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Marx’sche Ideen Von Menschen und Mäusen

FR-Autor Stephan Kaufmann hat aus den Marx’schen Ideen dennoch ein paar nützliche Hinweise für die Gegenwart extrahiert.

Karl Marx
Karl Marx - hatte er Recht? Foto: imago

„Hatte er recht?“ – Da Marx seine Gedanken oft korrigiert und sein Werk unvollendet gelassen hat, ist diese Frage nicht zu beantworten. FR-Autor Stephan Kaufmann hat aus den Marx’schen Ideen dennoch ein paar nützliche Hinweise für die Gegenwart extrahiert.

Die Wirtschaft: Gibt’s nicht

Die Sphäre von Produktion, Arbeit und Verteilung wird heutzutage „die Wirtschaft“ genannt. Ökonomen sprechen von den „Sachgesetzen der Wirtschaft“, und an den Universitäten wird behauptet, man lehre die Wissenschaft von „der Wirtschaft“. Doch ist dies nicht korrekt. Denn was real vorliegt, ist eine sehr spezielle Form von Wirtschaft – man mag sie Marktwirtschaft oder Kapitalismus nennen. Mit der Rede von „der Wirtschaft“ dagegen wird so getan, als seien die heute gültigen Gesetze und Regeln der Ökonomie ewig, überhistorisch, quasi natürlich, unveränderlich. Alternativlos. Wer sie kritisiert, ist bestenfalls ein Träumer, schlimmstenfalls ein Spinner. Marx dagegen besteht auf der Gesellschaftlichkeit des scheinbar Natürlichen. Er weist darauf hin, dass Geld, Arbeitslosigkeit, Zinsen, Rendite, Konkurrenz einer besonderen Form des Wirtschaftens geschuldet sind und zu ihr passen. Ihre Gesetze gelten heute. Früher war es anders. Morgen kann es anders sein.

Die Marktwirtschaft: Was sich nicht lohnt, ist nichts

Die heute gültigen ökonomischen Verkehrsformen werden meist „Marktwirtschaft“ genannt. Das kann man machen, bleibt aber eher undeutlich. Denn der Markt bezeichnet nur ein Verfahren des Austauschs. Und durch den Austausch entsteht der gesellschaftliche Reichtum nicht. Marx bevorzugte daher den Begriff „kapitalistische Produktionsweise“. Denn damit ist die bis heute maßgebliche ökonomische Bewegung benannt. Kapital, das ist eine Summe Geldes, die Unternehmen vorschießen mit dem Zweck, vergrößert zurückzufließen: 100 Euro investieren, um 110 Euro zurückzubekommen. Diese Bewegung – aus Geld mehr Geld machen – beschreibt das ökonomische Interesse, das heute bestimmt, was produziert wird, wie, wann und ob überhaupt produziert wird. Was der Geldvermehrung nicht dient, das ist nicht „wirtschaftlich“, es wird daher vernichtet oder kommt gar nicht erst auf die Welt. Der Markt ist nur der Ort, an dem sich für den Kapitalisten erweist, ob er seinen Produktionszweck erreicht hat oder nicht. Die „Gesetze des Marktes“ sind die Gesetze des Kapitals. „Kapitalismus“ ist daher ein treffender Begriff.

Das Wachstum: Weil das Kapital nie genug hat

Wirtschaft muss wachsen, das weiß heute jeder. Aber woher kommt dieser Zwang? Beantwortet wird dies heute gern mit den Menschen und ihren prinzipiell unendlichen Bedürfnissen. Diese Antwort hat erstens die Schwäche, mit einer metaphysischen Größe, der Menschennatur, statt mit einer ökonomischen zu argumentieren. Zweitens weiß jeder, dass der Kapitalismus in die Krise geriete, wären alle Menschen mit weniger glücklich – unbefriedigte Bedürfnisse können also nicht der Grund der Krise sein. Eine andere Erklärung begründet den Wachstumszwang damit, dass es ohne Wachstum Arbeitslosigkeit gäbe. Doch ist diese Erklärung zirkulär, da sie die Frage, warum Stagnation in die Krise führt, mit der Aussage beantwortet, ohne Stagnation gäbe es keine Krise. Marx hätte wohl darauf hingewiesen, dass der Produktionszweck im Kapitalismus nicht in der Befriedigung von Bedürfnissen oder der Schaffung von Arbeitsplätzen besteht, sondern in der Bewegung, aus Geld mehr Geld zu machen. Das Maß dieser Bewegung ist ein rein quantitatives „mehr“. Das Kapital hat nie genug. – Hier muss ansetzen, wer nach Ursachen des Wachstumszwangs sucht.

Der Reichtum: Wie Überfluss zu Krisen führt

Laut herrschender Lehre ist „die Wirtschaft“ heute mit der Aufgabe betraut, knappe Ressourcen effizient einzusetzen, um die Bedürfnisse der Menschen optimal zu befriedigen. Wer daran glaubt, ist mit einer Reihe von Paradoxien konfrontiert. So entstehen Wirtschaftskrisen im Kapitalismus nicht aus einem Mangel, sondern einem Überfluss von Gütern – das ist historisch einmalig. Dass Menschen für die Produktion nicht benötigt werden, führt nicht zu Freizeit und Freiheit, sondern zu Arbeitslosigkeit und Armut. Globaler Handel könnte exotische Güter dorthin bringen, wo sie gewünscht werden – stattdessen drohen Handelskriege, und die Globalisierung gilt als Sachzwang, dem man sich beugen muss. Der produzierte Reichtum steigt und steigt – dennoch hört der tägliche Kampf ums Dasein nie auf. Marx war zwar beeindruckt von den Leistungen des Kapitalismus. Er wusste jedoch auch, dass der gigantische und wachsende sachliche Reichtum nur auf die Welt kommt mit dem Ziel der Verwertung. Fabriken, Lager, Waren, Rohstoffe – all dies repräsentiert Ansprüche auf Rendite, auf lohnenden Verkauf. Von der Erfüllung dieser Ansprüche ist alles abhängig gemacht. Die Versorgung der Menschen ist nur ein Nebenprodukt – weswegen Mangel und Überfluss stets gleichzeitig existieren und eigene staatliche Behörden die Verbraucher und die Umwelt vor den Unternehmen schützen müssen.

Die Arbeit:  Wie Lebenszeit zur Ware wird

Handys, Kleider und Toaster wachsen nicht auf Bäumen. Arbeit ist von daher im Kern der Aufwand, der getrieben werden muss, um Güter herzustellen und zu verteilen. Das hat mit den heutigen Verhältnissen nur am Rande zu tun. Heutzutage kaufen Unternehmen die Verfügung über die Lebenszeit von Menschen, um mit deren Leistung einen Überschuss in Geld zu erwirtschaften, der im Unternehmen verbleibt. Ihr Mittel dafür ist der Arbeitsplatz – ein Ensemble von Anforderungen, das garantieren soll, dass die Beschäftigen mehr produzieren als sie kosten. Diese Differenz von Lohn und Leistung zu vergrößern, ist Ziel des Unternehmens. Daher spart es einerseits immerzu bezahlte Arbeit ein, etwa durch Automatisierung. Andererseits kann es von rentabler Arbeit nie genug haben. Denn sie stellt das eigentliche Produkt her: den Gewinn in Geldform, der nie zu hoch ist, weswegen die Forderung nach „Jobs, Jobs, Jobs!“ nie endet. Aus diesem Verhältnis folgt das charakteristische Nebeneinander von Arbeitslosigkeit und Überarbeitung, von Einkommensarmut und Hochkonjunktur sowie ein recht verschwenderischer Umgang mit der Lebenszeit jener Menschen, die im Kapitalismus den Status der Arbeitskraft, also einer Ware haben.

Der Mensch:  Weder gut noch schlecht

Der Mensch ist schlecht, heißt es, jeder sucht seinen Vorteil gegen die anderen, weswegen Konkurrenz und Kapitalismus zum Menschen passen und auch von daher alternativlos sind. Die Existenz einer üblen Menschennatur kann weder bewiesen noch widerlegt werden, weswegen man an sie glauben muss. Marx hatte es nicht so mit Religion und war in seiner zweiten Lebenshälfte vorsichtig mit philosophischen Spekulationen. Für wichtiger hielt er die Untersuchung der Zusammenhänge, in denen Menschen leben, also das ökonomische und politische System. Und im Kapitalismus ist das Zusammenleben gekennzeichnet durch etwas, das man negative Abhängigkeit nennen kann: Alle sind auf einander angewiesen und gleichzeitig gegeneinander aufgestellt. Es herrscht Wettbewerb, die Konkurrenz um Arbeitsplätze, um Geld, um Wohnungen, um Güter, das Gegeneinander von Arbeitnehmern und Unternehmern, von Käufern und Verkäufern, von Verbrauchern und Produzenten, von Zahlern und Empfängern. Um voranzukommen, muss jeder versuchen, Teile des gesellschaftlichen Reichtums für sich zu reservieren und das heißt: die anderen davon auszuschließen. Das ist keine „egoistische“ Gesellschaft, sondern eine, in der der Egoismus des einen nicht im Egoismus der anderen aufgehoben ist, sondern ihm entgegensteht. Marx hielt den Menschen weder für gut noch schlecht. Er wies darauf hin, dass Menschen ihre Interessen gemäß den vorgefundenen Umständen verfolgen – und dass andere Organisationsformen zu anderem Verhalten führen würden: Andere Gesellschaft, andere Menschen. Denn die schreiben ihre Geschichte selbst. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Karl Marx 200

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