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Martin Sonneborn „Satire ist eine Art Notwehr“

Der Satiriker und EU-Abgeordnete Martin Sonneborn spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über Erdogan, Humor und Krieg. Dinge, „die uns belästigen oder bedrohen“ seien mit einem guten Witz „einfach besser zu ertragen“.

Martin Sonneborn hebt im Europäischen Parlament die Hand. Links Beatrix von Storch von der AfD. Foto: AFP

Herr Sonneborn, ist eine Reaktion wie die von Präsident Erdogan hilfreich für Satiriker?
Es ist eine bewundernswerte Reaktion, wie man sie sich besser nicht wünschen kann. Wir haben uns bei „Titanic“ immer gefreut, wenn so etwas passiert ist, wenn ein Papst uns verklagt hat oder Beckenbauer und der Deutsche Fußball-Bund millionenschwere Verfahren angedroht haben. Das zeigt ja, dass man ins Schwarze getroffen hat.

Gibt es keine Grenze, bei der man sich sagt, jetzt wird es bitterernst?
Nein, also wir haben ja den Auftrag der „Titanic“-Gründer, die Grenzen der Satire monatlich neu auszuloten, schon deshalb kann es keine festgeschriebene Grenze geben. Als die Mohammed-Karikaturen in Umlauf kamen, und wütende Islamisten randalierten, habe ich in der Redaktion einen
Wettbewerb ausgeschrieben: Der erste Redakteur, der eine Fatwa auf sich zieht, bekommt eine Woche Urlaub. Daran wird seit 2005 gearbeitet. Bisher erfolglos, ein Sonderurlaub musste noch nicht gewährt werden.

Warum reagiert Erdogan überhaupt so? Nur, weil der Boss vom Bosporus keinen Spaß versteht?
Ich glaube, Erdogan ist ein Idiot. Ein kranker Mann am Bosporus. Kurz habe ich gedacht, es erinnert mich an Hitler in seinen letzten Tagen im Bunker. Erdogan nimmt die Welt etwas verschwommen wahr und wird von seinen Beratern nicht mehr gewarnt oder gebremst. Vielleicht sind das die letzten Zuckungen eines untergehenden Regimes.

Das wäre ja selbst Putin nicht passiert.
Putin? Nein, der ist souveräner. Er hätte höchstens einen Marschflugkörper geschickt.

Es ist also eine Art spätorientalische Dekadenz bei Erdogan?
Nein, so würde ich es nicht bezeichnen. Es zeigt eher eine große Verwirrtheit und weltferne Egozentrik. Jeder einigermaßen intelligente Despot weiß doch, dass man auf Späße dieser Art keineswegs reagieren darf. Helmut Kohl und Merkel zum Beispiel haben nie auf Satire reagiert, und sie hätten weiß Gott gute Gründe gehabt. „Extra 3“ hat ein älteres Publikum, die hätten sicher auch kommentarlos hingenommen, was sie da gesehen haben, wenn Erdogan das nicht so befeuert hätte. Schön ist natürlich, dass es nun Diskussionen über Satire gibt. Peinlich ist, wie die Bundesregierung sich verhält. Aber das sind ja lustige Wellenbewegungen. Nach Charlie Hebdo hat sich die große Mehrzahl der Medien und Politiker schützend hinter die Satire geworfen. Und drei Tage später hatte man schon Schwierigkeiten, außerhalb von „Titanic“ etwas aggressivere Satire zu platzieren. Insofern finde ich den Versuch der Bundesregierung, die Angelegenheit herunterzuspielen jetzt bezeichnend.

Wie hätte die Bundesregierung reagieren sollen?
Ich hätte zumindest nicht versucht, die absurde Einbestellung des deutschen Botschafters zu vertuschen. Sie hätte klar sagen sollen, es gibt hier Grenzen, Freund Türke. Auch und gerade, weil sich Erdogan in Europa zurzeit unfassbar aufspielt.

Was hätten Sie als deutscher Botschafter im türkischen Außenamt gesagt?
Oh, das weiß ich nicht. Ich hätte vermutlich ein wenig vor mich hin genuschelt, wäre sehr höflich gewesen und hätte zugesehen, dass ich da möglichst schnell wieder rauskomme. Was soll man auch sagen in den Kreisen Erdogans? Die Türkei gehört eben nicht zum Kulturkreis Europas. Und solange ich im Europa-Parlament sitze, wird die Türkei deswegen auch nicht in die EU aufgenommen. Ich arbeite gerade an einer Umgestaltung der EU, an einem Kerneuropa mit 27 Satellitenstaaten. Da ist kein Platz für so ein Regime.

Mehrheiten haben Sie für dieses neue Europa aber noch nicht?
Nein, leider nicht. Aber es arbeiten jetzt sehr viele Seiten daran mit. Wir unterstützen auch den bevorstehenden Brexit und planen gerade, mit 50 Leuten in Parteianzügen drei Tage vor der Abstimmung in England zu landen und den Briten zu befehlen, in der EU zu bleiben. Das Unternehmen heißt „German Day“, kurz: G-Day. Ich glaube, das wird dann das Zünglein an der Waage spielen und helfen, die Engländer rauszukanten.

Ist die böse Ironie das richtige Mittel gegen Autokraten?
Das kann man sicherlich unterschiedlich bewerten. Ich sehe es als gutes Mittel. Die Köpfe, die sich in Deutschland satirisch betätigen, tun das ja nicht nur, um ihre Hefte oder Sendungen zu füllen. Satire ist eine Art Notwehr, die es erleichtert, mit dem Irrsinn, der uns in diesem wahnwitzigen kapitalistischen System umgibt, zurechtzukommen. Wir kritisieren Dinge, die uns belästigen oder bedrohen und die sind mit einem guten Witz einfach besser zu ertragen.

Für wen ist die Affäre entblößend? Nur für Erdogan oder für die deutsche Seite, die auf ihn in der Flüchtlingskrise setzt?

Es ist für beide Seiten entblößend. Es ist der unverzeihliche Fehler eines alternden Diktators, sich auf diese Weise mit einer Kunstform auseinanderzusetzen, die er nicht verstehen kann. Und auf deutscher Seite ist es eigentlich sogar geschickt, alles unter der Decke zu halten. Dämlich ist es nur, wenn man damit auffliegt. Aber zumindest ist der Unterhaltungswert der Bundespressekonferenz deutlich gestiegen, in diesem Herummäandern und den hilflosen Versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen, ohne zu erklären, dass der deutsche Botschafter einbestellt wurde. Ich an Merkels Stelle hätte dem Türken daraufhin übrigens den Krieg erklärt.

Kann ja noch kommen. Sie sitzen ja im Europa-Parlament. Gibt es denn aufseiten der EU den nötigen Humor?
Zumindest die Verwaltung hier hat Humor. Sie haben Udo Vogt, den NPD-Vertreter, einem Fraktionslosen – wir sind als solche der Abschaum des Parlaments und haben Plätze zwischen 780 und 800 – den Sitzplatz mit der Nummer 788 zugewiesen. 88 steht bei unseren völkischen Freunden für „HH“. Unter den Abgeordneten ist der Humor dagegen leider nicht sehr ausgeprägt.

Auch auf deutscher Seite und bei der Kirche gibt es Grenzen des Humors, oder?
Für viele Randgruppen, besonders für die Kirche, gibt es recht enge Humorgrenzen. Für Satiriker sollte es natürlich keine geben. Aber wahrscheinlich ist „Titanic“ das einzige Medium, das keine von außen gesetzten Grenzen kennt. Und so soll es auch sein.

Interview: Michael Hesse

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