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Maurice Sendak Das Leben und die Liebe in zehn Sätzen

Mit den „Wilden Kerlen“ hat er sich ein literarisches Denkmal gesetzt und kindlichen Übermut wie kaum ein anderer in Bilder gebannt: Maurice Sendak ist im Alter von 83 Jahren in den USA gestorben.

10.05.2012 16:23
Cornelia Geißler
Maurice Sendak, Zeichner und Autor (1928–2012). Foto: dapd

Auf der Insel, wo die wilden Kerle wohnen, wird es jetzt ganz fürchterlich regnen und stürmen. Es macht nun keinen Spaß mehr, laut und wild zu sein und Krach zu schlagen, denn der König aller wilden Kerle ist tot. Am vergangenen Mittwoch ist Maurice Sendak in den USA gestorben, der Schöpfer eines der fantasievollsten Kinderbücher der Welt.

„Wo die wilden Kerle wohnen“, 1963 erstmals erschienen, erzählt auf Englisch in zehn Sätzen, auf Deutsch (1967, übersetzt von Claudia Schmölders) in 333 Wörtern eine Geschichte über das Kindsein, in der alles Wichtige steckt. Wenn Max in seinem Wolfskostüm durch die Wohnung stürmt und nur Unfug im Kopf hat, schimpft seine Mutter mit ihm, doch er widersetzt sich. Deshalb schickt sie ihn ohne Essen ins Bett. Da trifft also der kindliche Übermut auf die Grenzziehung der Erwachsenen. Maurice Sendak sah sehr genau die Situation seines Helden. „Die Kindheit ist kein Paradies, sondern ein schrecklicher Zustand: Man kann sich nicht wehren“, sagte er damals. 1928 in New York als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer geboren, kränkelte er als Kind oft und fand seine Freunde in Büchern, die seine Schwester aus der Bibliothek mitbrachte. Bald wollte er selbst Bilderbücher entwerfen und verfolgte diesen Weg geradlinig. 1956 erschien sein erstes Buch. Seine detailreichen Zeichnungen, in die er viele Schatten schraffierte, stießen auf ein geteiltes Echo. Bei den „Wilden Kerlen“ war es vor allem der Anarchismus, der Pädagogen erschreckte. Doch sein Publikum in aller Welt erkannte den Reichtum dieses Buchs. Wenn nämlich der Max bestraft in seinem Zimmer ankommt, breitet Maurice Sendak die Schwingen der Fantasie aus, lässt um den Jungen einen Wald wachsen, dann hält ein Meer ein Boot bereit nur für Max, der damit dahin reist, wo die wilden Kerle wohnen. Die machen ihm keine Angst, er tobt und lärmt mit ihnen – dazu braucht Sendak keine Worte, sondern nur Bilder. Die dicken Kerle hopsen über den Boden und baumeln von Bäumen herunter, sie grinsen, dass man die spitzen Zähne sehen kann, und die gelben Augen funkeln.

Das Böse mit dem guten Kern und das vorgeblich Richtige, in dem etwas Falsches steckt, tauchen auch in seinen späteren Büchern immer wieder auf. Auch der Hund Jennie in „Higglety Pigglety Pop!“ ist mit dem Vorgegebenen nicht zufrieden, „In der Nachtküche“ hat der Kuchenteig für Micky zunächst etwas Unheimliches. Und die Grimm’schen Märchen interpretierte Sendak mit Blick aufs Grausame und aufs Zauberhafte. „Die wilden Kerle“ kann man heute immer noch mit derselben Faszination lesen wie vor vierzig Jahren, obwohl die Erziehungsmaßstäbe sich gewandelt haben, und Kinder besser ihre Rechte durchsetzen können. Das dünne Buch wurde sogar in Spielfilmlänge verfilmt. Dem Drehbuchautor Dave Eggers und dem Regisseur Spike Jonze gelang 2009 das Kunststück, die Fantasiewesen wahrhaftig zu gestalten. Dennoch steckt in dem Bilderbuch noch so viel mehr als im Film.

Das liegt an der Wärme, die Maurice Sendak in die Sätze und Bilder gewoben hat. Denn auch die strenge Mutter hat ein Herz. Als Max seinerseits die wilden Kerle ohne Essen ins Bett geschickt hatte, war er einsam, „wollte dort sein, wo ihn jemand am allerliebsten hatte“. Lange, lange segelte er nach Hause. In seinem Zimmer stand das Essen auf dem Tisch „und es war noch warm.“

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