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Wolf Wondratschek „Beim Schreiben helfen Zigaretten und Kaffee“

Der Schriftsteller Wolf Wondratschek spricht im Interview über seinen Soundtrack des Lebens, über Pellkartoffeln und die Wünsche des Autors an die Leser.

Wolf Wondratscheck
„Der Leser ist die Königsfigur, nicht der Schriftsteller“, sagt Wolf Wondratschek. Foto: dpa

Wolf Wondratschek, an zeitgenössischer Musik, sagen Sie, genießen Sie die Abstraktion?
In der Literatur spielt das Experimentelle, das Wagnis kaum noch eine Rolle. Texte zerschneiden und neu zusammensetzen – cut-up und fold-in –, Techniken, wie sie William Burroughs praktizierte oder der von der Literaturkritik völlig ignorierte deutsche Schriftsteller Jürgen Ploog.

...und Sie selbst in Ihren frühen Hörspielen ...
...die aber schon lange nicht mehr erprobt werden. Morton Feldman kam ohne Melodien aus. Eigentlich sogar ohne Rhythmus. Vergleichbares gibt es kaum in der Literatur. Der größte Rhythmiker war ganz sicher Beethoven. Das sind Hollywoodfilme, denke ich manchmal.

Und die Schlüsse, denen immer noch einer folgt.
Das brachte mich zu der Bemerkung in „Selbstbild mit russischem Klavier“: „Beethoven fängt mit dem Ende an und kann dann nicht mehr damit aufhören.“ Diesen Satz hat noch keiner gewürdigt. Eigentlich sollte so ein Satz, auch was ich über das Schubert-Spielen schreibe, Diskussionen auslösen. Dabei wünsche ich mir Leser, die einen Bleistift in der Hand halten und solche Stellen anstreichen, über sie nachdenken. Sie hören dann vielleicht den 3. Satz der neunten Sinfonie mit den unendlichen Wiederholungen anders, oder seine Streichquartette.

Sie wünschen sich einen Leser mit Bleistift?
In einem Gedicht für meinen Sohn schrieb ich von dem „Vergnügen, in einem Buch eine Seite umzuschlagen, einen Satz lesen und die Wirkung abwarten!“ Das meine ich. Natürlich ist es schön, wenn die Geschichte, wenn der Rhythmus einen weiterträgt, aber wenn man dann müde ist und nicht mehr ganze Seiten lesen kann, dann muss da etwas im Gedächtnis bleiben, ein Detail, ein Satz, ein Wort, die nachklingen, zu denen man zurückkehrt. Ich wünsche mir Leser, die die Geduld für dieses Nachklingen aufbringen.

Kennen Sie welche?
In München in der Buchhandlung Lehmkuhl traf ich einen älteren Herrn. Wir kamen ins Gespräch und er sagte zu mir: „Das, was übrigbleibt, wenn man aus einem Buch die Handlung eliminiert, das ist Literatur.“ Wunderbar! André Gide war Lektor bei Gallimard und lehnte den ersten Band von Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ ab. Sein Argument: Wenn einer zwanzig Seiten braucht, um sein Aufwachen zu beschreiben, dann hat er mich verloren. Aber genau das ist Literatur.

Literatur sind auch die Sätze, die im Leser etwas auslösen, auf das der Autor keinen Einfluss hat.
Ich habe als Autor keinen totalen Einfluss auf meine Bücher. Aber er reicht mir aus. Sonst könnte ich nicht nur nicht schreiben, sonst wüsste ich auch nicht, wann ein Buch zu Ende ist. Nur als Herr der Geschichte kann ich ihr einen Schlusspunkt setzen. Ich weiß aber natürlich, dass Borges Recht hatte: Der Leser ist der eigentliche Schöpfer. Nicht des Produktes, sondern seines Sinns. Warum eine Geschichte noch leben soll, darüber entscheidet nicht der Autor, sondern der Leser. Ich kann das Buch schreiben, aber es wirklich verstehen, es ausdeuten, das kann der Autor nicht. Er muss weiterschreiben. Wie ein Wanderer, der seinen Weg gehen muss und nicht bei jeder Pflanze, bei jedem Stein stehenbleiben darf. Der Leser dagegen kann das, sollte das vielleicht sogar. Ich wünsche mir jedenfalls einen, der das tut und so mein Buch besser zu deuten versteht, als ich das kann.

Sie denken an den Leser?
Beim Schreiben niemals. Aber er ist die Königsfigur, nicht der Schriftsteller. Der kann das erforderliche Bewusstsein nicht haben. Sonst implodiert er. Wie konnte das Alban Berg Quartett Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ so spielen, wie es das tat, ohne in Tränen auszubrechen? Wenn sie sich zuhörten, so wie wir das tun, müssten sie weinen. Die Musiker müssen auf die Emotion, die sie produzieren, verzichten. Auch der Autor muss den Bogen streichen, muss im Takt bleiben, darf sich nicht hingeben. Der Leser dagegen ist in der Rolle des Zuhörers.

Der Leser nimmt das Ganze am Stück wahr.
Die Arbeit eines Jahres liest er an einem Wochenende.

Sie mögen es, wenn Leser die Lektüre unterbrechen, weil sie über einzelne Sätze nachdenken möchten.
„Möchten“ – das ist es. Sie sollen es nicht. Sie sollen nicht einmal das Gefühl haben, dass sie es tun sollten. Ein Roman ist nicht wie ein Gedicht. Zu einem Roman gehören Pausen. Er darf nicht immer von gleicher Intensität sein. Es lebt nur, wenn er ein bisschen ist wie das Leben. Also nicht eine Kette von – und sei es auch nur sprachlichen – Höhepunkten. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam, aber die Idee gefiel mir sehr gut und gefällt mir noch immer. Jedem Kapitel von „Selbstbild mit russischem Klavier“ ist eine Frage vorangestellt, eine, die in dem Kapitel vorkommt. „Wie lange dauert eine Pause?“ „Kann man Gott zum Lachen bringen?“

Waren die Fragen zuerst da?
Nein. Als alles fertig war und ich das Buch Korrektur las, fiel mir auf, wie viele Fragen darin waren. Da hatte ich dann den Einfall, den Kapiteln diese Fragen voranzustellen.

Solche Fragen hätten ja auch als Hilfen beim Schreiben dienen können.
Das Einzige, das beim Schreiben hilft, sind Zigaretten und Kaffee. Und ein Ort, an dem sie sich ein Höchstmaß an Konzentration – sprich Trance oder Abwesenheit – leisten können. Ich wohne in Wien in einem Hinterhaus. Als ich einzog, war ich erst einmal erschrocken, als ich bemerkte, dass nicht gar zu weit entfernt der Hof eines Kindergartens war. Seitdem weiß ich, mit welcher Ausdauer Kinder schreien, kreischen, sich akustisch verausgaben können. Aber ich gewöhnte mich daran. Sie sind für mich jetzt der Soundtrack des Lebens. Ich liebe ihn. Und ich lebe von ihrer Energie.

Auf die man ja angewiesen ist.
Zumal man sich doch auch immer wieder fragt, ob das sinnvoll ist, was da macht. Man kommt doch nicht auf die Welt, um sein Leben auf einem Stuhl sitzend vor einem Blatt Papier – oder jetzt vor einem Laptop – zu verbringen.

Wann arbeiten Sie?
Die „historische Arbeit des täglichen Lebens“ liegt um 14 Uhr hinter mir. Ich habe trainiert, die Unterlagen zusammengestellt, die mein Steuerberater von mir haben möchte, Knäckebrot und Zahnpasta eingekauft. Jetzt meldet sich die Sehnsucht nach einem Mittagsschlaf, der ich nachgebe. Ein, zwei Stunden später kommt eine Energie zurück, von der ich, oft bis weit hinein in die Nacht, lebe. Sie speist sich aus einem elitären Gefühl: Jetzt, wenn die anderen den Geselligkeiten des Feierabends entgegen gehen, ziehe ich mich zurück und beginne zu arbeiten.

Es ist ein großes Privileg, sein Leben so selbstständig organisieren zu können.
Das ist mir bewusst. Ich bin dankbar. Aber es ist Arbeit, Schwerarbeit, und immer ein Risiko. Sie wissen ja nicht, ob Sie wirklich etwas zustande bekommen. Ob Sie etwas schaffen, zu dem Sie sagen: Das ist gut. Vollendet ist eine Arbeit, wenn ich sie beiseite lege, weil ich weiß, ich kann sie jetzt nicht besser machen.

Sie legen sie nicht zwei Jahre bei Seite und schauen dann noch einmal nach?
Das konnte ich mir nie leisten. Ich war ja nicht wie Proust reich. Der konnte so verfahren. Auch Flaubert war reich. Er hätte es sich leisten können, nie zu publizieren, tat es aber nicht. Er ärgerte sich darüber, als er dann mit der „Madame Bovary“ Ärger bekam. In einem Brief schreibt er, es wäre viel vernünftiger gewesen, er hätte irgendwann einmal sein Gesamtwerk auf einen Schlag veröffentlicht. So kann man nur denken, wenn man nicht wie ich von der Schriftstellerei leben muss. „Arte povera“. Abends mache ich mir Pellkartoffeln und gebe ein wenig Salz drüber. Das ist eine Mahlzeit. Die kostet nicht viel. Sie machen das nicht, weil Sie sich nichts anderes leisten können. Sie machen das, weil es im Einklang ist mit einer bestimmten Haltung. Die macht Sie frei.

Interview: Arno Widmann

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