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Wie Kugeln im Flipperautomat

Dorota Maslowskas Roman "Schneeweiß und Russenrot" ist mehr als ein Jugendbuch

19.06.2004 00:06
KATHARINA NARBUTOVIC

Was, wenn man eines Morgens aufwacht, die Lamellenvorhänge vor den Fenstern beiseite zieht, um den Tag in die Wohnung zu lassen, und auf einmal ist die ganze Stadt weiß-rot angemalt, Häuser, Zäune, Straßen, einfach alles steht da wie die polnische Fußballmannschaft kurz vorm Anpfiff eines Länderspiels, oben Weiß, unten Rot, polnische Farben, wohin man auch blickt - ist die Welt dann vollends verrückt geworden, oder läuft gerade nur ein schräger Film im eigenen Kopf? Bei Andrzej Robakoski, der Hauptfigur aus Dorota Maslowskas Roman Schneeweiß und Russenrot, weiß man das nie so genau. Zwar wundern einen entsprechende Visionen beim Starken, wie Andrzej Robakoski von seinen Freunden genannt wird, nicht weiter, ernährt er sich doch hauptsächlich von Zigaretten, Speed und Tabletten, doch andererseits ist die Wirklichkeit selbst ja oft genug so abgedreht, dass man sich im Kino wähnt.

Die Übergänge sind fließend, und das passt gut zur polnischen Kleinstadtwelt in Weiß-Rot irgendwo im Osten des Landes, die in Dorota Maslowskas Buch mit großem sprachlichem Einfallsreichtum beschrieben wird. Selten war ein solcher Sprachakrobat zu erleben wie der Starke, der mit seinem lebendigen, flapsigen Ton und dem frischen, unverbrauchten Blick am Ende jedes Herz erobert - und mit ihm Olaf Kühl, der den Starken für uns auf Deutsch neu erfunden hat. Doch die Sprache ist an Dorota Maslowskas hochgejubeltem Roman auch das einzige, was einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Denn die Geschichte an sich ist banal, hat Längen und lässt sich mit wenigen Sätzen erzählen.

Andrzej ist Anfang zwanzig und in jenem Alter, da man es sich noch erlauben kann, tagelang rumzuhängen und zu feiern. Abends im Club erfährt er von anderen, dass seine Freundin Magda ihn verlassen hat. Anfangs glaubt er noch, sie zurückgewinnen zu können, so zerzaust, wie sie wenig später das Lokal betritt und seine Hilfe zu brauchen scheint: "Sieht aus, als wäre sie in Primfaktoren zerfallen, die Haare hier, die Handtasche woanders, der Rock nach links, die Ohrringe nach rechts. Strumpfhose ganz versaut nach links. Das Gesicht nach rechts, aus ihren Augen fließen schwarze Tränen." Doch bald muss der Starke einsehen, dass das mit ihm und Magda nichts mehr wird. Um sich abzulenken und seinen Liebeskummer zu vedrängen, versucht er wahllos bei verschiedenen Frauen zu landen: bei Angela, dem schwarzgekleideten Gothicmädel, das Tiere liebt und deshalb nur Reis und Steine isst, bei Natascha, die gerne Gewalt anwendet, um ihre Ziele durchzusetzen, und bei Ala, einem "Mädchen Typ Glucke". Doch vor lauter Speed und Tabletten verliert Andrzej immer mehr die Bodenhaftung.

Die polnische Jugend ist zornig

Politisch ist der Starke eher links eingestellt, gegen Steuern, gegen die amerikanischen Diätlehrer und Schönheitschirurgen. Angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Situation im Land verspricht er sich keine große Zukunft. Manchmal aber ist er auch eindeutig nationalistisch - nämlich immer dann, wenn es um den "polnisch-russischen Krieg unter weiß-roter Fahne" (so der Originaltitel) geht, der angeblich in der Stadt herrschen soll: "Man hört, die Russen wollen die Polen hier rausfuchsen und hier einen russischen, vielleicht sogar weißrussischen Staat gründen, sie wollen die Schulen schließen, die Ämter, die polnischen Neugeborenen in den Krankenhäusern ermorden, um sie aus der Gesellschaft zu eliminieren, Schutzgelder und Abgaben auf Industrieprodukte und Nahrungsmittel erpressen. Ausgemachte Schweine sind das, sage ich, ausgemachte Spitzel." Zwar taucht im Buch kein einziger Russe auf, doch sie sind eine ideale Zielscheibe für Volkszorn und Vorurteile: Natürlich sind "die gewöhnlichen Schlampen vom Bahnhof" Russinnen, wie auch alle Markenimitat- und Raubkopiehändler nur Russen sein können.

Und so ist der Roman Schneeweiß und Russenrot vor allem auch ein genüssliches Spiel mit Stereotypen, Rollenbildern und Klischees, getragen von der Lust an der Provokation und dem politisch Unkorrekten, bei dem auch polnische Spießer und Patrioten, die im Buch auf Anweisung des Bürgermeisters im ganzen Kreis ihr Haus weiß-rot streichen lassen, ihr Fett abbekommen: "Ich sag Ihnen ehrlich, wie es ist. Nehmen wir an Ja, dann kommt mein Kollege und ich rein, prosit, elegant, volle Kooperation der Stadtverwaltung mit den Einwohnern polnischer Rasse, alles zwischen uns paletti, haben Sie ein Minus im Bankomat, dann wird dieses Minus aus heiterem Himmel gelöscht, rückständige Mieten und so weiter, natürlich nur kleinere Beträge, größere Veruntreuungen kann sich die Stadtverwaltung nicht leisten. Wenn Sie nämlich eben voll dagegen sind, dann sage ich Ihnen eins ganz ehrlich, das ist nicht so, dass diese Entscheidung folgenlos bleibt. Man denkt sich nichts, aber plötzlich auf einen Schlag. Hier geht Ihnen was kaputt, da fliegt Ihnen plötzlich das Siding ab, Ihre Frau stirbt überraschend, dabei hatte sie nie auch nur einen Schnupfen. Weil entweder ist man Pole oder man ist kein Pole."

Schneeweiß und Russenrot ist ein Buch, wie es jede heranwachsende Generation für sich neu schreibt, um ihrer Welt Ausdruck zu verleihen. Und im Moment scheinen es vor allem die jungen Autorinnen zu sein, die das Lebensgefühl ihrer Generation besser als andere einzufangen vermögen, wie im letzten Jahr die russische Autorin Irina Denezkina mit ihrem Erzählband Komm oder jetzt die 1982 geborene Dorota Maslowska, die im Alter von achtzehn Jahren innerhalb eines Monats ihren Roman schrieb und dafür den renommierten polnischen Nike-Preis erhielt - eigentlich ein harmloses Buch ohne besonderen literarischen Reiz, wild, aber keinesfalls gefährlich, wenn es da nicht diese erfrischende Sprache gäbe, flapsig, ironisch, ein wenig dreckig, voll von genüsslichen Übertreibungen und schnell wie die Kugeln eines Flipperautomaten, die Dorota Maslowska in einem virtuosen Spiel mit den Regeln der Grammatik ihren schlagfertigen Figuren auf den Leib geschneidert hat und die den Roman allein aus diesem Grund sehr lesenswert macht.

Dorota Maslowska: "Schneeweiß und Russenrot". Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004, 240 Seiten, 7,90 Euro.

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