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Zum 100. Geburtstag Luise Rinsers Ein Phänomen

Eine ungewöhnliche Karriere: Wie eine katholische Lehrerin von der NS-Sympathisantin zu einer moralischen Instanz der Bundesrepublik und Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin werden konnte.

29.04.2011 11:40
Anja Hirsch
Luise Rinser auf einem Bild vom Oktober 1977. Foto: dpa

Generationen junger Frauen diente sie in der Nachkriegszeit als Identifikationsfigur: die Schriftstellerin Luise Rinser, die 2002 mit 90 Jahren in München starb und jetzt, am 30. April, hundert Jahre alt geworden wäre. Mit Romanen wie „Mirjam“, „Mitte des Lebens“ oder ihrer autobiographisch angelegten Prosa „Den Wolf umarmen“ und „Saturn auf der Sonne“, mit Artikeln zur Rolle der Frau oder zur Religion bezog sie energisch Stellung, etwa gegen eine von Männern dominierte Kirche. Ihren prominentesten Auftritt auf der politischen Bühne Deutschlands hatte sie wohl 1984: Da stellten sie die Grünen als Kandidatin fürs Bundespräsidialamt auf.

Ihr Gedicht auf Hitler war damals schon bekannt, ihre Bewunderung für den nordkoreanischen Diktator Kim Il Sung ebenso. Luise Rinser, launische Diva mit Aura, streitlustig, neugierig, galt dennoch vielen als moralische Autorität. Angesprochen auf ihr in der Zeitschrift Herdfeuer erschienenes Hitlergedicht, reagierte sie allerdings unwirsch. Erbost, erzählt etwa der Schriftsteller Michael Kleeberg, habe sie ihm 1996 geantwortet, wer ihr zutraue, jemals so etwas geschrieben zu haben, mit dem wolle sie nichts zu tun haben.

Auch im Gespräch mit dem Freund José Sánchez de Murillo, Verfasser der ersten großen Rinser-Biographie, schwieg sie sich mit Blick auf Details zur Vergangenheit in der NS-Zeit aus. Am von ihr selbst in jedem Klappentext inszenierten Mythos der Antifaschistin, die Berufsverbot hatte und wegen angeblichem Widerstand gegen das NS-Regime im Gefängnis saß, wollte sie nicht kratzen. Im Gegenteil: Sie deutete vieles einfach um. War in der Bundesrepublik kein Raum für ambivalente Wahrheiten? Wo wurzelt Rinsers Verherrlichung von Führerpersönlichkeiten?

Luise Rinser, puritanisch-katholisch im Bayern zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzogen, faszinieren früh Eros, Religion und Natur. Im Kloster Wessobrunn erlebt sie ein althochdeutsches Gebet als „Urschauer“. Als junge Schülerin verehrt sie heftig charismatische Lehrer. Ein naiver Enthusiasmus lädt auch spätere Beziehungen auf – zu Ernst Jünger, dem sie Briefe an die Front schreibt, zu Hermann Hesse, dem katholischen Theologen Karl Rahner, zu Willy Brandt oder, im hohen Alter noch, zum Dalai Lama.

1934 ist Luise Rinser 22 und ausgebildete Volksschullehrerin, als der Oberstadtschulrat, ein überzeugter Nazi, sie zu sich ruft. Sie soll ein Lager der Hitlerorganisation „Bund Deutscher Mädchen“ führen und angehende Lehrerinnen ausbilden. Kurz zuvor hat sie den jüdischen Leiter ihrer Schule, der aus Angst und Schwermut zu trinken beginnt, beim Schulrat angeschwärzt. Die folgende Entlassung bricht dem Mann das Herz – er stirbt. Als „Unterlassung guter Werke“, als „Schuld der Herzensträgheit“ ordnet Luise Rinser diese Episode später für sich. „Denuntiation“ nennt es nun ihr Biograph. Der Akt öffnete ihr vermutlich die Pforten zu einer Steilkarriere im Dritten Reich. In ihren eigenen Worten: „Ich sorgte dafür, dass die jungen Lehrerinnen und künftigen HJ-Führerinnen alles lernten, was sie brauchten für Heimabende. Alles lernten sie, nur nicht: nationalsozialistische Weltanschauung.“

Tatsächlich aber ist sie nicht nur NS-Sympathisantin, sondern enthusiastische NS-Pädagogin. Als Autorin – 1941 erschien ihr Debüt „Die gläsernen Ringe“ – erhielt sie nicht etwa Publikationsverbot, sondern war wie alle Kollegen von der herrschenden Papierknappheit betroffen. Und keineswegs hatte man sie 1934 wegen Unzufriedenheit mit ihrer Arbeit vorzeitig fortgejagt, wie sie selbst später schilderte. Das Lager ragt im Gegenteil aus allen heraus. Ihren enormen Eifer spiegelt ein Bericht über den Lageralltag, den sie für Herdfeuer schreibt – eine Eloge auf die Begriffe Zucht, Kameradschaft, Ordnung zur Formung der neuen, deutschen, mütterlichen Frau.

Und ihre Haft zu Kriegsende im Frauengefängnis Traunstein, die sie in ihrem berühmten „Gefängnistagebuch“ verarbeitet? Nicht als Gegnerin des Nationalsozialismus, wie oft kolportiert, gerät sie ins Visier der braunen Justiz. Die Anklage lautet auf Wehrkraftzersetzung – Luise Rinser hatte einer verzweifelten Freundin geraten, ihrem Mann angesichts des baldigen Kriegsendes das Desertieren nahezulegen. Karl Ritter, Filmregisseur der UFA, für den sie ein Drehbuch über den weiblichen Arbeitsdienst verfasst hat, nutzt offenbar seine Freundschaft zu Goebbels, und die Akten wandern bis Kriegsende hin und her. Dass Rinser 1973 im Vorwort zur Neuausgabe ihres „Gefängnistagebuches“ „Professor Karl Ritter“ eben dafür danken kann, ohne ihren Ruf als parteilose, moralische Instanz der Bundesrepublik aufs Spiel zu setzen, zeigt, wie etabliert sie inzwischen ist. Besagtes Drehbuch erwähnt sie nicht.

De Murillo, seiner Devise folgend, „schonungslos, aber respektvoll“ Widersprüche zu benennen, zeigt, dass Luise Rinser tiefer in die NS-Zeit verstrickt war als vermutet. Er schildert sie als kunstfertige Mythomanin, die mit nicht gerade wenig Eifer ihre Vergangenheit umschreibt. Tatsächlich begreift man Rinser nach der Lektüre der Biographie zu allererst als Phänomen: Nicht nur zu verdrängen, sondern im Gegenteil sogar in die andere Richtung zu übertreiben, scheint ihr Weg gewesen zu sein – was schließlich in die Friedensbewegung führte, aber eben auch zur Verklärung eines totalitären Systems wie Nordkorea, einer Idee.

Spürbar ist das womöglich bis in Rinsers literarisches Werk hinein. Der Biograph schlägt vor, diese Prosa weniger historisch als mythologisch zu begreifen: als zeitlose Geschichte über Selbstfindungen in einer verwirrenden Welt. Die Figuren seien keineswegs so eindimensional, wie es der oft despektierlich verwendete Begriff „Erbauungsliteratur“ als Siegel für Rinsers Literatur vermuten lasse. Sie spiegelten vielmehr die inneren Risse der Autorin, die sie in der Öffentlichkeit ausblendete. Doch bleibt dieser Befund etwas vage. Ob Klischees und Stereotypen auch im literarischen Werk lauern, sollten, wo noch nicht geschehen, Germanisten streng untersuchen.

José Sánchez de Murillo: Luise Rinser. Ein Leben in Widersprüchen. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2011, 465 Seiten, 22,95 Euro.

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