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Margarete Mitscherlich Eine deutsche Art zu lieben

Eine Erinnerung an die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, die an diesem Montag 100 Jahre alt geworden wäre, und ihr berühmtes Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“.

Margarete Mitscherlich
Margarete Mitscherlich (1917–2012) im Alter von 87 Jahren. Foto: epd

Heute vor einhundert Jahren wurde Margarete Mitscherlich geboren. In Gravenstein in Nordschleswig. 1920 wurde die Provinz nach einer Volksabstimmung Dänisch. Seitdem heißt der Ort Gråsten. Margarete Nielsens Vater war Landarzt und überzeugter Däne. Ihre Mutter war Schulleiterin, Deutsche und Bismarckverehrerin. Den dänischen Nationalfeiertag beging der Vater alljährlich mit einem großen Fest und vielen Gästen. An diesem Tag verschwand die Mutter in ihrem Zimmer und ließ sich nicht sehen.

Die beiden hatten einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn entschied sich für die dänische Identität des Vaters. Die Tochter folgte der deutschen der Mutter. Sie habe, so schreibt die dreiundneunzigjährige Margarete Mitscherlich auf vielen Seiten, stets versucht, ihre Mutter glücklich zu machen. Ihr Vater war ihr nicht so wichtig.

Die prägende, frühe Erfahrung Margarete Nielsens war der Nationalsozialismus. Ihr Bruder war im dänischen Widerstand. Sie selbst musste einsehen, dass ihre einstige Idealisierung Deutschlands und der Mutter ein Fehler gewesen war. Sie lernte, noch bevor sie auch nur die ersten Schritte in die Psychoanalyse hinein getan hatte, wie leicht man irren kann und wie schwer es ist, sich von dem Irrtum zu befreien, ohne sich selbst dabei aufzugeben.

Unfähig, über den Verlust des Liebesobjekts Hitler zu trauern

Als ich 1967 bewegt, ja begeistert „Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“ las, da wusste ich nichts vom Leben der beiden Autoren. Nichts von Alexander Mitscherlichs nationalrevolutionärem Widerstand gegen den Nationalsozialismus und auch nichts von Margarete Mitscherlichs dänisch-deutscher Vorgeschichte. Ich bewunderte die Intelligenz und den Mut des Buches, aber ich hatte nicht verstanden, dass es mich ergriff, weil hier zwei schrieben, die die Unfähigkeit zu trauern nicht nur an den anderen beobachtet hatten, sondern die aus eigener Erfahrung wussten, wie schwer es ist, sich umzudrehen und sich dem zu stellen, was passiert ist, gar dem, woran man geglaubt und dem, was man getan hatte.

Der Mut ihres Buches bestand darin, dass sie „Die Unfähigkeit zu trauern“ nicht nur festmachten an der Unfähigkeit, Empathie zu empfinden für die Opfer. Das, so machte mir das Buch damals klar, war die Folge der Unfähigkeit, über den Verlust des Liebesobjekts Adolf Hitler zu trauern. Man wandte sich von dem, was man so lange verehrt, abgöttisch geliebt hatte, ab, verriet es und wandte sich den Siegern und dem Wiederaufbau zu. So ersparte man sich die Auseinandersetzung mit dem, der man gewesen war. Man zog sich eine neue, scheindemokratische Haut über. Es gab keine Kritik. Weder am NS-Staat, noch an der Judenvernichtung und schon gar nicht an dem Anteil, den fast jeder – in dieser oder in jener Form – daran hatte.

Margarete Mitscherlich hatte als junge Frau, sie studierte in Deutschland, ihre Eltern lebten in Dänemark, in dieser Auseinandersetzung gelebt. Ihr deutsches Ich-Ideal hatte sie angesichts seiner nationalsozialistischen Ausformung Schritt für Schritt unter Schmerzen abgelegt. Sie wusste sehr genau, viel besser, als ihr moraltrompeterischer Leser, der ich damals war, dass die Unfähigkeit zu trauern nichts ist, das man mal eben schnell ablegen kann. Sie wusste aber auch, dass ihr nicht entgegenzutreten Verwüstungen anrichtet. In der Gesellschaft und in jedem Einzelnen.

Sie wusste, dass es dauert, seelische Folgen abzutragen    

Sie wusste das, weil die Versehrten in ihre psychoanalytische Praxis kamen. Sie wusste, dass die seelischen Folgen der zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft erst nach einer viel, viel längeren Zeit abgetragen werden könnten als die materiellen. Sie wusste auch, dass das für Täter und Opfer galt.

Ich hatte damals nicht zu denen gehört, die das verstanden. Wer heute das vor fünfzig Jahren erschienene Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ aufschlägt, der stößt gleich zu Beginn auf Sätze, die ihn erschrecken, weil sie keine Vergangenheit mehr, sondern die Gegenwart zu beschreiben scheinen: „Solche welterlöserische Träume von alter Größe stellen sich ein, wenn das Gefühl, von der Geschichte überholt zu sein, Ohnmacht und Wut erweckt. Ressentiments rufen dann nach dem starken Mann, nach Diktatur und Terror als mit Gott und dem Schicksal verbündeten Ordnungsmächten. Hat man sich mit einer Freund-Feind-Lehre solcherart eingelassen, dann kann man nicht mehr in nüchternem Kalkül die seelische Verfassung und die Widerstandskraft der Gegner, die man angreifen will, einschätzen.“

Margarete Mitscherlichs Vater war 1937 gestorben. Weihnachten 1939, so schreibt sie, sei es ihr gelungen, ihre Mutter davon zu überzeugen, dass, wer die Niederlage des Dritten Reiches ersehne, kein Vaterlandsverräter sein musste. Sie studierte inzwischen in München und nicht mehr Romanistik und Theaterwissenschaften, sondern Medizin. Das schien ihr mehr an Fakten als an Ideologie orientiert.

Etwas Falsches tun, um das Richtige zu tun

Ich kann nicht ihre Lebensgeschichte erzählen, aber eines scheint mir noch sehr wichtig. 1947 traf sie während ihres Studiums in der Schweiz den knapp neun Jahre älteren – zum zweiten Mal verheirateten – Alexander Mitscherlich. Die beiden liebten einander. Ein Sohn wurde geboren. Als der zweieinhalb Jahre alt war, brachte Margarete Mitscherlich ihn zu ihrer Mutter, bei der er aufwuchs, bis 1955 Alexander Mitscherlich, der wenige Jahre später Deutschlands berühmtester Psychoanalytiker wurde, und Margarete Nielsen heirateten. Sie hatte studieren wollen, sie musste dazu ins Ausland. Das wäre mit dem Kind unmöglich gewesen.

Auch diese Trennung vom Sohn galt es zu betrauern und nicht zu vergessen. Dass es vorkommt, dass man etwas Falsches tun muss, um das Richtige zu tun, davon hatte ich, als ich „Die Unfähigkeit zu trauern“ 1967 las, noch keine Ahnung. Es waren aber ganz sicher diese Erfahrungen, die das Buch für mich so ergreifend machten. Sie waren nicht Thema des Buches, aber sie schwangen mit und Leser lesen nicht nur, was dasteht. Das erste Kapitel des Buches hat eine Überschrift, die mir noch immer wehtut: „Die Unfähigkeit zu trauern – womit zusammenhängt: eine deutsche Art zu lieben“.

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