Lade Inhalte...

Zu viel Platz für den Gegner

Norman G. Finkelstein verheddert sich beim Versuch, "Antisemitismus als politische Waffe" zu entlarven

10.05.2006 00:05
RUDOLF WALTHER

Als vor fast sechs Jahren Norman G. Finkelsteins Büchlein mit dem Titel The Holocaust Industry in den USA erschien, brach hier zu Lande eine wilde Debatte aus, noch bevor die Übersetzung vorlag. Allein der Titel provozierte. Finkelstein wollte belegen, dass die Auswüchse der Holocaust-Gedenkrituale in den USA kein exotisches Phänomen sind, sondern einem Kalkül entspringen. Nicht die Erinnerung an die Opfer oder das Engagement für Israel - so die These - , sondern die Verbesserung der politischen Position jüdischer Organisationen in den USA sei Motor der regen Betriebsamkeit in Sachen Holocaust. Damit überdehnte er eine These, in der ein "Stückchen Wahrheit steckt" (Julius Schoeps), in Richtung einer eher groben Verschwörungstheorie - ein vermeidbares Eigentor, hätte er die subtile Studie von Peter Novick The Holocaust in American Life (1999) ernsthaft rezipiert.

Zentrale Sachverhalte, wie der Vorwurf, die Claims Conference habe die Wiedergutmachungszahlungen nur zu 15 Prozent den Überlebenden zukommen lassen, während der Rest in der eigenen Organisation und in Israel versickert sei, gingen unter und wurden bis heute nicht gerichtlich geklärt, was damals namhafte deutsche Historiker forderten. Die Hoffnung, das Buch könnte dabei helfen, dass "ein Fenster geöffnet" (FAZ) werde, wurde enttäuscht.

Auch Finkelsteins neues Buch beschäftigt sich mit einem brisanten Thema: Antisemitismus als politische Waffe. Der erste Teil des Buches dreht sich um die zyklische Entdeckung beziehungsweise Erfindung von "neuem Antisemitismus". Seit dem ersten Auftreten des Schlagworts im Titel des Buches von Arnold Forster und Benjamin R. Epstein im Jahr 1974 bis zu den rabiaten Kommentaren zu dem Film "Die Passion Christi" wird in regelmäßigen Abständen der allerneueste "neue Antisemitismus" kreiert.

Zuweilen führt das zu grotesken Übertreibungen. Der US-Publizist Ron Rosenbaum sprach im Zusammenhang mit palästinensischen Selbstmordattentaten von der Gefahr eines "zweiten Holocaust". Philip Greenspun, ein angesehener Naturwissenschaftler, verbreitet im Internet die These, Europäer hätten Israel "als Konzentrationslager für Juden" geplant und die Geschichte lehre allemal, dass "die meisten Konzentrationslager für Juden irgendwann zu Vernichtungslagern" geworden seien.

Drei Komponenten des Phänomens

Für Finkelstein besteht das, was in zahlreichen Debatten seit 30 Jahren immer wieder als "neuer Antisemitismus" beschworen wird, aus drei Komponenten - zwei chimärischen und einer realen. Erste Komponente: "Vorfälle, die übertrieben dargestellt werden oder reine Phantasieprodukte sind." Aus der Tatsache, dass an einer Universität ein jüdischer Student von einem Palästinenser angepöbelt wurde, bastelten die Medien gleich eine Welle des "neuen Antisemitismus". 2004 geriet die Columbia University in New York in Verdacht, "pro-israelische Stimmen" unter den Studenten "zum Schweigen zu bringen". Der Präsident beauftragte sofort einen Ausschuss, der die Anschuldigungen penibel überprüfte. Man fand "keinerlei Anzeichen dafür, … dass es von Seiten des Lehrkörpers Äußerungen gegeben hat, die man ernsthaft als antisemitisch hätte auffassen können". Was trotzdem hängen blieb, weiß keiner.

Die zweite Komponente des "neuen Antisemitismus" ist wichtiger: Kritik an Politik Israels, insbesondere an jener in den besetzten Gebieten, gerät immer häufiger unter den dumpfsinnigen Pauschalverdacht, einen "neuen Antisemitismus" zu verbreiten oder wenigstens zu nähren. Als etwa der jüdische Milliardär George Soros die schlichte Meinung äußerte, antisemitische Akte in Europa hätten auch mit der israelischen Politik im Westjordanland und im Gazastreifen zu tun, wurde er umgehend des Antisemitismus bezichtigt.

Die dritte Komponente ist jene nicht ausgestorbene Kritik an Israel, "die tatsächlich in allgemeine Kritik an Juden umschlägt". Daran ist aber, wie Finkelstein zeigt, nichts neu. Das ist das uralte Gesicht des Antisemitismus, das zu entlarven zu den rationalen Minima gehört.

Im zweiten Teil des Buches, der über die Hälfte des Gesamtumfangs ausmacht, beschäftigt sich Finkelstein fast ausschließlich mit Alan M. Dershowitz' Plädoyer für Israel. Der Harvard-Professor hat sein Buch nach dem Schema eines gerichtlichen Verfahrens aufgebaut. Die 32 Kapitel folgen dem Muster: Vorwurf, Anklage, Realität und Beweis. Der Autor fungiert als Meinungsmacher, Ankläger, Verteidiger und Richter in einer Person - eine eigenwillige Konstruktion für einen Juristen.

Finkelstein versucht, das Machwerk des Gesinnungsathleten Dershowitz fast Satz für Satz zu widerlegen und langatmig darzulegen, dass es sich bei dem, was der Dershowitz als "Realität" präsentiert, eher um propagandistische Rechtfertigungen und nicht-belegte Behauptungen handelt. Lohnt es sich wirklich, seitenlang zu begründen, dass es unbestreitbare israelische Menschenrechtsverletzungen gibt und dass diese nicht entschuldbar werden durch die Tatsache, dass die Menschenrechte auch in arabischen Staaten gebrochen werden? Wie viel Platz und Mühe verdient das Auflösen eines ebenso durchsichtigen wie winkeladvokatorischen Tricks bei der Berechnung von Opferzahlen?

Pointierte Kritik fehlt

Wer derlei umständlich erörtert, statt es als indiskutables Stammtischgerede kurz abzukanzeln, geht unter Niveau. Niemand muss beweisen, dass das Rad nicht quadratisch ist. Natürlich verlangt Dershowitz' Buch eine Antwort. Aber statt eine pointierten Kritik zu üben, ließ sich Finkelstein auf eine philologisch unterfütterte Detailpolemik ein. Was zwangsläufig dazu führte, dass er die Hälfte des Platzes dem Gegner überlassen muss, um dessen Anklagen, Realitätsbeschreibungen und Beweisführungen zitierend vorzustellen, bloß um das Zitierte breit widerlegen zu können. Die Akribie, mit der Finkelstein sich dieser Arbeit unterzog, verdient Respekt. Aber das bezahlt der Autor teuer - mit einem faktenreichen, aber langweiligen, zu langen Buch. Weniger wäre deutlich mehr gewesen.

Das BuchNorman Finkelstein:Antisemitismus als politische Waffe. Israel, Amerika und der Missbrauch der Geschichte. Aus dem Amerikanischen vonMaren Hackmann, Piper Verlag, München 2006,388 Seiten, 19,90 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen