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Martin Luther Auf das Maul gesehen

Trotz aller Bemühungen um ein historisch fundiertes Bild von Luther und seinem Werk halten sich eine Reihe von Mythen und Legenden.

Martin Luthers Einzug in Worms
"Luthers Einzug in Worms" (Gemälde von Friedrich Wilhelm Martersteig). Foto: epd

Überlieferungen bedürfen der Überprüfung. Trotz aller Bemühungen um ein historisch fundiertes Bild von Luther und seinem Werk und Wirken hält sich eine Reihe von Mythen und Legenden um den Reformator, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch das diesjährige Jubiläum überdauern werden. Dazu zählt auch der nicht zu verifizierende sogenannte Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517. Aber auch andere „Überlieferungen“ bedürfen der Korrektur.

Exemplarisch seien zwei ins allgemeine Bewusstsein eingebrannte Legenden aufgerufen. Da wäre zum einen der Luther zugeschriebene sympathisch anmutende Ausspruch „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der erste schriftliche Nachweis stammt tatsächlich erst aus dem Jahr 1944. Die evangelische Kirche hat vor einiger Zeit das Ergebnis intensiver Nachforschungen bekannt gegeben, ob sich das berühmt gewordene „Zitat“ nicht doch auf Luther selbst zurückführen ließe: Man hat keinerlei Beweis finden können.

Zum anderen das geradezu sprichwörtlich gewordene „Zitat“, mit dem Luther seine Rede vor dem Wormser Reichstag 1521 beendet haben soll: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Nachweislich hat Luther diesen Satz in Worms selbst nicht gesagt. Er ist erst in einem Druck seiner Rede nachträglich eingefügt worden. Diese Erfindung trifft natürlich sehr wohl die tatsächliche Haltung des Reformators, der an seinen Positionen unbeirrt festhalten wollte.

Der erste Bibel-Übersetzer? 

Deutsche Bibelübersetzungen seit dem Frühmittelalter Zu den immer noch populären Legenden zählt die Behauptung, Luther sei der Erste gewesen, der die Bibel ins Deutsche übertragen und damit eine neue Epoche der deutschen Sprachgeschichte begründet habe. Teil- und Vollübersetzungen der Bibel aber sind schon seit Beginn deutschsprachiger Überlieferungen bekannt. Bis 1500 hat es insgesamt mehrere hundert Übersetzungen gegeben. Und auch durch frühe Drucke ist die Bibel in deutscher Sprache schon vor Luther verbreitet gewesen.

Nach 1466, als in Straßburg der Verleger Johannes Mentel die erste Vollbibel, die sog. Mentelin-Bibel, gedruckt hatte, erscheinen – vor Luther – noch weitere dreizehn hochdeutsche, vier niederdeutsche und vier niederländische Bibeldrucke. Damit ist freilich die Frage noch nicht beantwortet, ob Luther in dieser Traditionsgeschichte nicht doch eine Vorreiterrolle zukomme. 
Luther war tatsächlich der Erste, der seine Übersetzung textkritisch und theologisch auf eine neue Grundlage gestellt hat. Textkritisch neu war, dass Luther 1521/22 auf der Wartburg mit Unterstützung von Mitarbeitern, namentlich von Philipp Melanchthon, für seine Übersetzung anstelle der bis dahin als kanonisch geltenden lateinischen Vulgata den griechischen Urtext als Fundament nutzte; Erasmus von Rotterdam hatte ihn 1519 zugänglich gemacht. 

Damit war auch eine fundamentale sprachliche Neuorientierung verbunden. Die vorlutherischen Übersetzungen waren in erster Linie Hilfsmittel, um die lateinische Fassung in der Vulgata zu verstehen. Deren Sprache galt neben Griechisch und Hebräisch als eine der drei „heiligen Sprachen“. Nur in diesen Sprachen – so war die Überzeugung – habe sich die Offenbarung Gottes auf authentische Weise manifestiert.

Die Ehrfurcht vor dem angeblich authentischen Wort Gottes in Latein war auch einer der Gründe, warum in den Bibelübersetzungen vor Luther das Deutsche ohne Rücksicht auf dessen grammatische und stilistische Besonderheiten eingesetzt wurde. Diese Übersetzungen waren dadurch vom realen deutschen Sprachgebrauch ziemlich weit entfernt.

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