wie sehr solche Debatten doch stets aussehen, als folgten sie einem Drehbuch. Ich versichere hier an Eides statt: Als ich die drei Statements von Özil gelesen habe, vor allem den letzten Satz „Racism should never, ever be accepted“, war mir klar, dass es dazu bald einen Hashtag geben würde, wie man als Binationaler als Deutscher akzeptiert werden könne. Das geschieht nun im Modus der authentischen Rede mit Selbstverstärkungseffekt – und mit einer Mischung aus der wohligen Erfahrung, Teil eines größeren Geschehens zu sein, zugleich aber der Dokumentation alltäglicher Ressentiments gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe und fremden religiösen Bekenntnissen. 

#MeTwo macht Erfahrungen sagbar

Wenn man diese Erfahrungen liest, läuft es einem oft kalt den Rücken herunter. Aber irgendwie dementieren diese Erfahrungsberichte auch das, was sie anklagen: Sie zeigen, wie weit die deutsche Gesellschaft bereits darin ist, solche Erfahrungen für sagbar zu halten und sich damit auseinanderzusetzen. Zuvor dürften die Erfahrungen mit Rassismus viel extremer gewesen sein – aber kaum sagbar. Darin ist #MeTwo seinem Zwilling #MeToo sehr ähnlich.

Auf der anderen Seite sind Özils Statements als ungerechte Jammergeschichte abgelehnt worden, als Übertreibung oder nachträgliche Rationalisierung. Aber das scheinen eher defensive Reaktionen zu sein – was man auch an der Lautstärke der „Bild“-Kampagne sehen kann.
Der Fall Özil hat nicht nur den Wohlmeinenden die Kommunikation über Rassismus erleichtert, sondern auch den Gegnern, der anderen Seite, sich dagegen zu verwahren. Das ist das vielleicht Spannendste an den Reaktionen, dass der Fall Özil beide Seiten bedient, beiden Seiten einen Gefallen tut – und sieht man genau hin, haben auch beide Seiten ein Gutteil Recht: die eine, die auf alltägliche Differenzerfahrungen verweist, auf eine niedrigschwellige, oft gar nicht böse gemeinte, für die Betroffenen aber durchaus wirksame Form, immer wieder auf Differenz hingewiesen zu werden. 

Man sollte die Berichte unter #MeTwo wenigstens lesen. Dabei hilft auch der soziologische Hinweis kaum, dass die Wahrscheinlichkeit dafür bei denen, die von einer nicht weiter thematisierbaren Form der Zugehörigkeit abweichen, schlicht größer ist – man darf annehmen: weltweit und kulturunabhängig. Übrigens wurde Özil das erste Mal von türkischen Fans ausgepfiffen, nachdem er sich für die deutsche Nationalmannschaft (und Staatsbürgerschaft) entschieden hatte.

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