Lade Inhalte...

Luftfahrtmuseum Krakau Gelandet um zu bleiben

Der Berliner Architekt Justus Physall entwarf in Krakau den Hauptbau für eine der größten Luftfahrtsammlungen der Welt. Das ist vor allem deshalb hervorzuheben, weil die Bundesrepublik bis heute Ausstellungsstücke zurückfordert. Doch der Rechtsanspruch ist wackelig.

20.09.2010 16:02
Nikolaus Bernau

Durch das Fenster der riesigen Halle des neuen Hauptbaus, den das Polnische Luftfahrtmuseum in Krakau jetzt eröffnet hat, ist ein Brautpaar zu sehen. Zwischen MIGs und Passagiermaschinen geht es hin zum Denkmal für all die Polen, die in der Luftschlacht um England seit 1940 ihr Leben für die Freiheit Europas ließen. Ein technikhistorisches Museum als Nationaldenkmal, aber auch als Ort europäischen Erinnerns?


Das Krakauer Luftfahrtmuseum und sein Neubau dürften weit über die Region hinaus Debatten erregen. Es entstand 1963 nach einer Flugzeugausstellung, konnte aber erst seit der Wende 1990 wirklich expandieren. Denn den Krakauern stehen seither etliche in westlichen Museen begehrte Militärflugzeuge aus dem Bestand des Warschauer Pakts als Tauschobjekte zur Verfügung. Längst schon ist es kein Museum der polnischen Luftfahrt mehr, wie der amtliche Name noch lautet. Die Sammlung wuchs auf gut 210 Stücke zu einem der größten Luftfahrtmuseen weltweit, mit Militärmaschinen aus schwedischer, britischer und US-Produktion, Zivilmaschinen wie dem einstigen Flugzeug der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei oder einem kleinen Flieger namens „Kuckuck“, der diente 1971 zur Flucht nach Jugoslawien und gelangte 1994 mit seinem Besitzer zurück ins nun freie Polen.
Der „Kuckuck„ steht in der Haupthalle des Neubaus, den der Berliner Architekt Justus Physall entworfen hat. Ein Gebäude, dem man seine bescheidenen Baukosten von knapp 13 Millionen Euro nicht ansieht – nur zum Vergleich: Der eher kleinere Eingangsbau zur Berliner Museumsinsel soll 74 Millionen Euro kosten.


Aus dem Grundrissquadrat von 40 mal 40 Metern, das der historische Flugzeughangar einnimmt, habe er durch Einschnitte und Auffalten der Flächen die Gebäudeform gefunden, erklärt der Architekt. Wie ein Kinderpropeller streckt der Neubau seine drei Flügel aus. Aus sehr plastisch wirkendem grauem Beton sind die Wände gegossen, unten und oben im Viertelkreis abgerundet. Trotz ihrer Masse wirken sie so wie schwebend.

Ein sanft wirkender Bau


Zwischen den Wänden spannen sich riesige Glasfassaden, durch die hindurch die Flugzeuge zu sehen sind, aber auch der Kern des Gebäudes mit der kleinen Bibliothek, dem Veranstaltungssaal, dem skulpturenartigen Treppenhaus. Ein fast sanft wirkender Museumsbau, der sich mit nur zwölf Metern Höhe – mehr erlaubt die Flugaufsicht nicht, hier wird schließlich bei Museumsveranstaltungen noch geflogen – perfekt in die Umgebung einfügt.


Das Justus Physall einen der in Polen immer noch raren internationalen Wettbewerbe gewann und seinen Entwurf dank der Unterstützung durch Museumsdirektion und Regionalpolitik bauen durfte, ist auch deswegen bemerkenswert, weil er aus Berlin stammt – also der Stadt des Deutsche Technik-Museums und der Bundesregierung, die seit zwei Jahrzehnten mit Verve verlangen, dass wesentliche Teile der historischen Flugzeuge und Motoren aus der Krakauer Sammlung als einstiger Bestand des 1936 eröffneten Deutschen Luftfahrtmuseums nach Berlin zurück gegeben werden. Darunter befinden sich technikgeschichtliche einzigartige Preziosen wie eine Halberstadt CL. II aus dem Ersten Weltkrieg, die aus den USA stammende Curtis Hawk II USA 1933, mit der Ernst Udet 1936 zur Eröffnung der Berliner Olympischen Spiele flog, die Reste einer Levavasseur Antoinette von 1908, eine legendäre „Taube“ Friedrich Etrichs von 1910 oder eine Ende der 30er Jahre entworfene Messerschmid MEe209 V1.

Atemberaubende Wirkung


Oft haben sie die Zeitläufte nur schwer beschädigt überstanden. Aber erfreulicherweise hat man sich in Krakau entschlossen, die Reste dieser Maschinen (nicht alle aus der Berliner Sammlung) nur zu konservieren und sie dann eben in all ihrer Geschichtlichkeit auch zu präsentieren. Die Wirkung ist atemberaubend, man kann die Konstruktion der Flugobjekte im Detail studieren, ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede erfahren, die Handwerkskunst, die in diesen Objekten steckt.


Endlich ist hier einmal der Grundsatz der Gemälderestaurierung und der Denkmalpflege für die Technikgeschichte angewandt worden: Dass das historische Material Vorrang auch für die ästhetische Wirkung haben soll. In Krakau wird kein Geheimnis um die Herkunft der Objekte gemacht. In dem billigen Führungsheft des Museums (leider noch nicht auf allen Erklärungsschildern neben den Objekten selbst) ist eindeutig zu lesen, dass sie aus Berlin stammen, von den deutschen Behörden nach ersten Luftangriffen auf die Stadt aber in das Örtchen Czarnkow im damals besetzten Polen verlagert wurden und von dort aus nach Krakau kamen.

Ein Monument der Industriegeschichte Polens


In der Hangarhalle steht also auch die einzige noch existierende PZL P. 11 C, die in den späten 1920er-Jahren von Zygmunt Pulawski entworfen wurde. Ein Monument der Industriegeschichte Polens, die durch den Einmarsch der Deutschen 1939 radikal unterbrochen wurde. Das 1934 in den Dienst der polnischen Luftwaffe gestellte Flugzeug wurde seit 1940 als Trophäe im Berliner Luftfahrtmuseum gezeigt, von dort als Symbol deutscher Überlegenheit ausgelagert. Wie sollte man heute begründen, warum dies Monument der europäischen Geschichte nach Berlin und nicht nach Krakau gehört?


Zwei Rechtauffassungen stoßen hier aufeinander: Holger Steinle vom Deutschen Technik-Museum betont, dass nach westeuropäischer Rechtstradition das Eigentum an einer Sache nichts mit deren Lagerungsort zu tun habe und der Rechtsnachfolger des Luftfahrtmuseums, das Deutsche Technik-Museum, Anspruch auf Rückgabe habe. In Polen verweist man darauf, dass die Sammlung durch die Deutschen nach Polen verlagert und dort „verlassen“ wurde, dass sie von Polen bewahrt wurde, während man in Berlin in den 50er-Jahren die Reste des Luftfahrmuseums als Schrott zusammengeschoben hat. Erst nach 1980 zeigte die Bundesrepublik wieder Interesse handelte sogar einen Kooperationsvertrag mit Polen aus, als dessen Folge bis heute eine Jannin Stahltaube aus dem 1. Weltkrieg in Berlin gezeigt wird. Nach Krakauer Angaben hätte die Maschine allerdings vertragsgemäß längst wieder zurückkehren sollen. Steinle sagt, man habe das vorgehabt. Aber aus Polen sei keine Antwort gekommen, man habe dort den Vertrag „einschlafen“ lassen.


Die Folgen des Rechtsstreits sind fatal: Als BMW und das Zeppelin-Museum in Friedrichhafen in Krakau anfragten, ob man Objekte aus der Sammlung für Sonderausstellungen ausleihen könne, durften sie auf Anweisung der Bundesregierung keine Rückgabegarantie geben. Sonst wäre nämlich der polnische Rechtsanspruch akzeptiert worden. Und so unterblieb der sonst so eifrig geforderte Austausch zwischen Polen und Deutschland.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Architektur

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen