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Wilhelm Genazino „Schlaf drüber!“

Wilhelm Genazino liest in Frankfurt aus seinem neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“.

Wilhelm Genazino
Wilhelm Genazino. Foto: Christoph Boeckheler

Es gibt Momente der Privatsphäre, über die man nicht spricht. Wilhelm Genazino hat für diese Tabugrenzen seit jeher einen siebten Sinn entwickelt. Unbefangen, so scheint es, dringt er beim Schreiben in Nahzonen des Menschlichen ein und führt vor Augen, was ausgeblendet wird. Das können so einfache Dinge sein wie „winzige Wollfusseln, Körperhaare und Schmutzablagerungen“, die nach dem Beischlaf in gelöster Ruhe aus der Tiefe des Nabels eines Geliebten hervorgeholt werden.

Für diese speziellen Eigenheiten findet Genazino, der 2004 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden ist, gekonnt „aphoristische Formulierungen“, meint Hubert Spiegel beim Lesungsgespräch mit dem Autor im Literaturhaus Frankfurt. So sei ein unverwechselbarer Ton des Schreibens entstanden, der sich selbst in den Titeln der Werke zeige.

Der Titel des neuen Buches „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ (Hanser) huldigt, so Spiegel, dem Prinzip der Reihung. Dieses Mal sei eine Negation im Titel, also etwas „futsch“. Das könnte dem Themenschwerpunkt des Romans geschuldet sein. Dessen Ich-Erzähler spricht in Form des Inneren Monologs mit assoziativer Sprunghaftigkeit über Erinnerungen, die die Kindheit, den Tod der Geliebten, das Leiden am Leben und die eigene Todesangst betreffen.

Heutige Romane gilt es, mit einem heutigen Titel zu versehen, erläutert Genazino. Gern hätte er für sein Buch einen schönen klassischen Titel gewählt, so, wie ihn etwa Werke von Thomas Mann tragen. Dies seien jedoch uralte Titel, die der Originalität gegenwärtiger Werke nicht gerecht werden können. Welcher Titel aber zur Gegenwart passt, erweise sich meist über Nacht. Den Haltbarkeitstest hat der neue Buchtitel in seinen Augen bestanden. Als er ihn dem erschrockenen Verleger per Telefon durchgab, musste er ihm ebenfalls raten: „Schlaf drüber!“

Im siebten Kapitel des Buches steht die leidvolle Seite des Lebens besonders stark im Zentrum der Erzählung. Den Text des gesamten Kapitels liest Wilhelm Genazino, der gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, vor. Beeinträchtigt durch die Folgen einer schweren Erkältung fällt das anschließend übliche Gespräch zum Buch aus, stattdessen bildet sich eine lange Schlange Leserfans, die ihr Buch noch vom Autor persönlich signieren lassen.

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