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Yasar Kemal ist tot Trauer um Yasar Kemal

„Der Tod existiert nur, weil es Leben gibt“: Mit 92 Jahren ist der große türkische Erzähler, Zeitgenosse und Friedenspreisträger Yasar Kemal in Istanbul gestorben. Sein Roman „Memed, mein Falke“ machte ihn weltberühmt, sein Zorn gegen Ausbeutung und Unterdrückung brachte ihn mehr als einmal vor Gericht.

01.03.2015 16:32
Von Ömer Erzeren
Yasar Kemal, 2010 bei einer Veranstaltung des Goethe-Instituts in Istanbul. Foto: dpa/Archiv

Yasar Kemal, der am Samstag im Alter von 92 Jahren in Istanbul verstarb, war am Wochenende das Hauptthema in den sozialen Medien der Türkei. Millionen Menschen zollten dem Meister der türkischen Literatur auf Twitter nicht nur Achtung und Respekt, sondern sie erklärten ihre Liebe, Freundschaft, Solidarität. Schon als er Mitte Januar schwer krank in die Universitätsklinik eingeliefert wurde, kamen Ärzte und Krankenpfleger mit Transparenten: „Memed, mein Falke; halte durch!“. Es kamen die Hooligans des Istanbuler Fußballclubs Besiktas mit einem riesigen Plakat: „Auf dem heiligen Berg hat ein Falke seine Flügel ausgebreitet: Sie bedecken die Welt. Halte durch Memed, mein Falke.“

Wie erbärmlich wirken dagegen die Beileidsbekundungen des türkischen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan und des Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Selbst der Parteichef der Ultranationalisten redet von großer Trauer. Yasar Kemal hat sie allesamt verachtet. Die herrschenden Eliten, diejenigen, die versuchen, die „Kultur Anatoliens ausrotten“, gehörten nicht zu seinen Freunden. Die Protagonisten seiner zwanzig Romane, seiner zahlreichen Erzählungen sind die Ausgebeuteten und Unterdrückten, Bauern, Arbeiter. Anatolien nannte er liebevoll den „Garten der Tausend Blumen“: Das Anatolien der kleinen Leute; Türken, Kurden, Armenier, Griechen, Juden Araber, Lasen, Tscherkessen, Jesiden. „Die Farbe und der Duft jeder Blume ist einzigartig. Rassismus ist die übelste Krankheit. Nie werde ich denen verzeihen, die gegen die Meinungsfreiheit und die Demokratie Hass gesät und unsere Generation in die Katastrophe geführt haben.“
Der Roman „Memed, mein Falke“ erschien zuerst 1955 als Serie in der Tageszeitung „Cumhuriyet“. Das Werk, das später in mehr als vierzig Sprachen übersetzt wurde, ist in der Geschichte der Türkei das am meisten gelesene Buch überhaupt. Es entfaltete solche Kraft, dass Legenden daraus erwuchsen. Die Nachricht, dass das Grab Memeds, des Falken, gefunden worden war, ging vor fast zwei Jahrzehnten durch die Zeitungen.

„Memed, mein Falke“ wurde zum Symbol der Rebellion und des Aufbegehrens gegen die Herrschenden. Eine moderne Tragödie, angesiedelt in der Cukurova-Ebene im Südosten der Türkei, wo Memed gegen den ausbeuterischen Großgrundbesitzer Abdi Aga zu Felde zieht. Der Räuber und Rebell wurde zur Leitfigur politischer Manifestation gegen Ausbeutung und Unterdrückung.

Filmregisseur Elia Kazan hat einmal angemerkt, dass Yasar Kemal ein Erzähler in der Tradition Homers sei. Tatsächlich ist es nicht nur die Geographie, die Kemal mit Homer verbindet. Die mündlichen Überlieferungen und Quellen spielen bei ihm eine bedeutende Rolle. Anatolische Erzähler, die von Dorf zu Dorf zogen und Geschichten überlieferten, hinterließen einen nachhaltigen Eindruck auf Kemal. Sein erstes veröffentlichtes Buch aus dem Jahr 1943 war kein Roman, sondern eine Sammlung von Elegien, Legenden und Mythen, die er in anatolischen Dörfern aufgeschnappt hatte.

Yasar Kemal ist so alt wie die moderne türkische Republik, die im Jahr 1923 gegründet wurde und die Nachfolge des hinfälligen Osmanischen Reiches antrat. Seine Biografie und sein Werk spiegeln die gesellschaftlichen und politischen Widersprüche der türkischen Gesellschaft. Das Ende des Osmanischen Reiches und der Erste Weltkrieg bilden eine Ära von Massenvertreibungen und Pogromen. Auch Kemals Eltern sind Flüchtlinge, die vor russischen Truppen fliehen.

Kemal wächst in einer kurdischen Familie in einem turkmenischen Dorf auf. Als sein Vater einen Hammel schlachtet, wird er vom Messer getroffen. Ein Auge erblindet. Zwei Jahre später als Fünfjähriger wird er Zeuge wie sein Vater in der Moschee erstochen wird.

Kemal stottert bis zur Pubertät. Seine kurdische Muttersprache legt er mit neun Jahren ab, nachdem ihn Kinder damit gehänselt haben, dass er Kurdisch wie ein Armenier rede. Der wortgewaltigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat sein Türkisch spät erlernt. Der Schriftsteller Sait Faik wird in einer Widmung schreiben, Kemal sei der Kurdischste aller Türken und der Türkischste aller Kurden.

Kemal verdingt sich als Landarbeiter, Hirte, Treckerfahrer. Als Jugendlicher kommt er mit den Ideen des Sozialismus in Berührung. Er ist erst 17 Jahre alt, als er festgenommen und für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt wird. Die ethnische und religiöse Vielfalt Anatoliens, die Ausbeutung der Bauern und Landarbeiter und ein Staat, der die Bevölkerung knebelt – sie sind untrennbarer Teil von Kemals Lebensgeschichte, aus der sich seine Werke speisen.

In die Luft will er sich sprengen

Die Veröffentlichung von „Memed, mein Falke“ macht Kemal zum berühmtesten Schriftsteller der Türkei. Er bleibt ein entschiedener Linker. 1962 ist er führendes Mitglied der linkssozialistischen „Arbeiterpartei der Türkei.“ Als die Militärs 1972 drei Guerilleros hinrichten lassen, fleht er Freunde an, Dynamit zu besorgen. Er möchte sich öffentlich in die Luft sprengen, wenn die Hinrichtungen vollzogen werden. Als der Krieg gegen die kurdische Guerillabewegung auf ihrem Höhepunkt ist und Todesschwadronen missliebige kurdische Intellektuelle ermorden, schreibt Kemal 1995 einen Essay für den „Spiegel“. Ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sei das, was der türkische Staat betreibe. „Die Türkische Republik hat eine Tyrannei über der anatolischen Bevölkerung errichtet, dass diese tausendfach die osmanische Autokratie wieder herbeisehnt.“

Der 73-Jährige muss vor Gericht erscheinen, die Richter verurteilen ihn zu zwei Jahren Gefängnis. Eingesperrt wird er dann doch nicht, das trauen sich die politisch Herrschenden offenbar nicht. 1997 bekommt Kemal in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Günter Grass hält die Laudatio.

Die Protagonisten von Yasar Kemals Romanen sind einfache Leute. Doch weder idealisiert noch verurteilt er sie. In einem BBC-Interview sagte er einmal: „Es kommt darauf an, die menschliche Wirklichkeit im Angesicht des Todes zu verstehen. Der Tod existiert nur, weil es Leben gibt. Das ist die große Lyrik der Welt.“ Und so ehren den toten alten Mann auch Hunderttausende Jugendliche auf Twitter. Und liebevoll ist in den Einträgen immer wieder die Rede von dem Vulkan, dessen Feuer nicht erloschen wird.

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