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Wilhelm Genazino „In der Ferne sah ich meinen neuen Feind“

„Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“: Für Wilhelm Genazinos Erzähler wird es langsam ungemütlich.

Obere Berger Strasse
Auch die Berger Straße könnte zu seinem Terrain gehören. Foto: Alex Kraus

Aus Flaneuren werden Streuner, aus Streunern werden alte Männer, die auf der Straße mit sich selbst sprechen. „Ich sah, wie Leute stehenblieben und sich nach mir umdrehten. Ich hatte tatsächlich keine Erklärung dafür, dass eine Mutter ihr Kind vor mir warnte.“ Der Erzähler kann das zentrale Ansinnen eines Käfers gut nachvollziehen: „Er war ein Vorbild für meinen tiefsten Wunsch: er wollte spurlos und unentdeckt verschwinden.“

Ihm selbst fällt wieder ein, „dass ich seit meiner Kindheit fast täglich fliehen wollte: ohne Plan, ohne Geld, ohne Mut, ohne Ziel, von der Straßenecke weg von jetzt auf nachher. Nur aus Furcht, dass die Flucht nicht gelingen könnte, fand sie nicht statt“. Auch ist ihm die Problematik der Altersauffälligkeit bewusst: „In der Ferne sah ich meinen neuen Feind: die Schrulligkeit. Dieser Feind durfte mir auf keinen Fall zu nahe kommen.“

Man kann nicht behaupten, er würde besonders aktiv dagegen angehen, auch wenn er – eventuell – eine neue Arbeitsstelle hat und vielleicht kurz davor ist, sich – gegen seinen innersten Willen – doch eine neue Hose zu kaufen. Auch wenn „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ ein gewitztes Buch mit einem abgeklärten, hochreflexiven, jedenfalls permanent denkenden Erzähler ist, nimmt das eigenwillige, auf Unauffälligkeit bedachte Beobachterlebensmodell, das Wilhelm Genazino seit Jahrzehnten in seinem wachsenden Romanwerk vertritt, immer deutlicher eine Abbiegung ins Prekäre und Todtraurige. 

Der namenlose Erzähler im neuen Buch des im Januar 75 Jahre alt gewordenen Frankfurter Büchnerpreisträgers laboriert an einer von Gleichmut und Untätigkeit halbwegs verdeckten Depression. „Alles, was ich sah, wurde mir zur Klage“, selbst auf der Straße spielen „scheiternde Kinder“, und „schon seit etwa drei Jahren wollte ich mir einen Anzug oder ein Jackett kaufen, außerdem eine oder zwei Hosen, zwei Paar Schuhe, dazu Strümpfe und Unterwäsche“.

Dass das ein furchtbares Gejammer ist, entgeht ihm nicht. Damit, dass er ihn immer wissen lässt, was er tut (jammern), schützt Genazino seinen Erzähler praktisch vor der Verachtung durch das Publikum. Wie er auch dramaturgisch die Kontrolle über den alternden Jammerlappen behält. Das schmale Buch ist ein langer, merkwürdigerweise sogar eleganter Fluss von Gedanken, ein nicht verbissenes, aber ununterbrochenes Weiterdenken, auch an Stromschnellen der Widersprüche und Unlogik vorbei. Dabei passiert eine ganze Menge, ein Hinweggehen über zeitliche Festlegungen scheint das möglich zu machen. Die Gedanken des Erzählers, so verknurzelt er sich dabei fühlen mag, sind wahrhaftig frei.

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