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William Giraldi „Wolfsnächte“ Aus dem Herzen der Eiseskälte

„Wolfsnächte“, eine schaurige, in Alaska spielende Blut-im-Schnee-Geschichte des US-Amerikaners William Giraldi.

Eine Siedlung in der Einsamkeit Alaskas. Foto: rtr

Als eine Messlatte für Blutbäder und andere Schrecklichkeiten wird immer gern der US-amerikanische Schriftsteller Cormac McCarthy genommen; in der Tat kann einem sein Name einfallen, wenn man William Giraldis „Wolfsnächte“ liest. Es ist eine Geschichte nicht nur aus dem Herzen der Dunkelheit, sondern auch der Eiseskälte. Der schlanke, sprachlich ungemein schnörkellose Roman ruft die fühllose Natur Alaskas als Kulisse auf, aber einmal mehr ist der Mensch darin das schlimmste Raubtier.

„Die Wölfe kamen aus den Hügeln und holten die Kinder von Keelut“, lautet der maximal beunruhigende Anfangssatz. Drei Kinder sollen es inzwischen sein – „kein Schrei, kein Geheul, kein einziger Hinweis“ –, darunter der sechsjährige Sohn Medora Slones, deren Mann Vernon als Soldat in der Hitze und dem Staub Menschen tötet. Er ist effizient, er kann hinterher ruhig schlafen, was ihn selbst seinen Kumpels unheimlich macht.

Wehe, wenn er nach Hause kommt und abrechnet, denn der von Medora Slone zu Hilfe gerufene Wolfsexperte Russell Core findet das Kind – und es wurde keineswegs von einem Wolf geholt. Er findet aber auch die Wölfe, ein ausgehungertes Rudel, wie es gerade einen jungen Artgenossen oder Kojoten zerfleischt: „Mit jedem Schritt spürte er die Angst und das geladene Gewehr über seiner Schulter.“ Die Drohung mit der Waffe wird seltsamerweise genügen gegen die Wolfsrotte.

Keineswegs jedoch gegen Vernon Slone, der – für den Anfang – zwei Polizisten nur deswegen erschießt, um selbst Rache nehmen zu können. Dann begibt er sich auf die Spur seiner verschwundenen Frau. Dann begibt sich die Polizei auf seine blutige Spur.

In Keelut legt sich inzwischen sein Kindheitsfreund Cheeon ebenfalls mit der Polizei an – und das ist eine milde Formulierung. Der einheimische Beamte versucht es trotzdem mit einem geduldigen Gespräch. „Was ist mit Arbeit?“, fragt er zum Beispiel, während er eine raucht mit Cheeon. Die Antwort: „Scheiße, hier gibt’s keine Arbeit. Hier schließt jede Mine im Umkreis von fünfzig Meilen, das weißt du doch.“ Keelut ist auf einem steil absteigenden Ast, das Meer ist leergefischt, oder vielleicht sind die Fische jetzt woanders, des Klimawandels wegen.

William Giraldi pflegt einen nüchternen, kühlen Ton, die Dialoge sind dicht und umstandslos, die Menschen ohnehin schweigsam. In seinen knappen, klirrenden, spiegelblanken Sätzen berichtet er auch vom Töten, in das sich Vernon und Cheeon hineinsteigern, weil es irgendwann auch schon egal ist. Oder eigentlich: weil es ihnen von Anfang an egal war.

Denn es geht hier nicht um Gründe. Nicht um Fragen der Moral oder des Gewissens – bei keinem dieser von der Härte und Sonderbarkeit ihres Lebens ge- und verformten Menschen. Fast ist Keelut nur noch eine Gemeinschaft aus Verzweiflung, ausharrend in ärmlichen Häusern, obwohl es schon gar keine Hoffnung mehr gibt auf bessere Zeiten. Wolfsexperte Core beobachtet einmal des nachts Medora Slone, wie sie sich in der Badewanne schrubbt bis aufs Blut.

„Wolfsnächte“ ist ein Abgrund, ein böser Traum, eine Blut-im-Schnee-Erzählung wie „Fargo“, nur ganz ohne den lindernden Humor des Films. Seltsam ist das Ende, das ein Inzest-Motiv aus dem Hut zaubert: Auch ohne diese Aufpfropfung wäre dies ein hinreichend schauriger Roman.

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