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Marseille Verwandelte Stadt

Frankreich schafft ein Gegengewicht zu Paris: Wie Marseille als Kulturhauptstadt Europas transformiert wird.

02.02.2013 16:01
Maja Beckers
Kunstwerk von Luc Dubosc in Marseille. Foto: afp/ANNE-CHRISTINE POUJOULAT

Marseille ist anders. Etliche Versuche, im heruntergekommenen Stadtkern eine Gentrifizierung einzuleiten, sind in der Vergangenheit fehlgeschlagen. Mal hatte man Galerien in einer willkürlich umbenannte „Straße der Künste“ neu eröffnet. Mal hatten ausländische Investmentfonds ganze Straßenzüge gekauft und saniert.

Die Galerien sind wieder geschlossen, das neue Straßenschild wurde geklaut, viele der sanierten Eigentumswohnungen stehen leer. Dann wurden größere Geschütze aufgefahren. Beim Spazieren durch Marseille versteht man jetzt oft sein eigenes Wort nicht mehr: Überall wird gebohrt, gehämmert, gewalzt. Die Kulturhauptstadt 2013 soll nicht nur aufpoliert, sie soll transformiert werden.

Marseille erstrahlt

„Endlich erstrahlt Marseille!“, ruft Mussa Mbaku, ursprünglich aus dem Senegal, seit vierzig Jahren Marseiller und sichtlich stolz. „Ist das nicht herrlich?“ Er steht am alten Hafen auf einem weiten, weißgepflasterten Platz und breitet die Arme aus. „Hier verlief vorher eine neunspurige Straße“, erzählt Mbaku, als Busfahrer fuhr er darauf täglich entlang. Der hübsche alte Hafen war der Hauptverkehrsknotenpunkt der Stadt, verschenktes Potenzial. Hier wollte sich niemand aufhalten. Heute schreitet Mbaku fast feierlich über den gleißend hellen Granit. „Endlich haben wir wieder was von unserem Hafen.“

Bürgerbeteiligung und Bürgernutzen sind, so die offizielle Rede, das große Credo der vielen Umstrukturierungsprojekte, die derzeit am Werk sind. Zu oft haben sich die Marseiller den Krisenüberwindungsmaßnahmen verweigert, die mit viel Geld angelegt waren, aber von außen kamen. Jetzt sollen sie unbedingt mitmachen, denn es geht um die Veränderung Marseilles ganz elementarer Stadtsoziologie.

Die wirkt wie die Inside-Out-Variante anderer französischer Städte. Während jeder, der es sich leisten kann, in einen Vorort zieht, tummeln sich zwischen den verrottenden Prachtbauten im Zentrum fast ausschließlich Arme, Arbeiter, Immigranten und ja, auch Klein- und Großkriminelle. Marseille eilt der Ruf voraus, ein Beispiel für gescheiterte Integration und hohe Kriminalität zu sein, ungeachtet der Frage, ob denn Paris mit seinen Banlieue-Strukturen für eine bessere Integration stehe.

Der Titel „Europäische Kulturhauptstadt“, den Marseille gemeinsam mit der umliegenden Provence sowie dem slowakischen Ko?ice erhalten hat, ist da ein Ritterschlag – wenn auch weniger die Krönung einer Entwicklung als deren Anschubhilfe, so hofft man. Es soll die Chance auf einen Imagewechsel und wirtschaftlichen Aufschwung Marseilles sein. Zehn Millionen Touristen werden erwartet, 20 Prozent mehr als sonst. Und so werden manche teils über zehn Jahre geplante Projekte pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr fertig, andere ambitioniert begonnen.

Alles neu in Marseille

Der Autoverkehr in der Innenstadt soll drastisch reduziert, der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden. Ganze Straßenzüge sind schon saniert, etwa die Cannabière, die große Prachtstraße, die eigentlich nie eine war. Das Projekt Euroméditerranée, das größte Städtebauprojekt Europas, krempelt ein 480 Hektar riesiges Areal am neuen Hafen um. Mit seinem schicken Business-Viertel um den Büroturm der Architektin Zaha Hadid, der an ein Victory-Zeichen erinnert, wirkt es wie eine Schocktherapie, der das ewig schmuddelige Marseille unterzogen werden soll. 2020 soll das Areal fertig sein.

Und schließlich investierte die Kulturhauptstadt noch 680 Millionen Euro in den Neu- und Umbau von Kultureinrichtungen, ein Superlativ in der Geschichte der Kulturhauptstädte. So öffnen in diesem Jahr drei neue Museen, am neuen Hafen aufgereiht wie Perlen an einer Kette. Sie alle haben mit dem Schwerpunktthema der Kulturhauptstadt zu tun: dem Mittelmeerraum, dem „geteilten Süden“, wie es im Titel heißt.

Das Musée Regards de Provence liegt in der umgebauten Sanitärstation des Hafens. Hier wurden früher Immigranten in Empfang genommen, untersucht und ihre Kleider gewaschen. Seit über 40 Jahren aber verrottet das Gebäude in prominentester Lage. Jetzt kann der Besucher hier durch die teils originalgetreu restaurierten Räume mit den riesigen Waschgerätschaften streifen, das erste, was man als Immigrant damals von Frankreich sah. Im restlichen Gebäude sieht man provenzalische Kunst, die immer auch stark von eben jenen Ankommenden beeinflusst war.

Daneben ragt die Villa Méditerranée gleich einem gläsernen Sprungbrett ins Hafenbecken. Das C-förmige Gebäude befindet sich zur Hälfte unter Wasser, symbolträchtig im „Mare Nostrum“, das die umliegenden Staaten teilen. Während der lichtdurchflutete obere Teil für Ausstellungen genutzt wird, soll das unter Wasser liegende Auditorium einen symbolisch neutralen Ort bieten für Diskussionen und Konferenzen der Mittelmeernationen.

Gegengewicht zu Paris

Das dritte Museum des Hafens ist das Herzstück der Kulturhauptstadt: das Museum der Mittelmeerzivilisation, kurz MuCem. Der Glasquader ist mit einem verschlungenen Betonnetz, das an einen Algenteppich erinnert, überzogen und durch eine schmale Eisenbrücke mit der Festung Saint-Jean verbunden, die zwischen den Häfen thront. Es wird das erste Nationalmuseum außerhalb von Paris sein und ist Teil der großen Dezentralisierungsstrategie, die Frankreich seit einigen Jahren verfolgt. Dazu gehört auch, dass Marseille, wie schon Lyon, bald mit angrenzenden Gemeinden zur Metropole verschmelzen soll, es sind Ansätze Gegengewichte zu Paris zu schaffen.

Auf der anderen Seite der Festung führt jetzt auch eine kleine Brücke zum Hügel mit dem Altstadtviertel Le Panier. „Die hatte eher soziale Gründe“ sagt der Architekt Rudy Riciotti, der das MuCem entwarf. Sie erleichtert den Bewohnern des Viertels den Zugang. So werden überall mit großer Geste Brücken geschlagen, zwischen alt und neu, übers Mittelmeer und zu den Bürgern Marseilles. Von letzterer wird besonders gern gesprochen.

Doch die Reden von der Bürgerbeteiligung verlieren schnell an Substanz, spricht man mit Sabine Günther. Die Deutsche lebt seit zwanzig Jahren in Marseille und bietet ab Juli literarische Stadtrundgänge an. „Weil ich das Glück hatte, Ulrich Fuchs aus der Programmleitung zufällig zu treffen“, erzählt sie. „Unsere offiziellen Bewerbungen aus der freien Marseiller Kulturszene blieben unbeantwortet.“

Dort fühlen sie sich abgehängt und sind wütend, dass das Programmbudget größtenteils etablierten Kulturinstitutionen zugutekommt. Dabei gibt es sie, die quirlige Marseiller Kreativszene, rund um den Cours Julien hat sie ihr Zentrum. „Und sie warten mit spannenden Projekten auf durchaus hohem Niveau auf“, sagt Sabine Günther.

Kritik an der Verteilung der Gelder ist ein ständiger Begleiter der Kulturhauptstädte. Dass aber der Unmut über den mangelnden Kontakt zur Kulturszene Marseilles tief greift, zeigt die große Gegenveranstaltung „Marseille 2013 Off“. Ihr haben sich viele enttäuschte Kulturschaffende angeschlossen. Mit Hunderten Projekten und eigenen Sponsoren starten sie ein ambitioniertes Gegenprogramm: „La ville rebelle“.

Gespaltene Stadt

Der Busfahrer Mussa Mbaku dagegen ist begeistert. Er hat mit seiner Familie die Eröffnungsfeier besucht. Der Fokus auf den Mittelmeerraum stimmt ihn euphorisch: „Das ist endlich mal eine Wertschätzung für uns Einwanderer. Vielleicht kann es sogar zur Verbesserung der Integration in der Stadt beitragen“, sagt er und spricht damit aus, was sich viele von der Kulturhauptstadt und ihrer umfassenden Transformation erhoffen.

Noch ist die Stadt gespalten. Die Marseiller werden entscheiden, ob die Transformation ihrer Stadt gelingt.

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