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Yoko Ogawa „Schwimmen mit Elefanten“ Das Leben eine Partie Schach

Yoko Ogawas „Schwimmen mit Elefanten“ ist ein poetischer Roman über die Schönheit des Spiels.

Weniger taktische als ästhetische Fragen interessieren Ogawa am Schachspiel. Foto: rtr/Symbolbild

Yoko Ogawas „Schwimmen mit Elefanten“ ist ein poetischer Roman über die Schönheit des Spiels.

Als „der Junge“ wird der Held von Yoko Ogawas neuem Roman eingeführt, und der wird er bis zum Schluss bleiben. Er bekommt ebenso wenig einen Namen wie der Großteil des übrigen Personals. Sie heißen „der Meister“, „die ältere Dame“, „der kleine Bruder“. Ihre Namen sind unwichtig, da sie ja, ähnlich wie Figuren in einem Spiel, vor allem ihre Rolle erfüllen.

„Schwimmen mit Elefanten“ ist ein Roman über das Schachspiel, dessen rätselhafter Titel den besonderen mentalen Zustand verbildlicht, in den sein Held während des Spiels fällt. Die japanische Autorin Yoko Ogawa, die innere Zustände in oft erschreckend intensiver Weise in literarische Bilder zu übersetzen vermag, hat mit dem Schachspiel eine Metapher gefunden, die ihr Held sich überzieht wie eine Schutzhaut. Als kleines Kind ist der Junge sehr beeindruckt von der Geschichte des Elefanten Indira (eines von zwei Wesen im Roman, die einen Namen bekommen), der sein Leben auf dem Dach eines Kaufhauses verbringen musste, nachdem er zu groß geworden war, um noch in den Fahrstuhl zu passen.

Der Junge selbst hat eine Vorliebe für geschlossene, schützende Räume. Er schläft in einem engen Alkoven, erlernt das Schachspiel bei einem dicken Mann – dem „Meister“ –, der in einem ausrangierten Bus lebt, und gewöhnt sich an, zwischen den einzelnen Spielzügen unter dem Tisch nachzudenken. Diese regelwidrige Marotte verhindert seine Aufnahme in den Schachclub der Stadt.

Doch nach dem Tod des Meisters, der, ähnlich wie der Elefant, so umfangreich geworden ist, dass sein Leichnam nicht mehr durch die Bustür passt, macht der Junge dennoch eine Art Schachkarriere. Im geheimen „Klub am Grunde des Meeres“ bedient er eine Schachpuppe, in deren Innerem er sitzt. Das ist nur deshalb möglich, weil der Junge nach dem Tod des Meisters beschlossen hat, nicht mehr zu wachsen. Als unsichtbare Koryphäe des schönen Spiels macht er nun Furore. Bald wird die Puppe „Kleiner Aljechin“ genannt, nach dem ehemaligen russischen Weltmeister und Meister im Blindschach.

Lob des menschlichen Geistes

Yoko Ogawa nimmt das Schachspiel weder in seiner Funktion als überlegene Übung des menschlichen Geistes in den Fokus noch interessiert sie sich für die strategischen Aspekte. Auch das dramatische Potenzial des im Schach häufigen Dilemmas, zwischen ungünstigen Alternativen wählen zu müssen, spielt keine Rolle. Was diesen Roman allein umtreibt, ist die Ästhetik des Schachs und der Charakter des Spiels als Ausdruck der Persönlichkeit des Spielers. Natürlich ist es letztlich doch der menschliche Geist, der hier gefeiert wird – aber nicht als geniale Rechenmaschine, sondern als staunenswertes, stummes Medium der Kommunikation. Der Körper dagegen wird vorgeführt als jenes fleischerne Ding, das unzähligen physischen Beschränkungen unterworfen ist und dem Menschen eine Hülle bietet, ihn aber nicht ausmacht.

Die Bilder und Vorstellungen, die Ogawa evoziert, entrücken auch die Geschichte, die sie erzählt, ein Stück heraus aus dem Romankörper mit seinen narrativen Begrenzungen und hinein in die weite, sich selbst genügende Welt der Lyrik. In diesem Kosmos beharrlich nach Bedeutungs- und Interpretationsmustern zu suchen, schiene da fast aufdringlich. Nicht das Verstehen, sondern vor allem das Sehen der poetischen Analogien verschafft den großen ästhetischen Genuss bei der Lektüre von Yoko Ogawas Prosa (in der deutschen Übersetzung von Sabine Mangold). Aber trotz aller Schönheit ist diese von einer inhärenten Traurigkeit durchdrungen, die mit der nicht wegzudichtenden Tatsache zu tun hat, dass die Existenz des menschlichen Geistes eben doch an den Körper gebunden ist.

Noch in seiner äußeren Form zieht der Roman die schachliche Analogie zur Endlichkeit des Lebens: Mit drei Handlungsorten vollzieht er nicht nur die Lebensalter, sondern auch die Phasen des Schachspiels nach. Eröffnung. Mittelspiel. Endspiel. Danach heißt es Schachmatt.

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