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Loblied für den Tag Die süße Realität

Der kurze Auftritt der Literatur in Washington: Wie das "Loblied für den Tag" ruhig etwas mehr Glorie hätte bieten können. Von Durs Grünbein

22.01.2009 00:01
DURS GRÜNBEIN
Durs Grünbein. Foto: Müller/FR

Das war ein eher schwaches Amtseinführungs-Gedicht, wenig berauschend, kaum glorios. "Praise song for the day", ein Loblied für den Tag, es musste nicht unbedingt dieser Tag sein, und man kann es auch so verstehen: nicht über den Tag hinaus, also ein Loblied mit begrenzter Haltbarkeit. Das aber war zu wenig für den Anlass, einen Tag von solch historischer Tragweite. Ein braves Stück Alltagslyrik mit einer recht konventionellen Metaphorik und einem Hauch von "Familiy of man"- Rhetorik, wie sie in Amerika immer zieht, die Beschwörung einer demokratischen Volksgemeinschaft. Das Ganze war weit entfernt von den epiphanischen Momenten eines Walt Whitman, von dem Erstaunen, mit dem er eines Tages seine Landsleute als ganz gewöhnliche, schöne Menschen entdeckt.

Stattdessen sind die Leute auf dem Weg zur Arbeit, laufen aneinander vorbei. Das Wort repair spielt eine gewisse Rolle. Jemand säumt ein Kleid, ein anderer stopft ein Loch in der Uniform, flickt einen Reifen, was zu reparieren ist, wird jetzt repariert. Alle tragen angeblich ihre Ahnen auf der Zunge. Auch eine Anspielung auf Amerikas Erbsünde, die Sklaverei, findet sich, das Gedicht streift einmal kurz die Baumwollpflücker und all die anderen, die Eisenbahnschienen verlegt, Brücken gebaut haben. Man sagt, die Dichterin gehöre zum gemäßigten Flügel afro-amerikanischer Erinnerungskultur, sie suche den Ausgleich, genau wie der neugewählte Präsident. Kein stärkerer Kontrast, als der zu Robert Frosts Inauguration Poem von 1961, anlässlich der Amtseinführung von John F. Kennedy. Damals begrüßte der Dichter ein augusteisches Zeitalter, besang wie ein zweiter Horaz, eine Zukunft, in der Poesie und Macht zusammenwachsen würden.

Dieses Zeitalter ist endgültig vorbei. Amerika ist in die bislang schwierigste Phase seiner imperialen Geschichte eingetreten. Und doch spielt es immer noch seine messianische Rolle für die ganze westliche Welt. Der Ernst, mit dem Präsident Obama in seiner Antrittsrede dem Rechnung trug, war das eigentlich Bewegende. Wie aber soll der Dichter dem Ausdruck verleihen? Was wäre eine angemessene Sprache, in der Krisenbewusstsein und Hoffnungsrhetorik sich die Waage halten?

Die poetischste Zeile der ganzen Veranstaltung stammte von der Moderatorin, der kalifornischen Senatorin Dianne Feinstein. "The sweet reality oft this hour", das ist schon beinah eine Verszeile. "Die süße Realität dieser Stunde", und sie sprach sie mit einem feinen Lächeln, das etwas wahrhaft Bezauberndes hatte.

Und war es denn nicht wirklich eine erhabene Stunde, wer wollte das kleinreden? Dass ein Mann von solcher Abstammung Präsident wurde, ist ein absolutes Novum. Ein wenig mehr in diese Richtung hätte auch die Dichtersprache gehen können. Elizabeth Alexander gehört wohl zu den sanften Skeptikern. Zumindest wollte sie die "Brüder und Schwestern-Rethorik" der Black Power vermeiden. Keiner soll ausgeschlossen werden, das versteht sich.

Ein Preislied an solcher Stelle, aus diesem Anlass ist gewiss eine riesige Herausforderung. Aber auch eine sehr schöne. Wo ein Eid geleistet wird, ein Gebet vorgesprochen wird, kann auch ein Gedicht nicht schaden. Die Festmusik zum festlichen Anlass ist weithin akzeptiert. Ich aber finde das Wort an dieser Stelle noch viel wichtiger. Es ist absolut essentiell. Die Poesie ist nicht das Dessert zur Politik, sie ist die Wahrheit, die hinter aller Politik aufscheint. Das verwechseln die meisten Politiker, daher ist ihre Rede oftmals so dürftig. Die Parlamentsreden strotzen nur so von abgegriffenen Wendungen, schiefen Bildern, hinkenden Vergleichen.

Obama aber, das lässt sich bereits sagen, hat dieses Defizit nicht. Hat man übrigens bemerkt, dass dieser Mensch Linkshänder ist? Man konnte ihn zum ersten Mal sehen, wie er Urkunden unterzeichnete. Ich habe die Hoffnung, dass mit ihm der erste Dialektiker der amerikanischen Geschichte ins Weiße Haus einzieht.

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