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Wytske Versteeg "Boy" Mutterseelenallein

In ihrem Roman „Boy“ erzählt die Niederländerin Wytske Versteeg beklemmend vom Verlust eines Kindes.

Die Niederländerin Wytske Versteeg. Foto: Eline Spek

Manchmal, wenn Boy nachts aus seinem Zimmer getrottet kommt, von Alpträumen geweckt, und seine Mutter ihm ein Glas warme Milch reicht, dann kann sie in ihm „schon den Mann erkennen, der einmal aus ihm werden würde“. Doch dieser Mann wird Boy nie werden. Boy ist tot. So viel lässt sich sagen, ohne zu viel zu verraten, denn die Leiche des 15 Jahre alten Jungen taucht schon im ersten Satz von Wytske Versteegs Roman „Boy“ auf.

Boys Mutter erfährt von der Polizei, dass ihr seit Tagen vermisster Sohn tot gefunden wurde. „Jetzt ist das unvorstellbar, aber in der Regel ist es besser so: Besser man weiß, dass jemand tot ist, als dass er vermisst bleibt“, sagt der Polizist. Und nicht nur der schreckliche Empathiemangel dieses Satzes bewirkt, dass sich die Einstiegsszene als eiskalte Faust ums Herz legt und es nicht mehr loslässt.

In ihrem zweiten Roman taucht die 1983 geborene Niederländerin tief in das Seelenleid einer Mutter ein, die als Psychiaterin sonst die seelischen Abgründe anderer erforscht. Nach dem lange vergeblichen Bemühen, mit ihrem Mann ein leibliches Kind zu bekommen, hatte das weiße niederländische Paar einen schwarzen Jungen aus einem – im Roman nicht näher benannten – afrikanischen Land adoptiert.

Boy aber bleibt unnahbar

Das Paar will dem Kind alles ermöglichen, Boy aber bleibt unnahbar, auf höflicher Distanz, „ich spürte, dass er mich nicht brauchte“, reflektiert die Mutter rückblickend das kurze Leben ihres Sohnes. Es ist das Leben eines einsamen, in der Schule gemobbten Kindes. Eines Außenseiters, der gerne Frauenkleider trug. Rassismus streift der Roman nur zwischen den Zeilen, wenn andere Mütter dem niedlichen Jungen ständig in die Locken fassen wollen und entzückt säuseln, während seine Mutter sich fragt, „wie sie später über ihn denken und was sie zu Hause am Abendbrottisch sagen würden, wenn er mit ihren Töchtern ausginge“.

Nur eine Theaterlehrerin scheint das Vertrauen des verschlossenen Kindes gewonnen zu haben. Auf Rache sinnend, in dem Glauben, in ihr die Verantwortliche für den inzwischen einige Jahre zurückliegenden Tod Boys gefunden zu haben, reist die Ich-Erzählerin der Lehrerin nach Bulgarien hinterher, wo diese mittlerweile ein Aussteigerleben in einem verlassenen Landstrich lebt. Es ist dort, in der Konfrontation der beiden Frauen, dass die Erzählperspektive des in drei Teile geteilten Buches vom Ich zum Du wechselt und die Mutter direkt anspricht.

Versteegs Sprache hat eine beklemmende Sogwirkung. Zwar beherrschen Sprachlosigkeit und Distanzierung bis hin zur Gefühlskälte das Leben der Protanistin und deren Familie. „Ich bin noch nie sehr gut mit Menschen ausgekommen“, sagt diese über sich selbst und tauscht auch mit ihrem Mann nach Boys Tod nur noch „höflich Butter, Marmelade und Erlebnisse aus“, um irgendwie die Stille zu füllen, die zwischen den ungleich Trauernden steht.

Doch gerade dieses Schweigen berührt. Wie Versteeg die trauernde Mutter zeichnet, die ihren Schmerz mit langen nächtlichen Spaziergängen betäubt und in deren Leben der Tod ihres Kindes „täglich mehr Raum beansprucht“, geht unter die Haut. Aber mehr noch, wie die junge Autorin sich der gepeinigten Seele des Sohnes nähert, dessen Einsamkeit schon aus seinem so seltsam namenlosen Namen spricht: Boy. Junge.

Wytske Versteeg: Boy. Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2016. 240 Seiten, 10,90 Euro.

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