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Messer, Klingen, Fallbeile

Revisited: An Jean Nouvels vor fünf Jahren eröffnetem Kultur- und Kongresszentrum in Luzern beeindruckte vor allem das Dach

15.10.2003 00:10
Peter Neitzke
Die spektakulärste Dächlikappe der Innerschweiz. Foto: dpa

Die Kulturmaschine am Vierwaldstättersee vibriert. Im tiefschwarzen Mehrzwecksaal Pierre Boulez mit Moderne 9, nach der Pause Schönbergs Pierrot Lunaire mit Claire Booth. Im Kongresszentrum ein Symposium zum Ich, Klaus Maria Brandauer hat seinen Vortrag kurzfristig abgesagt. Im vierten Obergeschoss die Ausstellung me & more. Ein schneller Blick in den Konzertsaal: James Levine probt für den Abend (morgen Murray Perahia, ausverkauft). Und draußen unter dem weit ausladenden Dach eine in strahlendes Blau gesteckte Volksmusik, Posaunen, Schlagzeug, Klarinetten. Auf der spätsommerlichen Bistroterrasse kostenlose Stehplätze mit Blick auf See und Berge.

Der Musikkritiker wird sehr viel weiter vorn gesessen und ab und wann, demonstrativ Fachkenntnis und Missvergnügen signalisierend, die Brauen hochgezogen haben. Später an seinem Laptop muss ihn jedoch ein mit herkömmlichen Thermometern nicht messbares Fieber befallen haben, eine Art interpretatorische Besessenheit - vergleichbar Tiefes, Lyrisches, Aufmerksames, Scharfsinniges und zugleich ungeheuer originell Formuliertes würde der schreibenden Konkurrenz kaum gelingen.

Architekturkritiker wissen, wovon die Rede ist, die Mütter der Künste verlangt alles. Vor fünf Jahren war der neue Luzerner Konzertsaal, das Zentrum von Jean Nouvels Kultur- und Kongresszentrum (KKL), eingeweiht worden. Das Eröffnungskonzert, notierte die für ein großes Blatt Angereiste, habe den "Saal zur Kathedrale" gemacht. Den eher protestantisch anmutenden Saal, crèmeweiß, helles Holz, feierliches Musikerlebnis signalisierend, rühmt man als akustische Großtat. Verglichen mit demjenigen der Oper in Lyon ist er jedoch nicht mehr Nouvels Entwurf.

Die im Sommer 1998 nach Luzern geeilten Kritiker schauen sich um. Durchmessen Räume, registrieren Transparenz und Weite, Skulpturales und Flächiges, Schluchten und Höhlen, Kontinuität und Bruch, Tradition und Moderne. Vor allem aber beeindruckt sie das riesige, weit auskragende Dach. "An der Schifflände wartende Touristen", hat der Zürcher Tages-Anzeiger beobachtet, "blicken misstrauisch nach oben." Rätselhaft, wie die Sache hält. Die Kritik sucht das bestrickende Bild, die bestürzend schöne Metapher. Wie soll man ein in 23 Meter Höhe 35 Meter auskragendes Dach beschreiben, dessen Untersicht den enormen konstruktiven Aufwand vergessen lässt? Offen den Berechnungen der Ingenieure misstrauen, wäre lächerlich, irgendwie hat man ja verstanden, dass es nicht mehr überall Säulen braucht. Aber das? Sieht ja wirklich einigermaßen riskant aus.

Einen erinnerte das Dach mit seiner hauchzart wirkenden, am äußersten Rand lediglich sieben Zentimeter dicken Kante an ein in die Luzerner Landschaft schneidendes umgelegtes Fallbeil. Was die Idee des Bedrohlichen bei einem Kulturzentrum verloren haben soll, mochte ein anderer, auch er hatte das Bild des Fallbeils gefunden, partout nicht erläutern. Aber er bestand darauf: mit Nouvels Bau sei diese Idee einmal mehr in die Architektur eingebracht worden. Einem Dritten wäre es offensichtlich lieber gewesen, wenn der Architekt die Horizontale nicht bis zur Maßlosigkeit zelebriert hätte - leider keine rettende Senkrechte, wohin man blickt. Muss denn neue Architektur wirklich schwindelerregend sein? Das Dach um jeden Preis messerscharf in die Luft stechen? Oder die Landschaft - abweichend von der üblicherweise, jedenfalls bei Käse, senkrechten Klingenführung - horizontal durchschneiden?

Krieg oder Kino?

Darin waren die Kritiker sich einig: Messer oder Klinge - auch mit einer waagerechten Silberklinge, ein leicht antiquiertes Bild, mit dem einer sein heimliches Bibbern zu nobilitieren suchte, lässt sich ja, hui, ein Kopf vom Leib trennen. Bei so viel moderner Gefahr, mochte sich schließlich einer gedacht haben, muss sich auch die Gefahrenabwehr modernerer Werkzeuge bedienen. Er meinte das passende Bild bei einem Produkt des us-amerikanischen Flugzeugherstellers Lockheed gefunden zu haben: Aus der Schrägsicht sei ihm die verschattete Platte des KKL-Daches wie ein startender Stealth-Bomber vorgekommen.

Krieg oder Kino? Jean Nouvel ist mit der Bemerkung zitiert worden, wie der Film lebe Architektur durch Bewegung und Bilder. In Luzern hat der Architekt ganz offensichtlich mit dem kadrierenden Blick des Kameramanns gearbeitet. Die räumlichen Finessen und Raffinessen der Anlage erschließen sich einem wirklich erst, wenn man aus einem der transparenten Aufzüge dreht: mit einem vertikalen Travelling bei gleichzeitigem Schwenken und Neigen der Kamera. Wenn man eine Plansequenz realisiert: aus dem Foyer des Haupteingangs über einen der spiegelnden und rauschenden, lichtdurchflutete Räume bildenden Seewasserkanäle, die Konzertsaal, Mehrzwecksaal ("Luzerner Saal"), Kongresszentrum und Kunstmuseum trennen wie verbinden. Wenn man von den in unterschiedlichen Niveaus - eine knapp unter dem Dach - gelegenen Terrassen aus auf den See und die Berge schaut, oder vom Kunstmuseum aus den stadtlandschaftlichen Rang des Bauwerks als Totale in den Blick nimmt.

Davon, dass dieser luxuriös genannt werden muss, kann man sich in der Konzertpause überzeugen, wenn sich der Raum unter dem hohen Dach in eine Open Air-Bar verwandelt.

Noch einmal Kino: Das 111 x 106 Meter messende Dach ist ja nicht einfach ein weit ausladender Schirm, unter dem sich die verschiedenen Funktionen zusammendrängen. Die schimmernde, aus der Untersicht nahezu immateriell erscheinende, wie eine horizontal aufgespannte Riesenleinwand wirkende, unterschiedlichste Lichtqualitäten spiegelnde und reflektierende Fläche ist nicht bloß die ungewöhnliche Unterseite eines Daches. Vielmehr bietet sie eine veritable Einladung ins Kino. Allerdings nimmt Nouvel seiner filmischen Bildsprache die räumliche Dimension, sobald das Kameraauge die Perspektive von unten verlässt und das Dach vom Bahnhof her in den Blick nimmt.

Die Wand, hinter deren Gitterstrukturen abends Bistro, Kongresszentrum und Kunstmuseum leuchten - tagsüber ist sie grau und ohne jede Tiefe. Die eben noch wirksame kinematographische Magie ist sofort dahin. Nur konsequent, dass sich bei der Kritik - jenseits des offenen "Projektionsraumes", als welchen man das große Dach hat wahrnehmen können - Bilder aus einem eher nüchternen Repertoire einstellten. Eben noch unter kalten Messern und Klingen, assoziierte sie gleich wärmende Kopfbedeckungen: das Dach eine überdimensionierte Schiebermütze oder, die mundartliche Variante, die schönste Dächlikappe der Innerschweiz. Die im seitlichen Aufriss erkennbare Schnittfigur, sie legt diesen Vergleich nahe, macht die konstruktive Anstrengung der Kragkonstruktion sichtbar und nimmt so dem Dach die aus der Untersicht bestechende Eleganz.

Rückblende: In Melvilles Der eiskalte Engel (1967) zieht der Samuraï Jeff Costello den hellen Trenchcoat an und setzt seinen grauen Hut auf. Ohne den Blick von seinem Spiegelbild zu lassen, Gegenschnitt, rückt er dieses Bild eines Hutes mit beiden Händen zurecht. Bringt dann die Krempe mit zwei Fingern in die Horizontale. Messerscharf. Ein nahezu heiliges Ritual - ganz ohne Schauseite und Nebenfront.

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