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Medien Internet Die Okkupation der Privatsphäre

Hysterische Debatten und die eingebildete Unmöglichkeit, einfach nicht mitzumachen: Der Soziologe Harald Welzer appelliert im FR-Interview an den Ungehorsam gegenüber der Überwachung. Und an die Vernunft angesichts der Verdummung und Verschwörungstheorien im Internet.

Wir werden scharf beobachtet, aber nicht unbedingt von einer Katze: Straßenüberwachungskamera vor einem Plakat in London. Foto: REUTERS

Professor Welzer, kaum waren die Pegida-Parolen gegen die „Lügenpresse“ etwas leiser geworden, kam nach dem Absturz von Flug 4U 9525 der nächste öffentliche Aufschrei gegen den „Schund-Journalismus“. Was ist los im Verhältnis zwischen den Medien und ihrem Publikum?

Vielleicht haben wir es mit einer Art Hysterisierungsschleife zu tun? Die Medien machen aus Pseudo- oder Nullinformationen Nachrichten, wie unmittelbar nach dem Absturz. Die Abnehmer steigern gelegentliche Fehlleistungen zum Generalverdacht. Und das Internet wirkt mit all seinen Verschwörungsforen als Hysterieverstärker. Zum Glück aber beziehen die meisten Deutschen ihre Informationen ja nach wie vor aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den etablierten Zeitungen.

Das Vertrauen ist noch da, aber die Basis erodiert?

War das schon mal anders? Als der Regisseur Helmut Dietl Ende März verstarb, sah man doch all diese schmierigen, abgehalfterten Typen aus seinen Filmen wieder, die schon früher den „windigen Journalismus“ verkörperten. Und die „Bild“-Zeitung galt von jeher als schmuddelig, dem Bürgertum wie der Studentenbewegung. Ich glaube, das eigentliche Problem ist ein anderes.

Nämlich welches?

Dass die wenigsten Mediennutzer wirklich wissen, wie Medien funktionieren und was Journalisten – jenseits von Klischees – eigentlich tun: Was genau ist Recherchieren? Wie ist das Verhältnis zu Informanten? Was bedeuten bestimmte Sprachregelungen? Das alles ist in der Vorstellung der Öffentlichkeit diffus. Mit der Folge, dass inzwischen kaum mehr unterschieden wird zwischen sorgfältig verfassten Beiträgen in Qualitätsmedien und völligem Quatsch, den irgendjemand durchs Internet pustet.

Das kommt vor. Aber wie ist es mit dem – vielleicht sogar berechtigten – Ärger von Experten, wenn „die Journalisten“ offenkundig weniger gut Bescheid wissen als sie selbst?

Das ist ein Problem, das sich bei allen lebensweltlichen Themen stellt. Niemand sagt einem Astrophysiker: „Mit Sternen kenne ich mich mindestens so gut aus wie du.“ Aber über die Gesellschaft oder über die Politik glaubt sich jeder ebenso kompetent äußern zu können wie Soziologen oder Politikwissenschaftler. Ein noch besseres Beispiel ist der Sport: Der Kommentator des Länderspiels hat doch nach Ansicht der allermeisten Zuschauer von Fußball keine Ahnung.

Sie haben also nie Anlass, sich über halbgare Artikel zu Ihren Spezialgebieten aufregen zu müssen?

Ganz ehrlich und ohne Schleimerei: Ich bin oft beeindruckt von Reportagen in Zeitungen. Das liegt vielleicht an der Soziologen-Schule, aus der ich komme: Sie hat sehr viel mit genauer Beobachtung vor Ort im Sinn, aber sehr wenig mit Datenhuberei. Es gibt berühmte Titel in der soziologischen Fachliteratur, zum Beispiel über Slums, die sehr stark an gute Reportagen erinnern.

Erklären sich die jüngsten Angriffe auf die Medien womöglich als Weigerung, sie als „vierte Gewalt“ im Gegenüber zum Staat oder zur Wirtschaft zu akzeptieren, und sie stattdessen als „Teil des Systems“ zu brandmarken?

Die Demokratie hat insgesamt das Problem bekommen, dass Menschen sich nicht mehr als Teil eines politischen Gemeinwesens empfinden, zu dem sie – zumindest der Idee nach – gleichwertig etwas beizutragen hätten. Vielmehr gibt es in ihrer Wahrnehmung „uns da unten“ und demgegenüber „die da oben“. Daraus resultieren die Phantasien, dass alles „über unsere Köpfe hinweg“ geschieht. Bei „denen da oben“ werden dann eben auch die Medien einsortiert. Das steckt, glaube ich, in der Tiefe hinter dem Aufbegehren gegen die „Lügenpresse“.

Sie liefern doch selbst Stoff dafür, wenn Sie in Ihrem neuen Buch vor dem totalitären Zugriff der Internet-Riesen warnen.

Zumindest lautet ein Tenor der ersten Reaktionen, „gut, dass das mal jemand ausspricht“. Wobei es insgesamt interessant wäre, einmal darauf zu achten, worüber in den öffentlichen Debatten geredet wird und worüber nicht.

Worauf wollen Sie hinaus?

Auf einen Klassiker der Sozialpsychologie: Wir neigen dazu, dahin zu gucken, wo alle hingucken. Alle Welt spricht heute davon, wie tiefgreifend das Internet unser Leben verändert. Dabei kann es sein, dass beispielsweise der Klimawandel, ökologische Probleme und Nahrungsmittelknappheit künftig viel radikalere Folgen für uns alle haben werden als die Digitalisierung. Vielleicht wäre es tatsächlich die Verantwortung der Medien, in die vergessenen Ecken zu schauen, statt auf das, was eh alle im Blick haben.

Bis zur Verschwörungstheorie von der „Volksverdummung“ durch die Medien ist es dann aber nur noch ein kleiner Schritt.

Von Sigmund Freud gibt es den schönen Satz, „den Wahn erkennt nur der, der ihn nicht teilt“. Will sagen: Es ist extrem schwer, aus dem Deutungssystem herauszutreten, in dem man sich selbst befindet. Das gilt auch für Journalisten. Und seit Kassandra wissen wir, dass die wenigen Mahner in aller Regel für verrückt oder kriminell erklärt werden.

Raten Sie zu einer Entschleunigung angesichts der sich überstürzenden Daten- und Informationswellen?

Noch schlimmer kommen mir die Erregungswellen vor. Die Hysterisierung öffentlicher Debatten ist inzwischen kaum mehr zu überbieten, worunter Personen des öffentlichen Lebens am meisten zu leiden haben. Exemplarisch dafür ist der „Fall Wulff“, der sich – aus zeitlichem Abstand betrachtet – an Petitessen entzündet hat. Nur hat Christian Wulff selbst nicht verstanden, dass sein entscheidender Fehler darin lag, die Wucht der Winzigkeiten nicht zu erkennen. Stattdessen sagt er bis heute: „Ich habe doch gar nichts falsch gemacht.“ Doch, hat er. Er hat seine Person mit seinem Amt verwechselt. Und deshalb hat er sein Amt auch zu Recht verloren. Trotzdem sind die Hysterisierungswellen ein Problem, ganz klar.

Wer treibt da wen? Die Journalisten die Öffentlichkeit? Oder die Öffentlichkeit die Journalisten?

Ich glaube nicht, dass man das trennscharf auseinanderhalten kann. Umso wichtiger ist es, dass es gelingt, gelegentlich innezuhalten und zu fragen, „was machen wir da – alle miteinander?“ Mich hat zum Beispiel der Fall der US-Vizeverteidigungsministerin bestürzt, die zu einem Gesprächspartner „Fuck the EU“ gesagt hat. Darüber hat es sogar eine regierungsamtliche Empörung gegeben, obwohl die Bemerkung in einem privaten Telefonat gefallen war, also nur durch Abhören bekannt geworden ist. Aber niemand hat das Recht auf Privatsphäre verteidigt. Der Skandal war, dass diese US-Politikerin etwas ganz besonders Böses über die EU gesagt hat, nicht, dass eindeutig Recht gebrochen wurde. Man sieht hier, wie die Maßstäbe schon ins Rutschen gekommen sind.

Stecken wir schon in der – wie Sie es nennen – Totalisierungsfalle des Informationszeitalters?

Wir gefährden die Demokratie, wenn wir die Grenzen zwischen öffentlich und privat aufheben, sei es mutwillig oder nachlässig. Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel: Regierungssprecher Steffen Seibert hat das Abhören von Kanzlerin Merkels Handy mit den Worten kommentiert, „unter Freunden geht das gar nicht“. Falsch! Es geht überhaupt nicht. Das ist keine Sache der Freundschaft, sondern der Rechtsstaatlichkeit. Darauf hätte ein Regierungssprecher insistieren müssen, statt die Angelegenheit wie eine private Verfehlung abzuhandeln.

Sie wenden den Begriff „Totalitarismus“ auf die Netzwelt an. Was können wir zur Gefahrenabwehr aus der angestammten Totalitarismusforschung lernen?

Die entscheidende Verwandtschaft zwischen politischem und digitalem Totalitarismus liegt in der Zerstörung der Privatheit, die das Individuum schutzlos macht. Günther Anders hat dazu schon in den sechziger Jahren gesagt, „der Einzelne ist das erste besetzte Gebiet“.

Auch die literarische Kritik des Totalitarismus wie Orwells „1984“ oder Huxleys „Schöne neue Welt“ setzt bei diesem Phänomen an: der Okkupation der Privatsphäre.

Wahrscheinlich kam Anders genau deswegen darauf. Nun war die Privatheit aber noch nie in der Geschichte, in keiner der totalitären Gesellschaften, so im Verschwinden begriffen, wie das heute der Fall ist.

Wie sind Sie zu dieser These gelangt?

Durch ein Forschungsprojekt über Helfer und Retter im Nationalsozialismus. Es ist ja interessant, dass Tausende nur deshalb überlebten, weil irgendjemand sie versteckt hat und das geheim halten konnte. Irgendwann kam mir der Gedanke, „verdammt, die hätten heute überhaupt keine Chance mehr“.

Wegen der ausgeklügelten Überwachungstechnik?

Weil es keine Intransparenzen mehr gibt. Wer es will, kann heute in jede Wohnung gucken, kann nachhalten, was und wie viel die Leute kaufen – und wenn einer plötzlich dreimal so viele Lebensmittel braucht wie sonst, dann weiß man, dass er zwei Esser mehr versorgt als vorher. Während die Gestapo oder die Stasi ihre Daten noch mühsam erheben mussten, brauchen die staatlichen Überwacher von heute sie bloß einzusammeln.

Dagegen steht nur noch der Rechtsstaat?

Damit habe ich mich lange Zeit beruhigt und mir gesagt, gefährlich würde die Sache ja erst bei einem Regimewechsel, der den Rechtsstaat aus den Angeln hebt. Aber das ist falsch. Es braucht gar nicht den sichtbaren „Regimewechsel“, sondern nur den schleichenden Wegfall aller Schranken der Privatheit.

Es braucht noch nicht einmal einen böswilligen Akteur?

Genau. Ich glaube nicht, dass da eine große Weltverschwörung im Gang ist, sondern ein Prozess technischer Machbarkeiten, der quasi automatisch Machtverschiebungen und Veränderungen der Demokratie nach sich zieht.

Und wir schwanken zwischen Begeisterung über die unendlichen Möglichkeiten unseres Smartphones und auf der anderen Seite der Angst vor der Zudringlichkeit der NSA?

Wir sind Teil des Problems. Wir bejubeln jede beschissene App oder den Fernseher, der auf Sprachkommandos reagiert. Aber zugleich sind wir empört über Angriffe auf unsere Privatsphäre, obwohl wir den Angreifern Tür und Tor öffnen. Und das nur wegen ein paar alberner Bequemlichkeitsvorteile. Als wäre es das größte Problem, dass unser Leben zu unbequem ist.

Ein auswegloses Dilemma?

Überhaupt nicht. Hans Magnus Enzensberger hat dazu gesagt, es sei doch ganz einfach, sich dem digitalen Totalitarismus zu entziehen: Smartphone wegwerfen, den Internetzugang kappen, E-Mail-Korrespondenz einstellen. Dafür erntete er dann viel Hohn und Spott.

Logischerweise.

Aber ich finde, er hat völlig Recht. Es wäre doch Micky-Maus-Denke, anzunehmen, dass eine Veränderung der Verhältnisse an einem so entscheidenden Punkt zu haben wäre, ohne einen Preis dafür zu bezahlen. Widerstand kostet. Schlimmstenfalls das Leben, wie wir aus der Geschichte wissen. Uns hingegen erscheint es schon als zu teuer bezahlt, wenn wir auf Whatsapp verzichten sollten. Obwohl wir wissen, dass wir uns mit jeder Message einer Totalüberwachung ausliefern. Enzensberger hält dagegen und sagt: Wir können etwas tun, wir müssen nur wollen.

Wie müsste eine solche Intervention aussehen, ohne spinnert oder weltfremd zu wirken?

Klar kann man leicht sagen, „ein Senior wie Enzensberger kann sich sowas leisten“. Aber selbst dann hätte sein Zwischenruf einen Wert – als Unterbrechung, die einen Prozess von unten in Gang setzen kann, den es für jede relevante gesellschaftliche und politische Entwicklung braucht. Noch fehlt das fast völlig. Als im Jahr 2009 prominente Schriftsteller um Ilija Trojanow und Juli Zeh in der Kampfschrift „Angriff auf die Freiheit“ gegen Sicherheitswahn und den Überwachungsstaat protestierten, ist das der Politik – mit Verlaub – komplett am Arsch vorbeigegangen. Das hat niemanden interessiert. Es waren ja auch nur 500 Intellektuelle ... Bemerkenswert, oder?

Welche Formen der Verweigerung praktizieren Sie selbst?

E-Mails schreibe und lese ich noch. Auch Suchmaschinen benutze ich. Aber ich bin weder bei Facebook noch bei Xing. Ich habe auch kein Smartphone und werde mir ganz sicher nie eines zulegen.

Der letzte Verteidiger der Dampfeisenbahn?

Selbst wenn ich mir so vorkäme, hätte ich gute Gründe dafür.

Sie würden die E-Lok aber trotzdem nicht aufgehalten haben.

Moment, Moment! Die E-Lok interessiert sich nicht dafür, was für Bücher ich lese und welche Musik ich höre. Das Problem beim technischen Fortschritt ist gelegentlich, dass er nicht fortschreitet. Oder waren alle technologischen Innovationen gut, nur weil es sie gab? Die Atombombe? Zivile Nutzung der Kernenergie ohne Lösung der Entsorgungsfrage? Geplante Störungen von Geräten nach Ablauf der Garantiezeit? Der Stadtgeländewagen? Ingenieure haben schon viel Blödsinn in die Welt gebracht.

Schlussfolgerung?

Die Haltungen gegenüber neuen Technologien verändern sich nicht nur graduell, sondern prinzipiell. Wir können – und wahrscheinlich müssen wir es – unsere Einstellung zur Digital- und Informationstechnik jeweils neu suchen. Mit allen Differenzierungsleistungen, die dafür erforderlich sind: Was ist uns tatsächlich von Nutzen? Was erleichtert und verbessert unser Leben? Und was ist überflüssig oder wirklich gefährlich? Es gibt dazu den Satz von Andre Wilkens aus seinem gleichnamigen Buch: „Analog ist das neue Bio“.

Welchen Funken schlagen Sie daraus?

Der Clou in unserem Umgang mit Lebensmitteln ist doch: In unserer durchindustrialisierten Konsumgesellschaft können wir als Verbraucher alles haben, was wir wollen. Und trotzdem haben wir bemerkt, dass uns dieses Schlaraffenland nicht guttut – und dass wir Alternativen haben. Das lässt sich auf die Digitaltechnik anwenden. Klar, wir können sagen, „alles super, alles praktisch, alles toll!“ Aber wir können ebenso gut von der Lebensqualität sprechen, die wir dafür preisgeben.

Der Appell an eine neue Ethik des Lebens?

Von Appellen halte ich wenig, schon gar nicht von moralischen Appellen. Ich möchte den Punkt ausfindig machen, an dem es für die Leute selber doof wird; den Punkt, an dem sie durch neue Techniken nur scheinbar etwas gewinnen. Was haben Sie zum Beispiel davon, in ein selbstfahrendes Auto einzusteigen?

Die Möglichkeit, mich mit etwas anderem zu beschäftigen als dem Bremslicht des Vordermanns.

Ja, aber das „andere“ wird in den meisten Fällen wieder der Laptop mit liegengebliebener Arbeit sein. Der vermeintliche Gewinn an Freiheit führt im Ergebnis zu noch mehr Schufterei. Schauen Sie sich einfach mal auf einem Bahnhof oder in einer Flughafen-Lounge um: Alle sind ständig beschäftigt. Die nicht fremdbestimmten Orte und Zeiten werden immer weniger. Mit Blick darauf ist Autofahren und im Stau stehen tatsächlich ein Gewinn – an unfreiwilliger Freiheit. Einfach mal Löcher in die Luft starren! Was für ein Luxus! Dafür braucht es bloß eine ganz leichte Perspektiv-Verschiebung.

Der Stau als Autonomie-Zuwachs?

Hört sich abwegiger an, als es ist. Der Schweizer Musiker Dieter Meier hat schon vor 30 Jahren gesagt, wie froh er sei, wenn sein Flugzeug mal verspätet ist. Einfach am Gate sitzen und warten! Etwas verpassen, ohne etwas dafür zu können oder es ändern zu können! Wow! Ich erinnere daran, dass der Kampf um freie Zeit einst ein zentrales Motiv der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie war. Was ist heute davon geblieben? Panikattacken und hektische SMS, sobald die S-Bahn fünf Minuten verspätet ist.

Reaktionen, die Sie sich sparen möchten?

Genau. Ich erobere mir jeden Tag ein Stück meines Lebens zurück, indem ich diesen ganzen Quatsch nicht mitmache, und ich gewinne im Vergleich mit allen anderen, die ich kenne, mindestens eine Stunde, weil ich mich nicht ständig behelligen lassen von unnützen Informationen und sinnloser Kommunikation.

Interview: Joachim Frank

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