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Madeleine Albright „Regierungen geben Antworten aus dem 19. Jahrhundert“

Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright spricht im Interview über faschistische Anzeichen in westlichen Demokratien, die fließenden Übergänge, die Hilflosigkeit der Politik und ihr Buch, das eine Warnung sein soll.

Madeleine Albright
„Über Trumps Politik bin ich sehr besorgt. Es gibt in den USA den Satz des Heimatschutzes: Wenn du etwas beobachtest, sag etwas“, erklärt Madeleine Albright. Foto: afp/M

Madeleine Albright, Sie haben den europäischen Faschismus als Kind erlebt und zählten zu seinen Opfern. Sie haben ein sehr persönliches Buch über einen möglichen neuen Faschismus geschrieben. Wie sehr verstört Sie diese Gefahr angesichts Ihrer Vergangenheit?
Ich bin nicht verzweifelt. Die Menschen fragen mich immer wieder: Sind Sie Optimistin oder Pessimistin. Ich sage dann: Eine Optimistin, die sehr besorgt ist. Das Buch habe ich auch aufgrund meiner eigenen Geschichte geschrieben, aber nicht allein aus diesem Grund. Auch meine Tätigkeiten als UN-Botschafterin der USA und als Außenministerin, die Länder, die ich besucht habe und deren Geschichte und Politik ich verfolgte, waren Gründe, dieses Buch zu schreiben. 

Warum haben Sie ihm den Titel „Faschismus. Eine Warnung“ gegeben?
Weil es den Weg zum Faschismus auch in Ländern geben kann, die demokratische Systeme haben. Aber zugleich auch eine Bevölkerung, die daran interessiert ist, was vor sich geht. Hierbei soll sie das Buch unterstützen. In den USA ist das Buch bereits erschienen, und das Interesse der Menschen war groß. Mir ist es wichtig, eine intelligente Diskussion über die Anzeichen des Faschismus zu führen. Denn besorgniserregend ist, dass er Schritt für Schritt kommt und deshalb in vielerlei Hinsicht unbemerkt bleibt. Bis es dann zu spät ist. 

Sie starten Ihr Buch mit einem Zitat von Primo Levi: Jedes Land hat seinen eigenen Faschismus. Heißt das: Erwartet nicht, dass der heutige Faschismus genauso aussieht wie der von Hitler und Mussolini?
Jeder Faschismus ist ein bisschen anders, genauso wie sich die Epochen unterscheiden. Was wir heute vor Augen haben, ist nicht das Dritte Reich. Wenn wir uns seine Charakteristika ansehen, ohne davon auszugehen, dass alles immer gleich ist, lassen sich gewisse Aspekte des Faschismus erkennen, vor denen man warnen muss. Allerdings war es der schwierigste Teil des Buches, genaue Definitionen zu finden, eben weil es Unterschiede gibt. Ich habe deshalb den historischen Ansatz mit einer Gegenwartsanalyse kombiniert, weil ich die Wege aufzeigen wollte, wie der Faschismus ganz verschiedene Gesellschaften durchdrungen hat. Als ich Mussolini und Hitler im Zuge meiner Forschungen verglich, war ich in gewisser Weise geschockt.

Was meinen Sie konkret?
Beiden wurde verfassungsgemäß die Macht übertragen, Mussolini in Italien durch König Emmanuel, Hitler durch Reichspräsident Hindenburg. Alle anderen, über die ich schreibe, die Kommunisten einmal ausgenommen, sind gewählt worden. Das war ein Bestandteil ihres Aufstiegs. 

Das bedeutet, einen Schritt nach dem anderen innerhalb eines Systems zu machen?
Mussolini sagte einmal, wenn wir beim Hühnchen-Rupfen eine Feder nach der anderen ausreißen, ist der Lärm insgesamt nicht so groß. Man hört nur kleine Schreie. Das ist es, worüber ich schreibe. Der Faschismus wirkt innerhalb eines Systems. Seine Anhänger untergraben die    Demokratie und die demokratischen Institutionen, verunglimpfen die Presse und machen die Fremden oder Migranten als Schuldige für die jeweilige schlechte wirtschaftliche Situation aus.     Man setzt auf den Angstfaktor, nicht auf den Hoffnungsfaktor. Und ein Schritt führt hier zum anderen. 

Die Frage ist ja, warum so viele Wähler für die Populisten stimmen. Liegt es daran, dass sie zornig sind, weil sie sich als Verlierer fühlen? 
Wir befinden uns in einer Zeit, die von einem sehr schnellen technologischen Wandel geprägt ist. In vielen Ländern hat das zu einer hohen Arbeitslosigkeit geführt. Die vernachlässigten Bildungssysteme befähigen die Menschen nicht mehr dazu, mit der Technologie Schritt zu halten. Zudem werden durch die neuen Technologien Informationen weitergegeben, ohne dass man sichergehen kann, dass diese auch wirklich wahr sind. Das ist ein großes Problem. 

Sie meinen Fake News?
Ja. Es ist eine Tatsache, dass viele mittlerweile ihre Informationen über die sozialen Netzwerke beziehen, in denen die Menschen nur die Dinge aufnehmen, mit denen sie ohnehin einverstanden sind. Es wird in den USA noch dadurch verschärft, dass US-Präsident Donald Trump die Presse als Feind des Volkes darstellt. Aber es gibt auch Menschen, die wütend sind, weil sich im Zuge des Klimawandels die Lebensbedingungen in den Ländern verändern und die demokratischen Kräfte aus ihrer Sicht nicht schnell genug darauf reagieren. Das ist eine ganze Reihe von Aspekten, die mich nervös machen. 

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