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Menschheitsgeschichte „Die Sonne ist sehr schnell aufgegangen“

Nicholas J. Conard und sein Team haben in vier Höhlen der Schwäbischen Alb die ältesten Musikinstrumente und figürlichen Kunstwerke der Menschheit gefunden. Ein Gespräch mit dem Archäologen.

Eiszeithöhlen von der Alb soll UNESCO-Weltkulturerbe werden
Der Archäologe Nicholas Conard im Mai 2017 in der Grabungstelle vom „Hohle Fels“. Die Eiszeithöhle befindet sich bei Schelklingen auf der Schwäbischen Alb. Foto: dpa

Mr. Conard, die figürliche Kunst ist sofort da. Vor 40.000 Jahren kam sie auf die Welt.
Es gab davor abstrakte Markierungen.

Aber keine Vollplastiken und nichts, das beispielsweise dem kleinen Elfenbein-Pferd vergleichbar ist, das man hier im Museum in Tübingen sehen kann.
Das Pferd ist ja nicht nur als Spezies genau erfasst, sondern auch in einem sehr spezifischen Moment seiner Bewegung. 

Auf ihm sind auch solche Markierungen zu sehen.
Da muss man schon unterscheiden. Markierungen auf einem Kunstwerk haben sicher eine Bedeutung. Kerben auf einem Gegenstand müssen keine Symbole sein. Das sind zwei Paar Schuhe. Markierungen auf einem Kunstwerk aber sind gezielte Darstellungen, die garantiert einen Inhalt vermitteln wollten. Welchen weiß ich nicht. Sehen Sie hier die Kreuze auf dem Rumpf des Pferdes? Die hatten sicher eine Bedeutung. 

Forschen Sie in Südafrika und im Iran immer über dieselbe Zeit?
Es geht mir um die Entstehung des modernen Menschen. Ich gehe also nicht ein paar Jahrmillionen zurück, aber doch ein paar Jahrhunderttausende. Die Schöninger Speere sind 300.000 Jahre alt. Da etwa fange ich an. Wenn man etwas über die frühe menschliche Entwicklung erfahren möchte, dann sind wir Archäologen die einzig relevante Adresse. Neurologen oder Primatenforscher können spekulieren. Wir dagegen haben belastbare Funde, reale Objekte. Und wir haben den Kontext, in dem wir sie antrafen. Wir können also auch etwas sagen über die Bedingungen, in denen sie entstanden. 

In den Höhlen der Schwäbischen Alb gibt es keine Wandmalereien. Die gibt es dagegen drei, vier, fünf Jahrtausende später in Frankreich und Spanien. Dort aber gibt es keine Plastiken. 
Jedenfalls was diese frühe Phase betrifft. Später gibt es dann auch dort sehr viele Kleinkunstwerke. Aber in der ältesten Höhle mit Wandmalereien, der von Chauvet, die zwischen 35.000 und 37.000 Jahre alt ist, gibt es keine Figürchen. Unsere jüngeren Funde sind etwa so alt wie Chauvet. 

Die Kunst wurde in der Schwäbischen Alb geboren?
Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem es aus dieser frühen Zeit – vor 40.000 Jahren – so vielfältige Kunstwerke gibt. Vielleicht sind irgendwo einzelne Funde ebenso alt. Aber der Reichtum unserer Höhlen ist einzigartig. Was diese frühe Zeit angeht. Hohlenstein, Hohle Fels, Vogelherd, Geißenklösterle – das steht alles jetzt völlig zu Recht auf der Welterbeliste der Unesco. Das sind einmalige Dokumente eines Anfangs der Menschheitsgeschichte. 

Waren das Menschen wie wir?
Ich bin davon überzeugt, wenn Sie sich mit einer Zeitmaschine vor die Vogelherd-Höhle vor 40.000 Jahren setzen würden, müssten Sie schwer umlernen – Autofahren und Laptop bedienen würde Ihnen nicht viel helfen –, aber nach einer Weile, könnten Sie sich, bei einigem guten Willen auf beiden Seiten – sicher gut verständigen mit den Damen und Herren vom Vogelherd. Bei den Neandertalern oder gar beim Homo heidelbergensis würde Ihnen das sicher deutlich schwerer fallen. Bei denen gibt es kaum oder auch gar keine Funde, die auf eine symbolische Kommunikation schließen lassen. Also, so vermute ich, hat Sprache keine so wesentliche Rolle gespielt wie beim Homo sapiens. Bei dem gab es von Anfang an Rembrandts, Picassos und Jimmy Hendrix’.

Es gab Musik. Sie haben auch Flöten aus Vogelknochen und Mammutelfenbein gefunden. Aber keine Malerei.
Es gab, davon gehe ich aus, alle Arten von Kunst. Wandmalereien haben wir nicht gefunden. Es gibt nichts als ein paar Farbpigmente auf Steinen. Das Pferd aus der Vogelherdhöhle ist aber nicht weniger brillant als die gemalten Pferdeköpfe aus Chauvet. Die Techniken haben sich in den letzten vierzigtausend Jahren gewaltig erweitert, aber die kreative Gestaltungsfähigkeit war von Anfang an da. 

Frauenfiguren wurden nur in der Höhle Hohle Fels gefunden. Hatten die Höhlen unterschiedliche Funktionen?
Hohle Fels ist kein gutes Beispiel. Die Stadel-Höhle dagegen lässt diesen Verdacht aufkommen. Dort wurde der Löwenmensch gefunden, der heute im Ulmer Museum zu sehen ist. Er ist in der neuesten Rekonstruktion 31 Zentimeter groß und wog wohl etwa Dreiviertel Kilo. So etwas trägt man nicht einfach mit sich herum. Hinzu kommt der Fundort: hinten, in einem abgeteilten Stück der Höhle, in dem fast nur symbolische Artefakte lagen. Darum sprechen wir von einer Depot-Situation. Es könnte natürlich auch eine Art Heiligtum, eine Art Schrein, ein Kultraum gewesen sein. Aber das wissen wir natürlich nicht. Vielleicht fanden von hier aus Jenseitsreisen statt. Vielleicht aber war es wirklich nur ein Depot, in dem man die Gegenstände aufbewahrte, um sie an ganz anderen Orten zu nutzen. 

Wie ist das bei den anderen Figuren?
Die hat man zwischen Müll, Mahlzeitresten, zerbrochenen Werkzeugen gefunden. Fund-Umstände wie in der Stadel-Höhle gibt es in der Schwäbischen Alb nur dort.

Wie wurden die Höhlen genutzt?
Über einen Zeitraum von ein paar Jahrtausenden immer nur für ein paar Wochen, ein paar Monate. Vielleicht auch einmal einen ganzen Winter lang. Wir haben in der Vogelherd-Höhle Hunderte von Anhängern gefunden. Überlegen Sie, wie oft Sie einen Knopf verlieren. Da langt ihr Leben nicht für ein, zwei Dutzend. Leider haben wir keine genaue Stratigraphie. Wir können also nicht einzelne Schichten voneinander unterscheiden. In Südafrika, wo ich gerade gegraben habe, haben wir eine wunderbare Stratigraphie, aber keine Kunst.

Also Schwaben vorn?
Es sieht so aus. Nur Chauvet ist, was die Kunst angeht, vergleichbar mit unseren Funden. Es ist drei-, viertausend Jahren jünger als unsere ältesten Stücke. Aber das ist so entscheidend nicht.

Aber wenn man davon ausgeht, dass der moderne Mensch über die Donau aus dem vorderen Orient kam, dann wäre er früher in Ulm als in Chauvet oder Altamira. 
Müssen wir uns nicht auch fragen, ob Kunst nur einmal an einem Ort entstand und sich von dort aus ausbreitete oder ob sie mehrmals an unterschiedlichen Orten unabhängig von einander entstand? Ich bevorzuge eine polyzentrische Deutung. 

Kunst scheint das Werk des modernen Menschen, des Homo sapiens. Brachte der sie vielleicht schon mit?
Eine Hypothese. Wir haben nirgends Vergleichbares gefunden. In Indonesien hat man etwas gefunden, aber die Datierung ist zweifelhaft. Bei den Grabungen in Südafrika sind wir jetzt in einer Schicht, die ist 70.000 Jahre alt. Wenn wir dort etwas unseren hiesigen Funden Vergleichbares fänden, würde das unser Bild radikal ändern. Aber da ist nichts. In der Schwäbischen Alb gibt es die vielfältigsten und die bestdokumentierten symbolischen Darstellungen der frühesten Menschheit. 

Gerade meldete sich das Leipziger Max-Planck-Institut mit der Mitteilung, die Wandkunst in drei spanischen Höhlen sei 60.000 Jahre alt und müsse darum Neandertalern zugeordnet werden, da nur diese damals auf der Iberischen Halbinsel lebten. 
Ich halte viel von Neandertalern und gönne ihnen vieles, aber die Daten müssen schlüssig und reproduzierbar sein.

Sie sind aber für eine polyzentrische Entstehung?
Ich kann mir vorstellen, dass es unterschiedliche Wege zur Kunst gab, dass sie mehrmals „erfunden“ wurde. So wie wir heute davon ausgehen, dass verschiedene Formen der Steinbearbeitung, wohl auch Ackerbau und Viehzucht und die Schrift unabhängig voneinander erfunden wurden. Wir gehen von den Funden aus, die wir gemacht haben. Aber es gibt sehr viele Orte, an denen niemand gegraben hat, und es gibt auch sehr, sehr viele Orte, an denen man – das hat schon allein geologische Gründe – nichts mehr wird finden können.

Auf den vermuteten Wanderwegen hierher ist keine Kunst gefunden worden?
Richtig. Auch die Kollegen haben nichts gefunden. Also schaue ich nach anderen Orten der Entstehung von Kunst und Musik. Darum grabe ich in Südafrika, im Iran. Wenn es Amulette oder etwas Ähnliches zur Zeit des homo erectus – vor 1,8 Millionen bis vor 40.000 Jahren – gegeben hätte, dann hätten wir es in Schöningen bei den Speeren – 300.000 Jahre alt – entdecken müssen. Es ist weltweit der einzige Ort bisher, an dem sich auch Holz erhalten hat. Aber dort wurde nichts Kunstgleiches gefunden. 

Noch einmal meine dumme Eingangsfrage: Ist die Kunst mit einem Schlag da?
So wie es derzeit aussieht: Ja. Die Funde zeigen keine allmähliche Entwicklung. Die Sonne ist sehr schnell aufgegangen.

Interview: Arno Widmann

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