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Yahya Hassan Lyrik Fucking Zornig

Der 18 Jahre alte Yahya Hassan ist die Sensation der dänischen Lyrikszene. Der Sohn palästinensischer Flüchtlinge schreibt über Männer, "die zum Freitagsgebet gehen, aber alle anderen Tage stehlen, hehlen, saufen und huren". Dafür kriegt er Lob von Islamkritikern und Todesdrohungen von Extremisten.

Ein Debütant, der extrem polarisiert: Yahya Hassan Foto: Martin Holtum/Gyldendal

Wenn 18-Jährige ihre Gefühle in Versform gießen, imponieren sie in aller Regel höchstens der Freundin oder der Mutter. Yahya Hassan aber, als Sohn palästinensischer Flüchtlinge im dänischen Aarhus geboren, ist seit geraumer Zeit die Sensation der dortigen Lyrikszene.

Gedichtbände werden in Dänemark, wenn überhaupt, in Auflagen von 400 Stück gedruckt (was in Deutschland nicht viel anders ist). Für Hassans Erstling verdoppelte man die Zahl, so viel versprach sich der Verlag Gyldendal von dem Debütanten. Jetzt, zwei Wochen später, sind 25000 Exemplare aufgelegt, das wären, gemessen an der Bevölkerungszahl, im deutschen Sprachraum 500.000 Bücher für einen Lyrikanfänger. Die dänischen Buchhändler sehen in dem Band den diesjährigen Weihnachtshit.

Abrechnung mit der Familie

Der verspricht gewiss keinen Genuss, ganz abgesehen davon, dass dies ein antiquiertes Lyrikverständnis wäre. Was Hassan in weißen Versalien auf schwarzem Papier ausstößt, ist eine schonungslose Abrechnung mit seiner Familie, seinem Aufwachsen und der Heuchelei, von der er sich umgeben sieht: dem prügelnden Vater, der bigotten Mutter, den Männern aus der Betonvorstadt, die „zum Freitagsgebet gehen, aber alle anderen Tage stehlen, hehlen, saufen und huren“. Er beschreibt eine Elterngeneration, die „sich an den Koran klammert, aber Sozialhilfe ergaunert, die Kinder verdrischt und deren Integration verhindert.“ „Wir hatten keinen Plan, denn Allah hatte Pläne für uns“, heißt es in einem seiner rhythmischen Verse.

„Fünf Kinder aufgereiht und ein Vater mit Schlagstock,/ Viel Geheul und eine Pfütze Pisse“, so beginnt das Gedicht „Kindheit“. „Ich bin fucking zornig auf die Generation meiner Eltern“, lautete die Überschrift über einem Interview mit dem 18-jährigen Migrantensohn in „Politiken“, das in der Geschichte der Zeitung zum am stärksten umstrittenen Artikel wurde.

In den folgenden Tagen explodierte die Debatte, und zu Hunderten meldeten sich junge Einwanderer zu Wort, die sich sonst nie öffentlich engagieren, entweder, um zu beschreiben, wie sehr ihnen Yahya aus dem Herzen sprach, oder um ihm vorzuwerfen, dass er ungebührlich verallgemeinere und ihm jegliches Verständnis für die schweren Verhältnisse fehle, unter denen die Flüchtlingsfamilien in Dänemark leben.

Dass Hassan dann von denen vereinnahmt wird, die immer schon meinten, dass die Integration muslimischer Zuwanderer nicht funktionieren könne, ist eine logische Folge – wie auch die Todesdrohungen, die von Extremisten der Gegenseite ausgestoßen werden, die Kritik nicht hinnehmen können und ihn verdammen, wenn er sagt, dass er „Allah zu nichts brauchen“ könne.

Hassan ficht weder das eine an noch das andere, und er will nicht Sprecher einer zornigen Generation von „Neudänen“ sein, wie man die Nachkommen der Zuwanderer nennt: „Ich äußere mich nicht als Teilnehmer einer Einwanderungsdebatte, sondern als Dichter. Jeder kann meine Gedichte deuten, wie er will.“

Beeindruckt von Dostojewski

Aufgewachsen ist Hassan in einem der Problemvororte mit hohem Migrantenanteil in einer zerrütteten Familie, er stahl, kiffte, stand wegen Raubversuchs vor Gericht. Doch als in einer der Institutionen, in die er gesteckt wurde, ein Lehrer auf seine Sprachfähigkeiten aufmerksam wurde, nahm sein Leben eine Wende. „Er glaubte zuerst, ich hätte den Aufsatz abgeschrieben – wo hast du das gestohlen, das ist doch nicht von dir –, da wurde ich wütend und schrieb einen neuen.“

Auf Anleitung des Lehrers begann Yahya zu lesen, Dostojewski beeindruckte ihn und die erbarmungslose Selbstbiografie des Norwegers Karl Ove Knausgaard. Er kam auf die „Verfasserschule“ für dänische Schriftstelleraspiranten, er begann mit Lesungen in kleinem Kreis. Wenige Monate später ist er in ganz Dänemark bekannt, und ausländische Verlage bemühen sich, die Rechte zu ersteigern, was für einen Lyrik-Erstling schlichtweg sensationell ist. Die Kritiker rühmen seine Sprachgewalt, die er mit neuen Wortschöpfungen bereichert, und in der er ausgefeiltes Dänisch mit ironischer „Kanakensprache“ vermengt, als wolle er sagen: Einer, der aussieht wie ich, sollte doch so sprechen, oder?

Doch wenn er nun auftritt, wacht der Sicherheitsdienst darüber, dass ihm nichts zustößt, und seine Mutter hat sich von ihm losgesagt, weil sie nicht verkraften kann, dass er „von der Religion abgefallen“ ist.

Nicht das System hat uns im Stich gelassen, sondern unsere Eltern“, sagt er, und doch widmet er seinem Vater einen seiner eindrücklichsten Texte, der mit der Zeile endet: „Vielleicht hätte ich dich geliebt, wenn ich dein Vater wäre und nicht dein Sohn.“

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