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Ludwig Baumann Wiederherstellung seiner Würde

Trauerrede für den letzten überlebenden Wehrmachtdeserteur, Ludwig Baumann, der im Alter von 96 Jahren gestorben ist.

19.07.2018 08:35
Wolfram Wette
Ludwig Baumann
Ludwig Baumann 2014 neben dem Mahnmal für den „Unbekannten Deserteur“ im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus Bremen-Vegesack. Foto: epd

Die „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“ trauert um Ludwig Baumann. Er war ihr Vorsitzender seit der Gründung der Opfervereinigung im Jahre 1990, und damit war er zugleich das Gesicht der Bundesvereinigung, das über viele Jahre hinweg in vielen großen und kleinen Medien präsent war.

Der Mann, um den wir heute trauern, war ein außergewöhnlicher Mensch. Alle, die ihn persönlich kannten, haben ihn als eine authentische Persönlichkeit in Erinnerung. Was er sagte und wie er es sagte, hatte Überzeugungskraft, weil es die leidvolle Erfahrung eines Mannes widerspiegelte, der in der Nazi-Zeit verfolgt worden war. Die gegen ihn wegen Desertion verhängte Todesstrafe, das monatelange Warten auf die Vollstreckung dieses Todesurteils, dann die Umwandlung der Strafe in KZ-Haft, später das Strafbataillon – diese Erlebnisse hinterließen tiefgreifende Spuren. Die NS-Militärjustiz, die man nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs „Blutjustiz“ nennen darf, die sich der Rechtsbeugung schuldig gemacht hat, fällte ja nicht nur die unglaubliche Anzahl von 30.000 Todesurteilen, von denen etwa 20.000 auch vollstreckt wurden – diese Militärjustiz war nicht nur eine Blutjustiz, sie traumatisierte auch Menschen wie Ludwig Baumann auf Jahrzehnte hinaus. Allein schon der Name des vormaligen Marinerichters Hans Filbinger mobilisierte tief sitzende Ängste in ihm.

Seine Leidensgeschichte trieb Ludwig Baumann jedoch nicht in eine lebenslängliche Depression, in Fatalismus und Resignation, sondern vielmehr – besonders in der letzten Phase seines Lebens – auf den Weg des Kampfes um die Wiederherstellung seiner Würde, um die Rehabilitierung seiner eigenen Person und die seiner Leidensgenossen. Diffamiert und verfolgt wurden die Deserteure der Wehrmacht ja nicht nur in der Nazi-Zeit selbst. Auch in der Nachkriegszeit änderte sich daran zunächst nur wenig.

Ich habe Ludwig Baumanns Erzählung noch im Ohr: Wie er sich Beschimpfungen anhören musste: Verräter, Feiglinge und Dreckschweine seien sie gewesen, die Deserteure und Wehrkraftzersetzer. Nicht nur die Nazi-Ideologie, sondern die ganze Tradition des preußisch-deutschen Militarismus machte sich in solchen Diffamierungen Luft. Die Opfer der NS-Militärjustiz reagierten auf diese Erfahrung verständlicherweise so, dass sie sich zurückzogen und über ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges schwiegen.

In der ersten Hälfte der 1980er Jahre erlebte das Land die bis dahin größte Massenbewegung für Frieden und Abrüstung. An der sogenannten „Nachrüstung“ entzündete sich die große Debatte über die Gefahren, die für die deutsche Bevölkerung in West- und Ost-Deutschland von den sowjetischen und amerikanischen Mittelstreckenraketen ausgehen konnten. Als sich Ludwig Baumann in diese Friedensbewegung einreihte, war er bereits um die 60 Jahre alt. Nun kam erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage eines möglichen Widerstandes gegen den Militärdienst auf. Es wurde ein historischer Bezug zu den Wehrmacht-Deserteuren hergestellt, die sich unter sehr viel schwierigeren Rahmenbedingungen dem Kriegsdienst entzogen hatten.

In dieser Zeit mag Ludwig Baumann erkannt haben, dass es in friedenspolitischer Hinsicht einen gesellschaftlichen Zivilisationsschub gegeben hatte, der bessere Voraussetzung als bislang dafür bot, gegen das Negativ-Image der Wehrmacht-Deserteure in der Öffentlichkeit offensiv anzugehen und den Kampf für ihre Rehabilitierung aufzunehmen. Und doch dauerte es von da an noch einmal fast ein ganzes Jahrzehnt, bis im Jahre 1990 eine kleine Schar alter Männer dem Aufruf Ludwig Baumanns folgte, sich zusammenzuschließen und gemeinsam für die Rehabilitierung zu kämpfen. Das war die Geburtsstunde der „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“.

Ludwig Baumann war damals, als der organisierte Kampf der Bundesvereinigung um die Rehabilitierung begann, bereits 70 Jahre alt. Wie die Kundigen wissen, verlief dieser Kampf zähflüssig, gegen große Widerstände innerhalb und außerhalb des Deutschen Bundestages, dann aber auch mit wachsender Zustimmung in der Gesellschaft, und letztendlich mit dem zunächst gar nicht für möglich gehaltenen Erfolg, dass die Deserteure der Wehrmacht, die Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer und schließlich sogar die wegen Kriegsverrats Verurteilten rehabilitiert wurden: moralisch, juristisch und politisch. Die Etappen waren: 1998, 2002, 2009. Im Rückblick betrachtet, handelte es sich um eine späte Erfolgsgeschichte, die auf dem erstaunlichen Meinungswandel einer Bevölkerungsmehrheit und einer Mehrheit im Parlament beruhte.

Ludwig Baumann hat zu diesem Erfolg maßgeblich beigetragen. Der zierliche Mann, der in diesen beiden Jahrzehnten das Gesicht der „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“ war, agierte nicht als lautstarker Interessenvertreter oder gar als Propagandist. Er sprach leise, immer in freier Rede, argumentierte überlegt, zeigte sich erkennbar verletzlich, aber nicht verbittert, verfiel auch nie in einen Jammerton, obwohl er dazu nach dem, was er vor und nach 1945 erlebt hatte, allen Grund gehabt hätte. Seine Gesprächspartner konnten erkennen, dass sie in diesem unprätentiös auftretenden Mann eine Persönlichkeit vor sich hatten, die mit großer Beharrlichkeit für ihre Ziele eintrat. Baumann meinte es ganz ernst, wenn er von der Würde jener Menschen sprach, die Opfer der NS-Militärjustiz geworden waren, wenn er ihre Entkriminalisierung und Rehabilitierung einforderte, weil er endlich frei werden wollte von der Ächtung und der Missachtung, die er hatte erfahren müssen.

Man merkte: Ludwig Baumann und seine Mission waren eins. Darauf gründete sich auch sein Selbstbewusstsein, das ihm den Zugang zu wichtigen Politikerinnen und Politikern verschaffte, die sich für seine Sache einsetzten. Diese erkannten rasch, dass dieser Mann auch Kämpferqualitäten hatte. Er verkehrte mit den Vertretern der Politik wie selbstverständlich auf Augenhöhe, ohne damit anmaßend zu erscheinen. Ludwig Baumann konnte bei aller Bescheidenheit ungemein hartnäckig sein, wenn die Dinge nicht wunschgemäß vorangingen.

Hier möchte ich eine Episode einflechten, die bei einigen unter den Anwesenden vielleicht einen Wiedererkennungseffekt auszulösen vermag. In meinem Heimatort Waldkirch bei Freiburg im Breisgau veranstalteten wir im Jahre 1995 eine sogenannte Deserteurs-Gedenkwoche mit vielen Veranstaltungen. Auch Ludwig Baumann kam angereist. Er wohnte bei uns Zuhause. Beim Frühstück trank er ein Glas Orangensaft und aß ein halbes Stück Brot, erzählte unter anderem, dass man in seinem Alter nur noch wenig zu sich zu nehmen brauchte, und machte noch ein paar konsumkritische Bemerkungen. Mein mit am Tisch sitzender ältester Sohn Florian, damals 19 Jahre alt, war so beeindruckt von der gelebten Bescheidenheit unseres Gastes, dass er sich dazu entschloss, einen ähnlichen Weg der Konsumreduzierung zu gehen, was er seitdem auch realisiert hat. Damit will ich sagen: Ohne es selbst zu merken, konnte Ludwig Baumann eine Vorbildfunktion für andere einnehmen.

So mag es auch gewesen sein, wenn Ludwig bei den vielen Auftritten, die er zu bestreiten hatte, das Wort ergriff: Bei Gedenkfeiern, bei der Einweihung von Denkmälern für Deserteure der Wehrmacht, bei historischen Tagungen, in Gesprächen mit Politikerinnen und Politikern, etliche Male auch vor Ausschüssen des Deutschen Bundestages, in Gesprächen mit Gewerkschaftlern, Kirchenleuten und Friedensbewegten, mit Schülerinnen und Schülern. Immer vermochte es dieser Mann, mit seiner authentischen Erzählung seine Zuhörer zu fesseln. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner Desertion nicht das Falsche getan hatte, sondern das Richtige, denn er wollte ja „nur leben“, wie er in seiner Autobiographie noch einmal sagte, gleichsam als seine wichtigste Hinterlassenschaft.

Ludwig Baumann wird keinen Nachfolger haben. Er war der letzte noch lebende Wehrmacht-Deserteur. Er ist nicht zu ersetzen. Eine neue Generation hat nun die Chance, Ludwig Baumann als ein Vorbild anzunehmen und in seinem Sinne kämpferisch gegen Ungerechtigkeit und für den Frieden einzutreten.

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