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Marcel Broodthaers Zur Not auch mal ohne Talent

Schwindelerregend unterhaltsam: Die Broodthaers-Retrospektive in Düsseldorf über folgenreiche Konzeptkunst.

Zimmerpalmen
Zimmerpalmen gehen immer: Installationsansicht. Foto: Achim Kukulies

„Ich habe nichts entdeckt, nichts, nicht einmal Amerika.“ So schonungslos ironisch ging Marcel Broodthaers mit sich ins Gericht, als er von der Schriftstellerei, seiner ersten, großen und letztlich unerwiderten Liebe, ins Kunstfach wechselte. Broodthaers war damals schon über 40 Jahre alt und konnte weder malen noch zeichnen noch meißeln, stellte aber erfreut fest, dass Malen und Zeichnen und Meißeln Anfang der 60er Jahre so ziemlich das letzte war, was man als Künstler können musste.

Den entscheidenden Schubser bekam er dann von Piero Manzoni, der seinen Freund signierte und öffentlich zum Kunstwerk erklärte. Da mag sich Broodthaers gedacht haben, was in der Witz- und Comicindustrie mittlerweile ein geflügeltes Wort des Unverständnisses geworden ist: Das kann ich auch.

Und siehe da, Marcel Broodthaers konnte Konzeptkunst, und zwar so gut und so folgenreich, dass heute die halbe Kunstwelt von Rechts wegen mit einer Signatur des 1976 in Köln gestorbenen Belgiers herumlaufen müsste. Auf Marcel Broodthaers’ Konto gehen sowohl die künstlerische geadelte Sammelleidenschaft als auch die mit allerlei Fundstücken vollgestopfte Installation; er feierte bereits den Film, als die Videokunst noch ein Gerücht war; und vor allem machte er aus der guten alten Kunst endgültig etwas, das man sich ohne Anführungszeichen gar nicht mehr vorstellen kann.

Warum das so ist, bekommt der Besucher des Düsseldorfer Ständehauses schon am Eingang vorgeführt. Der Eingang der Ausstellung wird nämlich durch die Installation „Eingang der Ausstellung“ gebildet, die Broodthaers 1974 für den Eingang einer Ausstellung im Kunstmuseum Basel entworfen hatte und die nun für den Eingang dieser Ausstellung rekonstruiert wurde. Die Installation besteht übrigens aus einem rechten Sammelsurium und vielen Zimmerpalmen, mit denen Broodthaers ein beliebtes Dekorelement der Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts zitierte – auch die postkolonialistische Strömung der zeitgenössischen Kunst findet in Broodthaers einen Vorläufer, wenn nicht ihren Urvater.

Hat man den Eingang der Ausstellung passiert, ohne in der Endlosschleife der Selbstreflexion verloren zu gehen, steht man bald in einem Museum im Museum. Genauer gesagt: im „Museum für Moderne Kunst“, das Broodthaers 1968 in seinem Atelier einrichtete und mit leeren Transportkisten, Kunstpostkarten und Bildern aus dem Dia-Projektor dekorierte. In den vier Jahren seines Bestehens reiste das „Museum“ durch halb Europa und wuchs auf insgesamt zwölf Abteilungen an.

Für die „Abteilung für Adler“ sammelte Broodthaers Bilder aus Kunstgeschichte und Reklame und machte sich über die inflationäre Verwendung des alten Herrschaftssymbols lustig. Ein besonders schönes Fundstück ist die Werbung eines Rasierwasser-Herstellers mit Adleremblem: „Männlich genug, um Frauen weiblicher zu machen.“

Bei allem Spott ging es Broodthaers um ernste Fragen: Wer entscheidet, was Kunst ist und was nicht? (Seine Antwort: der Künstler.) Wozu sind Museen gut? (Damit die anderen merken, dass etwas Kunst ist.) Warum geht die Kunst nach Geld? (Hm.)

Allerdings stellte Broodthaers nicht nur das Prinzip Museum auf die Probe, er produzierte auch Sachen, die man dort halbwegs bedenkenlos hineinstellen konnte: ein Künstlerbuch mit Schuber im Briefmarkenformat; eine biologische Schautafel mit Rindern, auf der die Namen der Rassen durch Automarken ersetzt wurden; ein dutzendfach vervielfältigter Augenaufschlag im Einweckglas; ein eiförmiges Tafelbild, das aus lauter ausgeblasenen Eierschalen besteht; und ein Waterloo-Puzzle unterm Sonnenschirm vor Handgranaten und modernen Sturmgewehren.

Das alles zu deuten (und nicht nur amüsant zu finden), ist mittlerweile eine eigene Schule der Kunstgeschichte. Und die floriert auch und gerade im Rheinland, wo Broodthaers mit Hilfe mittlerweile selbst schon legendärer Kunstvermittler wie Johannes Cladders, Michael Werner oder Kasper König zum Liebling der Kunstszene wurde. In der Düsseldorfer Retrospektive dürften sich hauptberufliche Broodthaers-Interpreten wie im Sex-Shop vorkommen: So viel anregendes Spielzeug, dessen Reiz oft genug darin liegt, dass man erst herausfinden muss, wie es funktioniert.

Alle anderen überkommt vielleicht eine leise Wehmut, die Einsicht, dass man wohl dabei gewesen sein muss, um die Legende in allen Einzelheiten würdigen zu können. Vielleicht, weil man in Düsseldorf den Eindruck nicht los wird, jemand habe einfach vorgefertigte Bühnenbilder ins Ständehaus geschoben. Aber auch das wird Marcel Broodthaers überleben. Sein Geist war so wendig, dass uns heute noch davon schwindelig werden kann.

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