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Mesut Özil Der Özil-Komplex: Migrantenkind und Marke

Mesut Özil ist zum Anderen gemacht worden. Das passiert in Deutschlands Umkleidekabinen unzähligen Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Ein Grund mehr, zu- statt wegzuhören.

Fußballspielende Kinder
Eine Kindheit ohne Fußball - im nördlichen Ruhrgebiet gegen Ende des 20. Jahrhunderts so gut wie unmöglich. Foto: imago

Eine Kindheit im nördlichen Ruhrgebiet gegen Ende des 20. Jahrhunderts: für einen Jungen ging das kaum ohne Fußball. Seit der E-Jugend im Mittelfeld, meist rechts, kein Goalgetter, aber technisch versiert, ein Typ inmitten von Spielzügen nach vorn. Es ist meine eigene Fußballkindheit, an die ich mich dieser Tage erinnere. Irgendwann in der A-Jugend hörte ich auf zu spielen, aus zwei, drei Gründen, wie so oft im Leben; aber der am tiefsten liegende Grund kommt nun wieder an die Oberfläche: Meine Mitspieler – teils bürgerlicher, teils proletarischer Herkunft, katholisch die meisten und jedenfalls weiß – machten die drei oder vier Türken in unserem Team mit fortschreitender Jugend immer hemmungsloser verächtlich. Ich selbst wurde in der Regel nicht direkt angefeindet, aber der Dauerbeschuss gegen die als „Kümmeltürken“ oder „stinkende Muchel“ Beschimpften machte diese Regel zur Farce. Ich konnte nicht umhin zu spüren, dass ich jederzeit zum Gegenstand ähnlicher Schmähungen werden könnte. Denn auch ich sah anders aus als die Mehrheit. Meine Hautfarbe ist dunkel.

Das mulmige Gefühl aus der Umkleidekabine von damals hat sich sofort wieder eingestellt, als ich am Sonntagabend die Nachricht las, dass Mesut Özil nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft spielen will, wegen des Rassismus, den er in den vergangenen Monaten erlebt hat. Wenn ich dieses mulmige Gefühl für einen Moment erkalten lasse, um besser zu sehen, was geschieht, dann klammere ich den Begriff Rassismus ein – hier, kurz, aus dem einzigen Grund, dass zu viele Autorinnen und Autoren öffentlicher Äußerungen in der Özil-Affäre gar nicht mehr zuhören, wenn sie dem Wort „Rassismus“ begegnen. Schlimmer noch: sie schlagen zurück, mit Wörtern wie „Rassismuskarte“ oder „Rassismuskeule“ – nicht zuletzt ein Mitglied der Bundesregierung, Julia Klöckner (CDU), mit der rhetorischen Frage, ob es nicht eigentlich „Rassismus“ sei, „reflexhaft die Kritik an der Diktatorunterstützung als deutschen Rassismus abzutun“.

Für den Moment möge das amerikanische Wort „othering“ als Wahrnehmungshilfe dienen, auch wenn es sich nur unvollkommen ins Deutsche übertragen lässt, als anders-machen, fremd-machen. Natürlich ist Özil, der deutsche Weltmeister, in den vergangenen Monaten vielfältig und drastisch zum Anderen gemacht worden, zum Fremden. Als Muslim, der zu Allah betet, „anstatt“ die deutsche Hymne zu singen. Als Türke, dessen Besuch bei Präsident Erdogan nicht in erster Linie politisch zu kritisieren sei – was man in aller Härte tun sollte –, sondern als Anderer, dessen Präsidentenbesuch nichts Geringeres beweise, als dass er die sogenannten Werte des DFB, der Bundesrepublik oder gleich: ganz Europas nicht teile.

Wer von Özils Schmähern wäre je auf die Idee gekommen, Angela Merkel, Jean-Claude Juncker oder dem Mercedes-Vorstand Verrat an den europäischen Werten vorzuwerfen? Sie alle machen Deals mit eben diesem Erdogan. Nicht zuletzt wird Özil auf der Ebene von Männlichkeitsvorstellungen zum Anderen gebrandmarkt. Zu Recht ist er als Sportler gepriesen worden, dessen Brillanz nicht im heroischen Dribbling besteht, eher in Assists und Laufwegen, ja, bisweilen in der Fähigkeit, den richtigen Ball im richtigen Moment durchzulassen. Der Fußball-Populismus, der sich dieser Tage etwa in den Äußerungen eines vorbestraften Wurstfabrikanten artikuliert, schimpft über hängende Schultern und vermeintlich verlorene Zweikämpfe.

Eine Kindheit im nördlichen Ruhrgebiet, eine sportliche Ausnahmebegabung, die sich in den Fußballkäfigen von Gelsenkirchen-Bismarck zu regen begann, bevor sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts erst auf Schalke und bei Werder Bremen, später bei Real Madrid und Arsenal London in der galaktischen oder zumindest in der globalisierten Umlaufbahn ihr Niveau fand.

Mit anderen Worten: In der Figur Mesut Özil kreuzen sich zwei unterschiedliche Migrationsströme, die einander sonst selten begegnen. Özil ist zugleich das Kind von türkischen „Gastarbeitern“ in Deutschland und das Produkt des zeitgenössisch hochtourigen Fußballkapitalismus. Schon 2012 sagte er: „Fußball ist international, und das hat mit den Wurzeln der Familie nichts zu tun.“ Und jetzt kommuniziert er souverän, wie internationale Marken – sei es im Pop, in der Politik oder eben im Sport – heute kommunizieren: selbst gewählter Zeitpunkt, geglättete Erklärung, auf Facebook, Twitter, Instagram. Der hergebrachte Journalismus hat keine andere Wahl, als Özils internationaler 70-Millionen-Gefolgschaft seinerseits zu folgen. Und der deutsche Fan, der sich die Statements aus dem Englischen übersetzen lassen muss, ist irritiert, dass er als Özils Follower unmittelbar neben einem Muslim aus Malaysia sitzt.

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