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Lohengrin Blaues Wunder mit Eintrübungen

Wie so oft: szenisch missglückt, musikalisch besser – Bayreuths neuer „Lohengrin“.

Bayreuther Festspiele
Das Ensemble auf der Bühne. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

Hügelauf, hügelab flitzt und flackt es bläulich: Sicherheitskräfte in Limousinen, Kleinbussen, Kastenwagen und auf Motorrädern, per pedes und hoch zu Ross, über den Köpfen brummend auch in Hubschraubern, unterschiedlich kleidsam uniformiert oder in Zivil. Auf jeden Festspielbesucher – zwei anwesende Staatschefinnen dabei noch unberücksichtigt – kommen gefühlt zwei Security-Personen. Ein Terrorist mit auch nur einem Rest von Hirn muss da resignieren. Und die Festgäste dürfen sich dankbar und in Wohlgeborgenheit wissen, zumal die Polizei, nach mehrjähriger Erfahrung auf dem Grünen Hügel, so richtig nett geworden ist.

Im oberfränkischen Volksmund gelten ja gerade die Bayreuther Premieren mit ihrem Prominentenspuk als „Blaulicht-Festspiele“. Ein wenig bläulich ging es dann auf der Bühne weiter: „Lohengrin“, das blaue Wunder um den gerne inkognito bleibenden Gralsritter, diesmal in Bläulich, Blaugrau, auch Bleigrau. Solche diskreten Tönungen dominierten zwei volle Akte lang, bevor sich im Brautgemach ein farbsymbolisch seltsames gleißendes Orange ausbreitete. Das wurde noch mal getoppt ganz zum Schluss mit dem giftgrün hereinschneienden Gottfried, den der scheidende Lohengrin, hier so etwas wie ein Großkophta einer mysteriösen Elektrik, so gerade noch ins allgemeine Elend hineinzaubert.

Für Farben ist in dieser Neuinszenierung das auch die Kostüme betreuende Paar Neo Rauch & Rosa Loy zuständig. Es ist offenbar wieder Mode geworden, bildende Künstler mit Bühnenaufträgen zu locken, und, siehe jüngst Kentridge in Salzburg und Baselitz in München, so richtig Prickelndes kam da nicht heraus. Die Kernidee vom Strommast, gepflanzt mitten ins Brabanter Mittelalter des ersten Aktes, hat was, aber die matte Realisierung mit pappig die monumentalen Pfeiler säumenden Zypressen- oder Pappelattrappen tapst denn doch arg ins Niedliche. Drumherum stellt die Regie artig Solisten und Chormassen auf. Noch merkwürdiger die Bebilderung des Mittelaktes, zunächst eine leicht verhangene Landschaftsszenerie wie später Trübner oder früher Böcklin, und befremdlich tauchen die Darsteller hinter daherwandelnden Bäumen auf und ab wie die Akteure einer schülermäßig gegebenen Klamaukkomödie. Dass sich zum morgendlichen Männerchor hin anderes begibt, merkt man an dem bedeutungsvollen Hintergrundgerumpel, mit dem die Technik die einleitenden Nachtfanfaren grundiert. Und so weiter und so fort.

Geradezu modellhaft führte der amerikanische Spielleiter Yuval Sharon vor, wie doppeltalentierte Wagner-Ahnungslosigkeit und die Vermeidung einer schlüssigen Personenführung einen „Lohengrin“, dessen interessante Zurichtung hundertfach als möglich bewiesen ist, schlicht an die Wand fahren macht. Wagnerfern war einst auch Schlingensief, aber er hatte Genie. Sharon ergeht sich in ranzigen Chortableaus, teils steif, teils (wie auf einen imaginären Hilferuf nach „action, action“ reagierend) verschusselt. Mitunter denkt man an den alten Everding, der ebenfalls die Darsteller stundenlang dösig herumstehen ließ, um dann das Publikum mit zwei, drei schrillen Gags aufzuwecken. Bei Sharon sind das der als Luft- oder Aquariumsduell mit Stuntmen spektakelnd hingepfuschte Zweikampf (1.  Akt) und Lohengrins SM-Auftritt mit einer am Bergsteigerseil gefesselten Elsa (3.  Akt).

Interpretation gefällig? Auch in dieser Sparte möchte Sharon ein bisschen was bieten und räsoniert über Lohengrins in der Tat bedauerliches Autoritätsgehabe und sein verkniffenes Frauenbild. Schließlich verweigert er Elsa das elementare Menschenrecht des Fragestellens. Nun ja, das ist eben die Geschäftsgrundlage des ganzen Plots und als solche eventuell klug anzunagen. Aber nicht so, als wenn Wagner mit Goethe’scher Klerisei-Verachtung insgeheim eine „Zweite Walpurgisnacht“ im Sinn gehabt hätte mit schmunzelndem Lobpreis der alten germanischen Götter und einer halbwegs zur Aufklärerin nobilitierten Ortrud! Das ist dann doch arg windschief, teilt sich auch mehr als Absichtserklärung im Programmheft mit als auf der Bühne.

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