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„Wir Strebemigranten“ Wir Chamäleons

Die Journalistin und Autorin Emilia Smechowski blickt schnörkellos auf Anpassungsdruck und Alltag in der postindustriellen Globalisierungs-Normalität.

Emilia Smechowski
Die Journalistin und Autorin Emilia Smechowski. Foto: Linda Rosa Saal

In der Berliner S-Bahn trifft man gelegentlich auf einen Straßenmusiker, der sich das etwas hippiesk anmutende Image eines Country-Musikers zugelegt hat. Die Gitarre trägt er locker auf einer Schulter, und immer wieder unterbricht er seinen näselnden Gesang durch ruppige Ansprachen an sein Publikum, das er durch das Nachäffen vermeintlicher nationaler Stereotypen herauszufordern versucht. Vermutlich geht es ihm darum, die morgendliche Apathie im Zug etwas aufzulockern. Das Vorurteil vom steifen Deutschen fährt mit zur Arbeit und läuft offensichtlich seinem Geschäftsmodell zuwider. Er selbst sei Pole, heißt es. Auf die unerwartete Enttarnung seiner Herkunft durch die zufällige Begegnung mit einer Landsfrau habe er äußerst gereizt reagiert. 

Es kann aber keine ganz unverhoffte Begegnung gewesen sein. Das jedenfalls legt das soeben erschienene Buch der Journalistin und Schriftstellerin Emilia Smechowski nahe, die die abenteuerliche Migrationsgeschichte ihrer Familie als exemplarische Aufstiegserzählung der Polen in Deutschland präsentiert. „Es gibt kein Volk, das zahlreicher nach Deutschland einwandert, als wir Polen es tun. Seit Jahrzehnten schon: Nur: Als Migranten sieht man uns kaum. Jedenfalls diejenigen nicht, die in den achtziger und neunziger Jahren kamen – und das sind mit Abstand die meisten. Wir sind unsichtbar. Wir sind gar nicht mehr da, so gut gliedern wir uns ein. Wie Chamäleons haben wir gelernt, uns in der deutschen Gesellschaft zu verstecken.“

Smechowski leidet an ihrer Geschichte

Emilia Smechowski war noch ein Kind, als ihre Eltern sie Ende der 80er-Jahre ins Auto verfrachteten, um im Westen das Glück des beruflichen Fortkommens und der individuellen Selbstverwirklichung zu suchen. Die Bilanz ist so eindeutig wie ernüchternd. Die Familie hat es geschafft, aber sie hat, so die Lesart Emilia Smechowskis, ihre Seele verloren. Nach einigen Umwegen gelingt es den Eltern, in Deutschland als Ärzte zu arbeiten. Sie bringen es zu hinreichendem Wohlstand, und die Tochter könnte, wenn sie es zuließe, auf eine beachtliche Bildungskarriere zurückblicken. Emilia Smechowski aber leidet an ihrer Geschichte, und das nicht nur, weil sie ihren Wunsch, Opernsängerin zu werden, trotz beachtlicher Erfolge schließlich nicht dauerhaft verwirklichen kann.

„Wir Strebemigranten“ handelt vor allem vom leidvoll erfahrenen Anpassungsdruck in der Ankunftsgesellschaft. Es ist ein Druck, der zunächst vor allem von den Eltern ausgeht. „In Deutschland sprechen wir deutsch“, verfügen sie apodiktisch, und die ehrgeizige Tochter fügt sich den Erwartungen ihrer Eltern, denen sie aber den schweren Vorwurf nicht ersparen will, über die erfolgreiche Integration hinaus die Identität ihrer Herkunft samt zugehöriger Leidenschaft preiszugeben. Erfolgreiche Einwanderung ist ohne Verlust nicht zu haben.

Emilia Smechowskis zwischen Essay und Roman changierendes Buch besticht durch seinen schnörkellosen Stil. Oft sind es ihre beiläufig-lakonischen Beobachtungen, die ein stimmiges Gesamtbild einer deutschen Migrationskultur ergeben, das in der öffentlichen Diskussion meist als immer schwerer zu überwindende Dichotomie zwischen Einwanderern und Autochthonen erzählt wird. „Wir Strebermigranten“ ist ein wichtiges Buch, weil es die gängigen Vorstellungen von Eingliederungspflichten, Bringschulden und Integrationsverweigerung ad absurdum führt.

Die Geschichte der Familie Smechowski, deren Name bereits eine für Deutsche handhabbare Vereinfachung ist, ließe sich mühelos als Idealfall einer geglückten Einwanderung beschreiben. Soziologen werden in ihr die herausragende Bedeutung eines Aufstiegsversprechens hervorheben, das für eine gelingende Einwanderung weitaus wichtiger ist als ein normativer Rahmen, den Politik und Gesellschaft meinen, sich nachträglich in Leitkulturdebatten geben zu müssen.

„Was zählt da noch der Ursprung?“

Emilia Smechowski aber möchte kein Musterfall sein. Sie führt vor, dass kulturelle Identität nicht aus dem Schablonenetui des Sozialtechnikers kommt. Die Heimat, die sie aufgeben musste, ist durch identitätspolitische Verrenkungen nicht wiederzubekommen. „Meine Biographie umspannt mittlerweile so viele Orte, was zählt da noch der Ursprung?“, fragt Smechowski. 

Die besondere Erfahrung einer migrantischen Biografie wird inzwischen immer häufiger kurzgeschlossen mit einer postindustriellen Globalisierungsnormalität. Das weiß auch Emilia Smechowski, deren Beschreibungen und Überlegungen nicht dazu taugen, in einer parteipolitischen Parole aufzugehen. „Ich bin mehr als ein Dutzend Mal umgezogen, habe Berufe gewechselt und Jobs, mich getrennt und wieder verliebt, ein Kind geboren. Ist mein Leben nicht viel zu verworren, um in dieses altmodische Konzept von Heimat überhaupt hineinzupassen? (…) Und obwohl das Wort Heimat mehr denn je missbraucht wird von denjenigen, die Heimat als etwas Ausschließendes betrachten, um das man einen Zaun bauen sollte: Ich will sie mir nicht nehmen lassen.“

„Wir Strebermigranten“ stellt die Identitätsfrage, aber die Autorin ist klug genug zu erkennen, dass Identität nicht die Zauberformel ist, durch die man auf die sichere Seite gelangt. Problematischer als das Verlustgefühl heimatlicher Geborgenheit ist die Abwesenheit einer gesellschaftlichen Aufstiegserfahrung, die seit jeher der größte Motor einer sozialen Integration in modernen Gesellschaften war.

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