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Mensch und Maschine Outsourcing des Emphatischen

Lange wurde das Androide letztlich von seinen Defiziten her erzählt – in neueren Fiktionen wird das Posthumane jetzt als Paradigma der Zukunft ins Bild gesetzt.

Roboterfrau in China
Nach gängigen Vorstellungen gut aussehen müssen sie auch, hier Roboterfrau„Jia Jia“. Foto: afp

Würde es Sie sehr stören, eine Maschine zu küssen? Eine Hand zu halten, die nicht aus Fleisch und Blut ist? Ihren Kopf auf eine Brust zu legen, in der kein Herz schlägt? Nein, warten Sie! Was, wenn diese Maschine wirklich gut aussehen und immer das Richtige sagen würde? Wenn Sie niemand anderen hätten? Und vor allem: Wenn Sie gar nicht gleich merken würden, dass Sie es nicht mit einem Menschen zu tun haben, wenn sich jemand vorstellt: „Ich bin Rachael“ oder „Ich bin Edward Cullen“? 

Ja, auch der. Denn, wie hier einmal eingeflochten werden muss: Die weltweit erfolgreiche „Twilight“-Saga, Stephenie Meyers vierbändige Liebesgeschichte von Edward und Bella, 2005 bis 2009 erschienen und in fünf Kreischalarm-Filmen ins Kino gebracht, ist ja nur scheinbar ein Vampir-Epos. Niemand wohnt hier im Sarg, hat Erde unterm Fingernagel und Mundgeruch vom letzten Blutrausch. Im Gegenteil sehen die Helden aus wie Top-Models, verfügen über Superkräfte, lexikalische Kenntnisse und Schwarmintelligenz, vollbringen in jeder Disziplin Höchstleistungen und beschmutzen bei der „veganen“ Nahrungsaufnahme, auf die sie sich umprogrammiert haben (nur Tierblut!), niemals ihr immer nagelneues Outfit. 

Dass diese „Vampire“ auch andere natürliche Bedürfnisse überwinden (wie vorehelichen Sex), macht die vor einigen Jahren erschienene Buchserie zu einer Erziehungsfibel ganz im Sinne des mormonischen Glaubens, dem die Autorin Stephenie Meyer bekannterweise anhängt. Aber vor allem trafen und treffen die 100 Millionen verkauften Bücher den Nerv einer Gesellschaft, die zur Vollfunktionalität, Selbstoptimierung und Durchdigitalisierung entschlossen ist und ihren kreativen Furor nicht in die ja absolut mögliche Schaffung von Frieden oder Beendigung des Hungers fließen lässt, sondern in die Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI).

Tatsächlich fiel die enorme Resonanz auf „Twilight“ zeitlich mit einem wichtigen Schritt der Robotik- und KI-Forschung zusammen: dem aus den Laboren in die Kommerzialisierung und damit in die Gesellschaft. Von Sprachassistenzprogrammen wie Siri bis zum humanoiden Roboter Myon, der als Performer an der Komischen Oper bejubelt wurde, von der mitdenkenden Waschmaschine bis zum selbstfahrenden Auto, hat man sich in diesem Jahrzehnt vollkommen daran gewöhnt, dass „Smartness“ ein Attribut von Maschinen ist, die zwischen uns und anderen unterscheiden können und mehr über die Welt wissen als wir selbst. Auch Visionen wie die, menschliche Gehirne direkt mit Computern zu vernetzen, schrecken nicht mehr wirklich, sondern sind nur noch ein kleiner Schritt. 

Genutzt wird die Technologie ja schon jetzt. Fiktionen von künstlich geschaffenen Wesen gibt es natürlich seit Jahrhunderten, wenn man bei Goethes Homunkulus oder Frankenstein ansetzt. Mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten ausgestattet, blieb dabei aber immer das Menschliche das Ziel, das es zu erreichen galt, äußerlich wie vom Denken und Fühlen her. Data etwa, der freundliche Androide, der Ende der 80er Jahre in der „Star Trek“-Serie auftauchte, lernt quasi in jeder Folge etwas über das Menschsein hinzu und ist stolz darauf. Bei aller partiellen Überlegenheit wurde das Androide lange letztlich von seinen Defiziten her erzählt. 

Diese Hierarchie ist in neueren Fiktionen ins Wanken gekommen. Jetzt addieren sich die Ansätze, das Posthumane als neues Paradigma ins Bild zu setzen, und das nicht nur in der Welt der Computer- und Videospiele. Dass sich etwa die Figur Decker in dem Film „Blade Runner“ in die Replikantin Rachael verlieben konnte, wurde 1982 (bzw. 1968, als die Romanvorlange von Philip K. Dick entstand) dadurch motiviert, dass sich Rachael äußerlich in keiner Weise von einem Menschen unterschied und sich auch selbst für einen Menschen hielt. Bei Stephenie Meyers Vampir-Replikanten indessen sorgen gerade die erkennbaren Unterschiede für Attraktivität, kleinere Unannehmlichkeiten im Umgang werden für das körperlich-geistige Übermenschentum gerne in Kauf genommen, und am Ende der Geschichte besteht daran, dass „Vampire“ auch eine Seele haben, kein Zweifel mehr. Bella ist selbst Vampir geworden und stellt überrascht fest, immer noch ganz und gar sie selbst zu sein, nur besser – überlegen.

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