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Marie Marcks Sie leben noch. Sie haben versagt!

Marie Marcks feiert ihren 90. Geburtstag. Ihre Cartoons, ihre Geschichten öffneten einer ganzen Generation die Augen für die Absurditäten des Alltagslebens, für die Komik der Geschlechterverhältnisse und die große, weite Welt der Beziehungen von Eltern und Kindern.

25.08.2012 17:37
Von Arno Wiidmann
Marie Marcks an einem ihrer Dutzend Arbeitstische. An der Wand hinter ihr das Bild mit den Archaeopterixen, vor ihr die Farbstifte. „Hier hole ich mir die, die ich brauche und nehme sie mit rüber. Dort zeichne ich.“ Foto: Andreas Arnold

Marie Marcks feiert ihren 90. Geburtstag. Ihre Cartoons, ihre Geschichten öffneten einer ganzen Generation die Augen für die Absurditäten des Alltagslebens, für die Komik der Geschlechterverhältnisse und die große, weite Welt der Beziehungen von Eltern und Kindern.

Am 25. August werden Sie …

Hören Sie auf. Das ist ja schrecklich. Alle wollen wissen, wie es ist, alt, so alt, zu werden. Wie soll es schon sein?

Na …

Natürlich bin ich alt, uralt. Sonst wären Sie ja gar nicht da. Es waren jetzt schon so viele da. Und es kommen immer mehr. Stellen Sie bitte, bitte andere Fragen. Das ist sonst langweilig. Für mich und für Ihre Leser. Also fragen Sie mich um Himmels willen nicht nach dem Alter. Wenn Sie mich fragen, kann ich nur mit einem Gedicht von Fontane antworten:

„Immer enger, leise, leise

Ziehen sich die Lebenskreise,

Schwindet hin, was prahlt und prunkt,

Schwindet hoffen, hassen, lieben,

Und ist nichts in Sicht geblieben

Als der letzte dunkle Punkt.“

So ist es. Mehr ist dazu nicht zu sagen. So war es immer. Das ist ein Trost, ändert aber nichts an der Sache. Je mehr man mich danach fragt, desto schlechter wird meine Laune. Davon hätten wir nichts. Und schon gar nicht Ihre Leser.

Im Caricatura Museum in Frankfurt am Main wurde am 9. August eine Marie Marcks-Ausstellung eröffnet …

Sie ist riesig. Kenntnisreich. Wunderschön gemacht. Es war eine große Freude, das zu erleben. Antje Kunstmann, meine erste Verlegerin, meine gute Freundin, hat eine sehr bewegende Rede gehalten. Auch F. W. Bernstein. Alles sehr schön. Ich hielt auch eine Dankesrede und da habe ich gesagt: Jemand behauptete, ich sei ein Menschenfreund. Seitdem lese und höre ich immer wieder, ich sei ein Menschenfreund. Das stimmt nicht. Ich dementiere energisch. Ich bin kein Menschenfreund. Wäre ich einer, hätte ich meinen Beruf verfehlt.

Sie haben fünf Kinder …

Na ja, das sind eben meine Kinder.

Bei denen haben Sie es in Kauf genommen, dass es Menschen sind?

Meine älteste Tochter ist pensioniert. Auch meine jüngste ist schon über Fünfzig. Die sind alle schon in der zweiten Lebenshälfte. Ich habe acht Enkel und zwei Urenkel. Bei denen fremdele ich noch ein wenig. Ich bin schnell erschöpft.

Ihr bewegendstes Buch ist für mich Ihre Autobiografie „Marie, es brennt“.

Das ist, wenn ich das so sagen darf, mein Lieblingsbuch. Da ist alles exakt so, wie ich es haben wollte. Die Verlegerin Antje Kunstmann hat sich ganz aufs Verlegen beschränkt. Es ist sehr schön geworden. Es basiert auf meinen Tagebüchern. Die habe ich geführt, seit ich vierzehn war. Da steht alles drin. Von den Mathematiknoten über die Verliebtheiten bis zu politischen Bemerkungen. Am 16. Juli 1941 notierte ich mir zum Beispiel: „Manchmal wankt in mir alles, was ich mir mühsam erobert habe, mein ganzer Patriotismus. Da komme ich nach Hause und alles ist futsch.“

Sie sind eine Erzählerin in diesem Buch mit Bildern und mit Wörtern.

Das Buch war als eine Hommage an meine Eltern gedacht. Vor allem an meine durch nichts kleinzukriegende Mutter. Es wäre schade gewesen, diese Geschichten wären verloren gegangen. Zum Beispiel: Ich war ein rebellisches Mädchen. Ich habe nicht getan, was man mir sagte. Ich musste oft nachsitzen. Meine Mutter fand das übertrieben. Manchmal kam sie in die Schule, öffnete die Tür zu dem Raum mit den Nachsitzern und rief ihnen – ohne auf die aufsichtführende Lehrerin zu achten – zu: „Jetzt langt es. Geht nach Hause.“ Wir standen auf und jede von uns ging nach Hause. Nie protestierten die Lehrer. Sie hatten einen Heidenrespekt vor meiner Mutter. Es ist gut, dass ich das damals gemacht habe. Ich konnte mich noch an so viel erinnern. Inzwischen verwischt sich so vieles in meiner Erinnerung. Ich hatte keinen Plan. Bei der Arbeit selbst kam eines zum anderen.

Gibt es Episoden, die nicht ins Buch fanden?

Eine Geschichte, um die es mir sehr leid ist, konnte ich nicht unterbringen. Als wir Kinder waren, waren wir jeden Sommer auf Usedom: Stubbenfelde, Kölpinsee. Meine Mutter war immer unterwegs. Sie konnte nicht still sitzen. Sie ging den Steilhang hoch, suchte in dem Gestrüpp nach Beeren und Pilzen. Hatte sie eine Hand voll, ging sie hinunter zum Strand und stopfte abwechselnd meiner Schwester und mir den Mund. Meine Mutter war Kettenraucherin. Sie hatte vom Tabak ganz braune Finger. Während ich Ihnen das erzähle, rieche ich die Hand meiner Mutter, die Blaubeeren, die Walderdbeeren, die Pilze, den Tabak und das Meer. Das ist der Inbegriff der Mutter für mich. Aber wie soll man das zeichnen!

Sie studierten Architektur?

Ach nur ein paar Semester und auch die nicht wirklich. Ich hatte keine Zeit zu studieren. Ich war dauernd verliebt. Dann heiratete ich. Es kamen die Kinder. Mein Mann war Wissenschaftler, Chemiker. Wir lebten ein Jahr in den USA. Ich hörte, dass für 1958 eine Weltausstellung in Brüssel geplant sei. Das interessierte mich. Ich graste meine Verbindungen zu Architekten ab, ob nicht jemand jemanden kannte, der jemanden kannte, der etwas mit der Weltausstellung zu tun hatte. Tatsächlich fand ich jemanden, und wie oft aus einem Nichts doch etwas wird, konnte ich die Architekturabteilung des Deutschen Pavillons auf der Brüsseler Weltausstellung gestalten. Das war eine großartige Sache für mich. Ein paar Häuser weiter, im Pavillon der USA, arbeitete unser aller Idol, der großartige amerikanische Zeichner Saul Steinberg an seinen Riesenbildern „Die Amerikaner“. Ich bin oft rübergegangen und ihm zugesehen. Er machte seine Skizzen auf Packpapier. Da hätte ich mühelos etwas abgreifen können oder mir schenken lassen. Aber ich traute mich nicht.

F.W. Bernstein hat Studenten Ihren Weltausstellungsbeitrag und den Steinbergs vergleichen lassen.

Ach ja? Das kenne ich nicht. Bernstein macht sehr schöne Sachen. Zum Beispiel „Bernsteins Buch der Zeichnerei“ ist ganz großartig. Er kann ja wahnsinnig gut zeichnen.

Woran sieht man das?

Er kann alles, was ich nicht kann. Er braucht keine Vorzeichnung. Ich muss alles vorzeichnen. Manchmal flutscht es. Aber manchmal muss ich es wieder und wieder probieren. Bernstein kann alles aus der Lamäng. Ich bewundere das sehr. Mein Vater konnte das auch. Ich brauche Bleistift und Radiergummi. Das ist ein ganz anderes Arbeiten.

Gibt es Kunstmuseen, die Bilder von Ihnen gekauft haben?

Nein. Was ich mache, wird von der Kunstszene nicht als Kunst angesehen. Es spielt sicher auch eine Rolle, dass ich eine Frau bin. Als die Neue Frankfurter Schule die Titanic gründete, bekam ich das mit und sagte: Ich will mitmachen. Das tat ich auch, aber als ich einmal den Zug zur Redaktionskonferenz in Frankfurt am Main verpasste, fühlte ich mich so wohl wie ich mich als Kind gefühlt hatte, wenn ich die Schule schwänzte. Ich ging nicht mehr hin. Die Herren unternahmen nichts, um mich zurückzuholen. Die hatten es gar nicht gemerkt. Als sie es merkten, kam es ihnen wohl ganz recht, dass ich abgesprungen war. – Schauen Sie sich mal den Regen an!

In Ihrem Hof waren es vor dem Gewitter 42 Grad!

Die Hitze ist unerträglich. Das ist ja Hagel! Können Sie bitte die Tür dort öffnen, dass etwas frische Luft hereinkommt. Da ist ja schon wieder die Sonne. Gnadenlos. Oh, das riecht gut. Den Männern war, was ich machte, völlig gleichgültig. Sie waren nett, kollegial. Allen voran F.K. Waechter und Robert Gernhardt, hochbegabte Leute. Aber ich sah die Sachen aus einem ganz anderen Winkel. Ich war eine Frau, die Kinder nicht nur geboren hatte, sondern auch großzog. Oft allein großzog. Das fanden die einfach nicht interessant.

Arbeiten Sie noch?

Nein, das kann man nicht sagen. Das letzte Buch, das ich gemacht habe, erschien 2008. Herausgegeben vom Goethe-Institut, von Jutta Limbach: „Eingewanderte Wörter“. Ich hatte es gestern wieder einmal in der Hand. Es ist recht hübsch geworden. Letztes Jahr erschien in der Reihe „Meister der komischen Kunst“ ein Band von mir, über mich. Aber das ist im Wesentlichen eine Sammlung alter Arbeiten.

Was ist mit „Niemand welkt so schön wie du“ aus dem Jahre 2005?

Ich hatte eine Nachbarin. Die war so alt wie ich. Aber sie ermüdete nicht, ganz gleich wie alt sie war – sie verliebte sich immer wieder aufs Neue. Einmal traf ich sie auf der Straße. Ich war erschrocken und fragte sie: „Warum siehst du denn so mickrig aus?“ Sie antwortete: „K. hat zu mir gesagt: Keine Frau welkt so schön wie du.“

Das mussten sie klauen.

Ja. Aber diese Einschränkung, dieses „keine Frau“, das musste weg. Die Herren wollen es nicht wahrhaben, aber sie welken auch. Wir kannten uns. Sie musste damit rechnen, dass ich etwas daraus mache.

Der von Ihnen zitierte Fontane hatte wohl doch nicht recht. Es gibt offenbar Leute, bei denen schwindet das Lieben nicht.

Bei ihr war es so. Mit mehr oder weniger Erfolg.

Wie bei allen. Oder waren Sie immer nur glücklich verliebt?

Nee. Es gab einmal eine Liebe, die bahnte sich so an: Der Mann stand neben mir im Kaufmannsladen. Ich fragte ihn, ob er zufällig jetzt hier stünde. „So zufällig wie möglich“, gab er zur Antwort. Später schickte er mir einen Brief, der über und über beklebt war mit den Marken „Notopfer Berlin“. Das war eine Liebeserklärung an mich, die Berlinerin. Eine sehr nette Geste. Aber ich wollte damals nichts Längeres.

Sie haben nie überlegt, wieder nach Berlin zu ziehen?

Nach der Scheidung 1970 wollte ich wieder nach Berlin. Aber die Kinder hatten hier ihre Freunde. Diese Halbwüchsigen zu entwurzeln, das traute ich mich nicht. Es war eine Zeit, in der Drogen ein großes Problem waren. Alle haben damals gekifft. Ich hatte Angst vor schweren Drogen. Da wollte ich die Kinder nicht unnötig verunsichern. Der Sohn einer Freundin hat sich mit 17 mit einer Überdosis umgebracht. Das war vor vierzig Jahren. Sie macht sich immer noch Vorwürfe. So etwas kann jedem passieren. Das hätte mir auch passieren können. Ich hatte Glück. Auch damit.

Jetzt sollten wir die Tür wieder zumachen. Es kommt keine frische Luft mehr rein. Nur noch die Hitze. Ich klebe. Ich kann nichts anfassen.

Hier oben ist es sehr heiß. An diesen Tischen arbeiten sie?

Ja. Das ist der von Emil Orlik. Leider nicht mehr mit dem Originallinoleum. Es sind viele Tische. Darum verlege ich auch immer wieder etwas Wichtiges. Ich würde Ihnen so gerne einen Brief von Hans Traxler zeigen. Ein sehr freundlicher Brief über das Alter. Er ist ja auch schon über achtzig und unendlich produktiv. Aber ich finde den Brief jetzt nicht.

Was ist das dort? So etwas habe ich von Ihnen noch nie gesehen.

Eine Collage von Versteinerungen und Zeichnungen. Das oben sind Archaeopteryxe, den Dinosauriern nahestehende Urvögel. Es ist eine schöne Arbeit, aber keiner will sie. Sie passt nicht ins Bild von Marie Marcks.

Was kostet diese Arbeit?

Allein, wenn ich Arbeitsstunden und Material in Rechnung stelle, bin ich bei zehntausend Euro. Aber die Idee und das Können ist damit noch lange nicht bezahlt. Schauen Sie dort das Foto! Das ist mein sehr geliebter Onkel, der Bildhauer Gerhard Marcks. Ich habe oft mit ihm gesprochen. Ich habe ihm immer gesagt, dass er sein Leben mit meinem überhaupt nicht vergleichen kann. Er hatte immer eine Frau, die nicht nur Geld hatte, sondern auch dafür sorgte, dass er nichts zu machen brauchte als Kunst. Wenn er auf dem Sofa lag und schlief, erklärte die Mutter den Kindern: Papa arbeitet. So etwas gab es bei mir nicht. Nie.

Sie haben ihm Modell gestanden?

Seine Töchter, meine Cousinen, und ich – wir mussten umschichtig Modell stehen für ihn. Er unterhielt uns dabei. Mir trug er zum Beispiel Hölderlin vor oder er sagte: „Hörst du, was der Fink ruft: Weinest du dessetwegen, weil du musst die Treppe fegen.“ So etwas gefiel mir.

Wo steht denn die Plastik, die er von Ihnen gemacht hat?

Irgendwo in New York. Ich weiß nicht wo. Da drüben ist ein Kopf von ihm. Das bin ich.

Er hat Ihnen das Spitze, das Witzige, Vorwitzige genommen. Sie sehen so verinnerlicht aus.

Er mochte frauliche Frauen. Da hat er mich wohl ein wenig in diese Richtung verändert.

Hier steht ein großer Fernseher. Schauen Sie viel?

Politische Sendungen. Sonst wenig. Während Olympia in London war fast nichts, das man sich hätte anschauen können. Ein Film aber hat mich sehr interessiert. Einer über die Olympischen Spiele von 1936. Da sah man die Schüler, die damals ausgesucht worden waren, um Massenübungen zu machen. Das habe ich mir angesehen. Ich war nämlich eine von denen. Ich konnte mich kaum noch an irgendetwas erinnern. Aber interessant war es.

Lesen Sie Bücher?

Wenig. Die Bücher, die Sie hier sehen, sind zum großen Teil gar nicht gelesen. Ich lese Zeitungen. Und ich lese Gedichte. Ich liebe Gedichte. Ich lerne sie auswendig. Ich bin jetzt ein wenig müde. Gestern war ich draußen. Aber das ist natürlich auch langweilig. Es sind immer dieselben Straßen. Ich kenne jeden Stein.

Und immer wieder dasselbe Kriegerdenkmal!

Das ist ja ein Augenschmaus. So etwas Schreckliches! Die armen Arbeiter haben wochenlang diesen Stein zurechtgeschliffen, diesen hässlichen Stein. Dafür lässt man Leute im Steinstaub draufgehen. Na ja, vielleicht bin ich ja doch ein Menschenfreund. Haben Sie die Inschrift gelesen?

Der Stein wurde errichtet, um an den Sieg gegen Frankreich 1871 zu erinnern: „Den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung.“

Ja, da hören Sie es! Sie leben noch. Sie haben versagt!

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