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Luiz Ruffato „Brasilien ist ein gewalttätiges Land“

Luiz Ruffato kritisierte seine Heimat schon zu einer Zeit, als fast alle anderen noch in Feierlaune waren. Als politischer Schriftsteller will er dennoch nicht verstanden werden.

Razzia in der Favela Lins
Polizei während einer Anti-Drogen-Aktion in der Favela Lins in Rio de Janeiro, Ende März. Foto: rtr

Herr Ruffato, auf der Buchmesse 2013 waren Sie Festredner des Ehrengastlandes Brasilien. Ihre kritische Festrede hat Sie hier bekannter gemacht als Ihre Romane. Sie ist heute Ihr meistzitierter Text. Irritiert Sie das?
Mir ist bewusst, dass ich als Autor, der in einem Entwicklungsland lebt, eine Doppelrolle übernommen habe. Ich bin zwar Schriftsteller, aber stärker noch ein Intellektueller, der die Aufgabe hat, sich einzumischen. Die Rede ist inzwischen Schullektüre. Man diskutiert anhand dieses Textes die Situation Brasiliens.

Ihre harsche Kritik brach damals mitten in die Feierlaune ein. Euphorisch blickte man auf ein Land mit enormen Wachstumszahlen. Rückblickend wirkt Ihre Analyse jedoch visionär. 
Die ganze Welt war damals vom Aufschwung Brasiliens fasziniert. Wir selbst waren euphorisch. Nur wenigen fiel auf, dass die sozialen Verbesserungen nicht nachhaltig waren. 2014 ist Brasilien aus der Armutsstatistik der Welt herausgenommen worden, zwei Jahre nach dem Putsch gegen Präsident Lulas Nachfolgerin Dilma Roussef leben jedoch wieder 22 Prozent der brasilianischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Die amtierende Regierung unter dem nie gewählten Präsidenten Michel Temer dreht mit atemberaubender Geschwindigkeit alle sozialen Reformen zurück. Dass dies so schnell gehen konnte, liegt auch daran, dass die Maßnahmen unter Lula nicht strukturell waren. Wenn man ein Haus auf sumpfigem Gelände baut und es plötzlich einstürzt, denkt man, es sei von einem Tag auf den anderen eingestürzt. In Wahrheit wurde es aber schon auf morastigem Grund gebaut! 

Ihre literarische Analyse im Zyklus „Vorläufige Hölle“ endet eigentlich hoffnungsvoll und genau im Jahr 2003, als der charismatische Lula Präsident wurde. Inzwischen ist dessen Regierung Geschichte, er wurde wegen Korruption verurteilt – und in Brasilien erschienen gerade die fünf Bände der „Vorläufigen Hölle“ zusammen in einem Buch. Würde Ihre Analyse aus heutiger Sicht anders geschrieben werden?
Der Optimismus, mit dem die „Vorläufige Hölle“ endet, ist nicht die Empfindung des Autors, sondern des Protagonisten. Protagonist ist die untere Mittelschicht in Brasilien, die Wünsche und Hoffnungen dieser Leute bestimmen das Geschehen. Mit Lula, der ja als erster Präsident Brasiliens selbst aus dieser armen Bevölkerung, der Arbeiterschaft, stammt, sind sie erstmals Protagonisten ihrer eigenen Geschichte geworden. Es geht nicht darum, was der Autor meint, sondern wie die Leute denken und empfinden. Bei der Neuauflage durfte ich darum auch nichts ändern, sonst hätte ich die Geschichte verfälscht.

Sie beschreiben die Geschichte Brasiliens über einen – wie Sie sagen – kollektiven Protagonisten. Wie ist das gemeint?
Protagonist ist die Mehrheit der einfachen, armen Leute, die man in Brasilien als untere Mittelschicht bezeichnet. Es geht nicht um Kriminelle oder spektakulär Elende, die aus der Gesellschaft gefallen sind, sondern um Menschen in der normalen Arbeitswelt, arbeitende oder Arbeit suchende Menschen. Für sie habe ich versucht, eine literarische Sprache zu finden. Diese muss anders sein, als die des bürgerlichen, biografischen Romans. Die Leute, die ich meine, haben keine Biografien im klassischen bürgerlichen Sinn. Aber während der „sozialistische Realismus“ den kollektiven Roman unter Vernachlässigung des Individuums entwickelt, geht es mir um eine kollektive Erzählung unter Betonung und Hervorhebung des Einzelnen; das nenne ich „kapitalistischen Realismus“. 

Die Protagonisten Ihrer Bücher sind nicht geeint im Kampf, sie haben kein revolutionäres Ziel vor Augen.
Die Leute kämpfen nicht gegen den Kapitalismus, sie möchten nur Teilhabe. Sie möchten auch einmal Geld verdienen, gut essen, ein besseres Häuschen, und vielleicht sogar ein Auto besitzen. Genau dieser Haltung entsprach die Regierungszeit unter Präsident Lula. Er hatte kein revolutionäres Programm. Er hat nicht radikal umverteilt, sondern etwas vom wirtschaftlichen Wachstum des Landes an arme Bevölkerungsschichten weitergegeben. Das war schon viel mehr als jede Regierung vor ihm. Aber es war keine Umverteilung, sondern Konsolidierung des Kapitalismus durch eine soziale Komponente. 

Auf dem deutschen Buchmarkt ist inzwischen der dritte Band des Zyklus unter dem Titel „Teilansicht der Nacht“ erschienen. Dieser Band spielt in der Phase der Militärdiktatur im Brasilien der siebziger Jahre. Damals wurde ein technokratischer Fortschritt propagiert, man setzte auf „Wirtschaftswunder“. 
In „Teilansicht der Nacht“ ziehen die Leute aus elenden Hintergassen in ein bescheidenes Neubaugebiet und bauen dort letztendlich wieder dieselben Häuschen aus einreihigen Backsteinen ohne Fundament. Das ist im Prinzip das, was die Regierung Lula gemacht hat, dasselbe noch einmal, aber mit etwas mehr Konsum und mit Geld von außen. Es ist kurios, wie das Wirtschaftsprogramm der Lula-Regierung in vielen Teilen dem der Militärdiktatur ähnelt: Die Wirtschaft sollte expandieren, der Konsum gefördert werden. „Wir müssen den Kuchen erst vergrößern, um ihn dann verteilen zu können“, hieß es sowohl in der Militärdiktatur als auch unter Lula. Nie waren die Reichen Brasiliens so reich wie unter der Regierung der Arbeiterpartei. Unter anderen Gesichtspunkten darf man die beiden Epochen aber auf keinen Fall gleichsetzen. Das eine war eine brutale Diktatur, das andere die fortschrittlichste Regierung, die Brasilien je hatte.

„Teilansicht der Nacht“ behandelt die Zeit Ihrer Kindheit und Jugend, trägt also auch stark autobiografische Züge. War Ihnen damals eigentlich bewusst, dass Sie in einer Militärdiktatur leben?
Nein, eigentlich nicht. Die Militärdiktatur in Brasilien war so außerordentlich stark und so umfassend, dass ihre Präsenz zumindest bei uns auf dem Land nicht groß auffiel. Die Diktatur war durch ihre sichtbare Abwesenheit präsent! Darum beschreibt das Buch die Diktatur, ohne dass von ihr explizit die Rede ist. Zensur, Folter und strukturelle Gewalt sind zwischen den Zeilen präsent. Genauso haben wir, die untere Mittelschicht, die Diktatur wahrgenommen. Ob die Tatsache, dass der Polizeichef mächtiger war als der Bürgermeister, Diktatur war oder schon immer gelebte Normalität, machte für uns keinen Unterschied. 

Am Beginn des Buchs steht eine Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Warum?
Brasilien ist mit dem Klischee behaftet, ein Land der guten, freundlichen, zugewandten Menschen zu sein. Ich kann nicht verstehen, wie diese Vorstellung entstanden ist. Es ist ein Stereotyp, das nicht passt. Brasilien ist ein gewalttätiges Land. Wir haben die Gewalt des Rassismus, wir haben eine außerordentliche Gewalt gegen Frauen, gegen Ureinwohner, gegen Arme, in all diesen Bereichen zeigt sich Gewalt sowohl psychisch und physisch als auch strukturell. Dieses Muster durchzieht die gesamte Geschichte Brasiliens.  Indem ich auf den Zweiten Weltkrieg anspiele, erzähle ich von Gewalt, ohne dass Gewalt unmittelbar manifest wird. 

Wie ist die Idee entstanden, so fragmentiert zu schreiben? Warum haben Sie nicht einfach einen Bogen mit Anfang, Höhepunkt und Ende entwickelt?
Der traditionelle bürgerliche Roman erzählt die Geschichte von Leuten, denen Bedeutung und Biografie zugesprochen wird. Die Personen in meinen Romanen laufen unter dem Radar der Wahrnehmung, ihr Leben wirkt unspektakulär, sie haben im klassischen Sinn keine Geschichte und empfinden sich auch als ein Niemand. Dennoch erleben sie etwas. Mein Ziel war es, aus ihren unterschiedlichen Erzählungen einen kollektiven Roman entstehen zu lassen. Was hat ein Arbeiter jedoch schon Spannendes zu erzählen? Er steht morgens auf, geht zur Arbeit, unterhält sich mit den Kollegen, dann geht er wieder nach Hause zurück und schläft. Es würde nicht funktionieren, diese schlichten kollektiven Geschichten auf einen klassischen Erzählbogen zu spannen.

Wer waren Ihre literarischen Impulsgeber?
In der kommunistisch engagierten Literatur sind die Arbeiter nicht einfach Arbeiter, sondern zum Beispiel Gewerkschafter, die aktiv sind und sich auflehnen. In meinen Romanen gibt es, glaube ich, keinen einzigen Gewerkschafter, niemand ist engagiert, das sind völlig gewöhnliche Menschen. Wenn es einen deutschen Autor gibt, mit dem ich literarisch in einen Dialog treten möchte, dann würde ich Döblin nennen, ich spüre in seinem Werk eine Nähe zu dem, was ich mache. 

Sie sprachen von der Rolle des Intellektuellen. Welche Aufgabe sehen Sie nun nach Abschluss des fünfteiligen Zyklus vor sich?
Als Autor gilt meine Verpflichtung allein der Literatur. Als Bürger habe ich natürlich auch einen politischen Anspruch. Ich schreibe zum Beispiel wöchentlich eine Kolumne in der brasilianischen Ausgabe der Zeitung „El País“. In meinen Büchern jedoch ist Politik nur im Ambiente enthalten, ihr gilt nicht die Absicht des Schreibens. Ich möchte auf keinen Fall als politischer Schriftsteller in die Literaturgeschichte eingehen, sondern als Schriftsteller, Punkt! Aber natürlich ist das Leben der Menschen, über das ich schreibe, durchdrungen von politischen Verhältnissen, insofern wird auch die Politik immer weiter in meiner Arbeit präsent sein. 

Welchem Thema wenden Sie sich in Ihrem nächsten Werk zu?
Ich schreibe tatsächlich an einem neuen Buch, das auf literarische Weise versucht zu begreifen, was nach dieser Lula-Epoche geschieht, jetzt, wo sich das alles in kürzester Zeit fast in Luft aufgelöst hat und Brasilien wieder im rasenden Rückschritt begriffen ist. Doch auch hier wird es auf der Ebene der Erzählung keinen explizit politischen Dialog geben.

Interview: Andrea Pollmeier und Michael Kegler

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