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Literaturfestival Schriftsteller, hast du eine Frau?

Das Literaturfestival beginnt mit Salah Naoura und Kindern und stellt alle Beteiligten zufrieden.

Er schreibt auch Gedichte, sagt die Moderatorin. Er könne nun eins vortragen. Da legt sich Stille über den Saal, keine andächtige, eher eine erschrockene. Salah Naoura hat doch gerade so lustig aus „Dilip und der Urknall“ gelesen. Das ist ein Buch über einen neunjährigen Jungen, der plötzlich einen Bruder bekommt, einen adoptierten aus Indien, der die Familie ordentlich aufmischt. Und nun so etwas.

Der Mann kann seine Gedichte sogar auswendig und fängt an: „Du bist so herrlich hundsgemein“ – und hat die 400 Kinder vor sich schon wieder eingefangen. „Ich weiß auch nicht, was das soll/ Ich finde dich zum Kotzen toll.“ So klingt es also, wenn Monster sich die Liebe erklären. Als er fragt, ob er noch was aus dem Buch lesen solle, brüllt ihm ein „Jaaa!“ entgegen. Die Premiere ist geglückt. Salah Naouras, denn er hat zum ersten Mal aus diesem Buch gelesen, die des Internationalen Literaturfestivals Berlin, denn es ist die erste Veranstaltung auf der großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele am Montagmorgen.

„Wer liest deine Bücher zuerst?“, „Hast du Geschwister?“, „In welchen Ländern warst du schon?“, „Hast du eine Frau?“ Zu einem richtigen Festival gehört mehr als eine Lesung: Die Kinder dürfen Fragen stellen, das Mikrofon kann gar nicht schnell genug herumgereicht werden. Salah Naoura lässt keine unbeantwortet, auch nicht die unangenehme: „Hast du einen zweiten Vornamen?“ Ja, leider, er heiße Hans. Im Anschluss drängelt sich sein Publikum am Stand der Buchhandlung Le Matou. An die achtzig Exemplare vom „Dilip“ sind im Nu ausverkauft.

Das beste Mittel gegen Angst

Am späten Nachmittag gibt es noch eine Premiere. Das Festival bietet erstmals eine Reihe, die sich theoretisch mit dem Schreiben für Kinder und Jugendliche auseinandersetzt. Nur ein Häuflein Erwachsener hat sich auf den Plätzen in der Probebühne verteilt. Uri Orlev lässt zunächst einen Text vorlesen über „Bücher als Kindheitserfahrungen“. Es ist die Geschichte des 1931 in Warschau Geborenen, die ihn ins Ghetto führte und ins Konzentrationslager Bergen-Belsen, geschrieben in einem Ton, der an Imre Kertész’ „Roman eines Schicksallosen erinnert. Er verweigert sich jeglicher Draufsicht, lässt den Jungen Schritt für Schritt Erfahrungen machen. Als die Mutter tot war, alle Verwandten weg, da hatte er noch immer Freunde um sich: die Helden aus seinen Büchern. „Das beste Mittel gegen die Angst ist die Neugier“, sagt Uri Orlev. Er habe immer Bücher gewollt, die einem auch Angst machen, so fühlte er mit Bambi, zog mit Kapitän Nemo in die Tiefen des Lebens und holte sich Rat bei Long John Silver. Orlev, der mehr als 30 Bücher für junge Leser verfasste, begibt sich immer wieder in seine Kindheit zurück. Nur so könne er über den Holocaust schreiben, sagt der Mann, der heute in Israel wohnt: Wie ein Kind diese Zeit erlebt hat.

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