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Widmanns März-Nachttisch Vom Nachttisch geräumt

Es folgen keine Rezensionen. Die Bücher werden nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet. Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit, einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Heute: Bücher von Erich Kästner, Jussi Adler Olsen, und über den Papst a.D.

Arno Widmann. Foto: Mely Kiyak

Jeden Monat neu wird vom Nachttisch geräumt.

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Ich habe keine Ahnung, was gut ist. Ich bin völlig ungeeignet, Bücher zu empfehlen oder von ihrer Lektüre abzuraten. Da ist zum Beispiel der neueste Roman von Jussi Adler Olsen. Ein Thriller. Es geht um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, um die Ermordung seiner Frau. Als er noch Gouverneur war, war ihm seine erste Frau schon weggemordet worden. Jetzt also die zweite. Täter soll der Vater einer Mitarbeiterin des Präsidenten sein. „Auf der Suche nach der Wahrheit wird Doggie zur meistgesuchten Frau der USA.“ So der Klappentext. Ich trage diese Inhaltsangabe nicht vor, um zu sagen, dass dieser „Thriller“ nicht sehr originell ist. Ich glaube nicht, dass Originalität des Plots etwas über die Qualität eines Buches aussagt. Jedenfalls nicht, solange man nicht in die Details einsteigt. Das kann ich aber nicht tun, weil ich nicht über die ersten acht Seiten hinaus gekommen bin. Spannungsloser als dieser Start kann ein Buch für mich nicht sein.

Das sagt nichts gegen das Buch, sondern alles gegen meine Urteilskompetenz. Adler Olsen ist ein Bestseller-Autor. Seine Bücher verkaufen sich millionenfach überall auf der Welt. Natürlich muss man diesen Geschmack nicht teilen. Natürlich kann man das Buch schrecklich, ja sogar langweilig finden. Von jemandem aber, der über Bücher schreibt, wird man verlangen dürfen, dass er diese persönlichen Idiosynkrasien kurz bei Seite legen und in ein paar Sätzen erklären kann, wo die Qualitäten des Autors liegen, womit er Millionen Menschen einfängt. So viel Ahnung vom Handwerk, von den Techniken des Spannungsaufbaus sollte er doch haben.

Es tut mir leid: Ich kann damit nicht dienen. Hätte ich mich nicht gezwungen, ich hätte das Buch nach dem ersten Satz des ersten Kapitels bei Seite gelegt: „Doggie war zwar erst vierzehn, aber sie wusste, dass Märchen nicht nur einen schönen Anfang haben, sondern manchmal auch ein böses Ende nehmen.“ Ich weiß, dergleichen soll Spannung aufbauen. Aber das weiß ich so sehr, dass es seinen Zweck total verfehlt. Dann werde ich mit einer Quiz-Show gelangweilt, von der ich sicher bin – ich weiß es nicht, denn ich konnte nicht weiterlesen -, dass sie nie wieder eine Rolle spielen wird. Sie ist wie der Schaumstoff, den man früher zwischen Innen- und Außenwand stopfte. War das Haus fertig, war nie wieder die Rede von ihm. Inzwischen wissen wir, dass er uns vergiftete. Wie auch diese Sätze es tun: „Doggie zog die Schultern hoch und atmete die kühle Luft tief ein. Rings um sie war alles so wundervoll.“ Wen das nicht stört, wer das Glück hat, darauf nicht allergisch zu reagieren, der kommt weiter. Der wird noch lesen können, wie die Präsidentengattin ermordet wird und wie – da bin ich ganz sicher – Doggie der Verschwörung den Garaus machen wird. Nach 600 Seiten.

Jetzt wollte ich doch mal sehen, was hinten steht. Ich lese: „Die Explosion hatte nur einige wenige weiße Narben in seinem Gesicht hinterlassen. Die Narben in seiner Seele waren sicher größer.“ Nein, das schaffe ich nicht. Ich schreibe das, nicht um Adler Olsen nieder zu machen, sondern damit die Leser dieser Kolumne wissen, was sie von mir als Vorschmecker zu halten haben.

Jussi Adler Olsen: Das Washington Dekret, aus dem Dänischen von Hannes Thies und Marieke Heimburger, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013, 653 Seiten, 19,90 Euro.

Bücherverbrennung

Am 3. Oktober 1965 „hat in Düsseldorf eine Jugendgruppe des ‚Bundes Entschiedener Christen’, wohlversehen mit Gitarrenbegleitung, einem evangelischen Pressefotografen und zwei etwa dreißigjährigen Diakonissinnen am Ufer des Rheins Bücher verbrannt.“ Ursprünglich sollte die Veranstaltung am Karlplatz stattfinden. Wegen der dort gegebenen Gefahr des Funkenfluges wurde den Veranstaltern vom Amt für öffentliche Ordnung im demokratischsten Deutschland, das es jemals gab, ein Platz am Rheinufer zugewiesen. Dort konnten sie – behördlich genehmigt – festlich sogenannte „Schundhefte“ und Bücher von Albert Camus, Günter Grass, Erich Kästner, Vladimir Nabokov und Francoise Sagan mit Benzin übergießen und anzünden. Erich Kästner schrieb damals darüber. Der kleine Aufsatz ist mit drei anderen des Autors jetzt wieder veröffentlicht worden. Die fast zärtlich zu nennende Genauigkeit, mit der Kästner diesen Vorgang betrachtet, ist eine Haltung und sie ist ein Stilmittel. Sie bewahrt Kästner vor dem Schaum vor dem Mund. Kästners Wut macht nicht blind. Sie macht sichtbar. Wenn man schon zu der Haltung nicht fähig ist, wie klug täte man daran, dieses Stilmittel zu nutzen.

Erich Kästner: Über das Verbrennen von Büchern, Atrium Verlag, Zürich 2012, 52 Seiten, 10 Euro

 

Beides in Marmor

Ein prachtvolles Buch mit hervorragenden Abbildungen. Die Kunst des Barock. Ein Traum. Balthasar Neumanns Treppenhäuser in Schloss Augustusburg und in der Würzburger Residenz mit Tiepolos Deckenfresko oder aber die Bibliotheken von Sankt Gallen, Metten und Waldsassen. Vierzehnheiligen! Oder der Blick auf den Chorraum des Benediktinerklosters von Einsiedeln. Natürlich ist St. Peter in Rom ein Wunder, aber das sind auch die Deckenfresken von Annibale Caracci im römischen Palazzo Farnese. Sie nicken, ja großartig. Aber sie winken auch gelangweilt ab. Denn das kennen sie alles. Das haben sie wieder und wieder gesehen. Ob sie es allerdings so gesehen haben wie in diesem Buch – das ist doch sehr die Frage. Vor Ort sehen sie es nicht so. Es sei denn, sie haben einen Feldstecher oder - passender - ein Opernglas dabei. Aber sie, die sie natürlich Berninis Apoll und Daphne und selbstverständlich Claude Lorrains „Einschiffung der Heiligen Ursula“ – bei der die Farben nicht ganz stimmen – und natürlich auch Poussins „Et in Arcadia Ego“ kennen, kennen sie auch die Kirche San Francisco im portugiesischen Porto? Haben Sie dieses wuchernde Schnitzwerk schon einmal gesehen? Wände, die ihren Schmuck tragen wie eine lebende Haut? Oder in Rio de Janeiro die Kirche S. Francisco da Penitencia? Sie kennen diese kleinen glänzenden Silberschatullen, in denen Ihre Großmutter ein paar Perlen auf Samt gebettet aufzubewahren pflegte? Der riesige Bau der Kirche S. Francisco da Penitencia in Rio de Janeiro ist die monströse Vergrößerung dieses kleinen Behälters. Man kann es auch übertreiben mit dem Luxus und der Schönheit, denken Sie, und sofort korrigieren Sie sich und grinsen: Exakt das ist ja der Barock.

Aber eben nicht nur. Es gibt hier nicht nur Wien und Versailles, Madrid und Sankt Petersburg. Es gibt auch den protestantischen Barock. Potsdam zum Beispiel, die Frauenkirche in Dresden, den Hamburger Michel oder gar die Norderkerk in Amsterdam. Und dann sind da noch die beiden erhaltenen protestantischen Friedenskirchen in Polen. Über sie schreibt die Kunsthistorikerin Barbara Borngässer, die den ganzen Band betextete: „Die Friedenskirchen verdanken ihren Namen dem Westfälischen Frieden, der 1648 die Konfessionskriege beendete und die Gleichstellung der katholischen und der evangelischen Kirche in die Wege leitete. Zu seinen Ergebnissen zählte das Zugeständnis an die schlesischen Protestanten, dass sie drei Gotteshäuser ihrer Konfession errichten durften. Die Auflagen für die Neubauten waren allerdings hart: Sie mussten außerhalb der Stadtmauern liegen, als Baumaterial durften lediglich Holz, Lehm und Stroh verwendet werden, Türme und Glocken waren verboten. Darüber hinaus hatten die Gemeinden den Bau selber zu finanzieren und innerhalb eines Jahres durchzuführen. Die Schlesier machten aus der Not eine Tugend: Sie errichteten die größten Fachwerkkirchen der Welt. Die zudem noch eine prunkvolle barocke Innenausstattung erhielten.“ Mir hat Frau Borngässer den Mund wässrig gemacht auf Swidnica und Jawór. Ein Wochenende sollte ich aber schon einplanen von Berlin aus. Und wohl noch besseres Wetter abwarten. Die Piazza Navona – so oft ich sie sah – nie sah ich sie tagsüber so menschenleer wie hier in diesem Buch. Wie haben sie das fertig gebracht?

Aber am schönsten sind dann doch die Details, die Dinge also, die man sonst nicht sieht, weil man nie so nahe an sie herankommt. Zum Beispiel der Griff, mit dem Lot auf dem Gemälde von Simon Vouet nach der Brust seiner Tochter fasst oder der zerquälte Leib Christi auf Rubens’ Kreuzabnahme in der Kathedrale von Antwerpen oder wie die Finger von Berninis Pluto sich eindrücken ins  Fleisch der Proserpina. Blickt man genau hin, möchte man sagen: sich zärtlich eindrücken. Aber es ist ja ein Raub, eine Vergewaltigung. Daran lässt die Figurengruppe als Ganze auch keinen Zweifel. Sieht man dann in der Detailaufnahme, wie die Fingerspitzen sich ins Fleisch drücken, dann wird einem klar, dass Bernini beides haben wollte: die Gewalt und die Liebe. Beides in Marmor.

Barock – Theatrum Mundi. Die Welt als Kunstwerk, Herausgeber: Rolf Toman, Fotos: Achim Bednarz, Text: Barbara Borngässer, Verlag h.f.ullmann, Potsdam 2012, 568 Seiten, 288 x 399 mm, über 600 vierfarbige Abbildungen, 99 Euro.

Papst a. D.

Die Demut soll eine seiner großen Tugenden sein. Das wird wohl wahr sein, denn ein Papst lügt ja nicht. Aber wahrscheinlich versteht er unter der Demut etwas ganz anderes als der Rest der Menschheit. Es ist ja auch merkwürdig, wenn jemand von sich selbst sagt, er sei demütig. Noch erhellender ist es, wenn ein Demütiger sich von seiner PR-Abteilung demütig nennen lässt. Die Verlage Herder und Weltbild haben sich zusammengetan und einen Bildband über Papst a.D. Benedikt XVI. herausgebracht. 187 Seiten hat das Werk. Es enthält 242 Fotos. Ganz wie es sich für einen Demütigen gehört, ist er nur auf 184 Aufnahmen zu sehen. Eines dieser Fotos – Seite 20 - zeigt einen Blitz. Der Text dazu: „Am Tag der Rücktrittsankündigung schlug ein Blitz in die Kuppel des Petersdomes ein.“ Was der Donner dazu sagte, wird nicht überliefert. Auf einem der letzten Fotos spielt der Papst lesen. Er hat den Band 7 der Ausgewählten Schriften von Erik Peterson (1890-1960) aufgeschlagen vor sich: „Der erste Brief der Korinther und Paulus Studien“. Vielleicht entstand dieses Foto im Zusammenhang mit der Peterson-Tagung im Oktober 2010, die der Papst, der in dem Gegner einer jeden politischen Theologie, dem 1930 zum Katholizismus konvertierten Peterson, eine seiner Leitfiguren sieht, unter anderem mit den Worten begrüßte: „Die Kirche erhält von Gott den Auftrag, die Menschen aus dem begrenzten und vereinzelten Dasein in eine universale Gemeinschaft zu führen, vom Natürlichen zum Übernatürlichen, aus der Vergänglichkeit in die Vollendung am Ende der Zeiten.“ Es macht den Irrsinn dieser Sätze aus, dass sie wahr sein sollen, ohne dass sie stimmen müssen. Anders gesagt: Sie sind dem Gläubigen wahr, ganz gleichgültig, ob die Kirche eine Mafia-Bank führt, ob sie einen Schutzraum für Vergewaltiger zur Verfügung stellt. Die Sätze des Papstes a.D. sollen ewige Wahrheiten sein, also sind sie durch keine Empirie zu widerlegen. Wer ist die Kirche? Wer ist Gott? Wann hat letzterer ersterer einen Auftrag gegeben? Das Wort an Petrus? Da gab es noch keine Kirche. Da gab es noch nicht einmal ein Christentum. Da gab es, wenn überhaupt, eine winzige jüdische Gemeinschaft um einen Rabbi herum. Aber was soll das? Die Sätze sind wahr. Sie können nicht an der Realität scheitern. An keiner.

Was Wahrheit ist und was der Papst a.D. darunter versteht, kann man auch an anderer Stelle nachlesen. Ein energischer Vertreter einer politischen Theologie, der Befreiungstheologe Leonardo Boff, hat ein Buch zusammengestellt, in dem er auch seine Auseinandersetzung mit dem damaligen Chef der Glaubenskongregation Josef Kardinal Ratzinger dokumentiert. Es geht um sein Buch „Kirche: Charisma und Macht“ aus dem Jahre 1981. Wer noch die Lobreden des Papstes a.D. auf das aufgeklärte Verhältnis von christlichem Glauben und Vernunft in Erinnerung hat, der kann hier nachlesen, wie er Leonardo Boff vorwirft, vergessen zu haben, dass die Wissenschaften „vor allem vom Licht des Glaubens, der ‚ratio formalis‘ der Theologie, erleuchtet und geführt“ werden müssen.

Es gibt kluge, souveräne Zeitgenossen, die an dieser Stelle einen angrinsen und sagen: Was erwartest Du? Der vertritt den Standpunkt seiner Firma. Was regst Du Dich auf? Es ist eine Firma, die vorgibt, Bescheid zu wissen. Nicht nur über gut und böse, sondern auch über richtig und falsch. Fast jeder tut das. Aber jeder muss damit rechnen, dafür kritisiert zu werden. Es ist unanständig, sich dieser Kritik entziehen zu wollen. Unter Berufung auf höhere Erkenntnisse und tiefere Einsichten, die dem Ungläubigen, dem also, dem die Gnade Gottes den Glauben nicht geschenkt hat, nicht zugänglich seien. Kardinal Ratzinger war einer der verblendetsten  Verblender. Man kann das sehr schön nachlesen in der Neuauflage von Leonardo Boffs „Kirche: Charisma und Macht“. Boff schildert in einem der Anhänge seine Auseinandersetzung mit Ratzinger. Es geht dabei um den Satz „Die Kirche Gottes ist die katholische Kirche“. Dieser Satz war vom Zweiten Vatikanischen Konzil ersetzt worden durch den Satz: „Die Kirche Christi subsistiert in der katholischen Kirche“. Boff interpretiert das so, dass die Kirche Christi nicht allein in der katholischen Kirche fortbesteht, sondern auch in anderen Kirchen, „denn sie sind ebenfalls Trägerinnen des Erbes Jesu“. Meinte der Satz das nicht, dann hätte das Konzil beim alten Satz bleiben können.

Gegen diesen einfach nur vernünftigen Einwand lief Ratzinger damals Sturm und tut es bis heute. Er scheut dabei auch nicht vor Verfälschungen der Texte, auf die er sich beruft, zurück. Das alles kann man bei Boff detailliert nachlesen.

Danke Benedikt – herausgegeben von Hans Langendörfer, Herder Verlag, Weltbild Verlag, Freiburg, Basel, Wien 2013, 185 Seiten, 14,99 Euro.

Leonardo Boff, Kirche: Charisma und Macht – 25 Jahre Befreiungstheologie, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2009, 303 Seiten, 6,99 Euro.

 

Erbauung statt Erfahrung

Drei Bände mit zusammen knapp 1200 Seiten und darin: „Grundschriften der europäischen Kultur“. Blickt man hinein, stellt man fest: Die Sammlung beginnt mit dem Gilgamesch-Epos und endet mit Nietzsches Ecce Homo. Dazwischen gibt es neben Aischylos, Andersen, Dante, Genesis, Goethe, Homer, Kant, Marx, Montaigne, Platon, Shakespeare und den üblichen Verdächtigen immerhin noch die Märchen aus 1001. Nacht. Eine Erinnerung daran, dass die europäische Kultur ohne die nicht-europäische keine wäre.

Hanjo Kesting, den ich um den Auftrag zu dieser Anthologie herzlich beneide, hat sich die Sache nicht leicht gemacht. Er hat dem Leser nicht einfach Texte zusammengestellt. Er führt in sie ein, kommentiert sie, macht sie verständlich, erzählt nach, fasst zusammen, weist auf besondere Schönheiten hin, auf Problematisches auch. Es ist eine Freude, von einem so klugen Leser durch die Texte geführt zu werden. Wer zwei Wochen sich irgendwohin zurückzieht, der kommt mit den drei Bänden wahrscheinlich bestens über die Runden. Vielleicht sollte er sich noch einen Bildband und etwas Musik mitnehmen.

Natürlich kann man an der Auswahl herummäkeln. Jede ist subjektiv. Aber… Doch, doch ein Aber muss kommen. Gibt es ein Europa ohne Aristoteles, ohne Thomas von Aquin? Ohne Spinoza? Kesting bietet ein Europa ohne Juden und ohne Frauen. Ohne Russland und ohne Spanien. Es ist auch ein Europa ohne Verbrecher. „Erfahren, woher wir kommen“ ist der Titel der drei Bände. Aber das ist gelogen. Zu den Grundtexten Europas gehören Hitlers „Mein Kampf“ und der Heilige Augustin, für den die Seligkeit darin bestand, an Gottes Seite die Leiden der Verdammten zu genießen. Hanjo Kesting hat etwas abgegeben, das man früher vielleicht ein Hausbuch genannt hätte, etwas, das man an kalten Winterabenden sich vornimmt, in dem man liest, um teilzuhaben an einem Gefühl der Größe und Bedeutung. Ein Buch, das weder aus Neugierde entstand, noch Neugierde weckt, ein Buch, das nichts als erbaut, ein Buch also, das dumm macht. Die Bände haben eine Vorgeschichte. Sie waren zunächst eine Vortragreihe im Bucerius Kunst Forum in Hamburg, hatten riesigen Erfolg. Es gibt eine Intelligenz, die feiert ihren Verzicht auf sie. Das hier ist ein Beispiel. Ein dickes Aber.

Hanjo Kesting: Erfahren, woher wir kommen - Grundschriften der europäischen Kultur, Wallstein Verlag, Göttingen 2012, drei Bände im Schuber, 1200 Seiten, 34,90 Euro.

 

Pink-Pups und Gazellen-Klos

Am meisten Kot produziert natürlich der Wal. Er wiegt ja immerhin bis zu 180 000 Kilo. Wo viel rein muss, da muss auch viel wieder raus. Gerade darum aber ist Walkot schwierig zu haben. Er wird mit so viel Wasser wieder ausgeschieden, dass er mehr eine Dunstwolke als eine Masse ist. Die Farbe wechselt je nach aufgenommener Nahrung. Shrimps zum Beispiel führen zu einem Pink-Pups. Der Hase produziert zwei Arten von Kot. Einmal glänzende schwarze Kötel und dann noch etwas, das kaum zu fotografieren ist, weil der Hase und die Häsin es mit dem größten Vergnügen gleich wieder verzehren. Oft lecken sie es sofort am – eigenen - Anus ab. Adler scheiden wie alle Vögel Urin und Kot durch dieselbe Öffnung aus. Das Ergebnis ist beim beliebtesten Wappentier eine Flüssigkeit, die schon mal das Metall der einen oder der anderen Elektroleitung durchätzt und so Stromausfälle herbeiführt. Kühe, das haben wir alle schon beobachtet, lassen ihren Kot fallen, wo sie gerade sind. Sie halten nicht einmal an dafür. Gazellen dagegen! Nicht alle, aber doch einige Arten, zum Beispiel die Grant-Gazelle, suchen immer wieder denselben Ort dafür auf. Vorzugsweise nachts. Sie gehen nicht einzeln auf die Toilette, sondern in Gruppen. Das Faultier, das 16 Stunden am Tag schlafend in den Bäumen hängt, ernährt sich fast ausschließlich von Pflanzen. Sein Magen nimmt ein Drittel seines Körpervolumens ein. Der Verdauungsprozess dauert bis zu einem Monat. Einmal die Woche hangelt sich das schwere Tier den Baum hinunter und uriniert und defäkiert am Boden. Danach geht es wieder hoch. Am, im und mit dem Faultier leben, wie auch bei uns, eine Unzahl von Parasiten. Eine bestimmte Motte zum Beispiel nutzt den wöchentlichen Abstieg, um in dem Kot des Wirtes ihre Eier unterzubringen, dann lässt sie sich von ihm wieder hochtragen. Die Eier nähren sich in dem Faultierkot, werden zu Larven, nach einer Weile schlüpfen die Motten und machen sich fliegend auf die Suche nach einem anderen Faultier.

Woher ich das alles weiß?

Matt Pagett, Wer war das? Ein Bestimmungsbuch. Alles über Hundehaufen, Pferdeäpfel, Hasenkötel & Co., Knesebeck Verlag, München 2009, 112 Seiten, 53 farbige Abbildungen, 12,95 Euro.

 

Es gibt so viele trostlose Wahrheiten

Anna Dorothea Therbusch (1721-1782) malte sich, als sie in die französische Akademie aufgenommen wurde, mit einem Buch in der Hand und den Betrachter beäugend - durch ein riesiges Vergrößerungsglas, das an einem Stirnband befestigt, vor ihrem rechten Auge hing. Es ist das nichts beschönigende Porträt einer alten Frau, deren Stolz,  wie es in dem Text zu der Abbildung heißt, gänzlichen Mangel an Eitelkeit einschloss. „Das Alter – Eine Kulturgeschichte“, heißt das Buch, in dem sich jede Menge solcher großartigen Bilder findet. Jean-Baptiste-Siméon Chardins (1699-1779) berühmtes Selbstbildnis mit Kneifer ist darin wie auch der 65-jährige Joshua Reynolds (1723-1792). Auf dem Umschlag ist eines der schönsten Porträts einer Frau im Übergang zum Greisenalter, das jemals gemalt wurde: „Alte Frau mit Kopftuch“. Es stammt von dem viel zu wenig bekannten großen barocken Realisten – das gab es! -  Christian Seybold (1695-1768). Er kam aus Neuenhain im Taunus, sein Vater war aus Oberursel hierher gekommen, und brachte es bis zum Hofmaler Maria Theresias. Das Buch stellt natürlich nicht die Bildhauer, Maler und Fotografen vor. Es benutzt ihre Werke nur zur Illustration eines Ganges durch die europäische Geschichte vom griechischen Altertum bis ins 20. Jahrhundert. Die Texte sind von fast schon beleidigender Harm- und Ahnungslosigkeit. Der Unterschied zwischen Alten und Greisen spielt keine Rolle. Alzheimer, Demenz, Inkontinenz kommen nicht wirklich vor. Von rührender Blödsinnigkeit ist eine Umfrage über hundertjährige Frauen aus dem Frankreich des Jahres 1959: Achtzig Prozent von ihnen „schliefen gut. Sie verbrachten ihre Zeit mit Lesen, Stricken oder kurzen Spaziergängen. Sie waren klar im Kopf und ihr Erinnerungsvermögen war ausgezeichnet. Sie waren selbstständig, ausgeglichen und manchmal fröhlich; sie hatten einen lebhaften Humor und waren sehr gesellig.“ Das ist genau jener Quatsch, der in dem Buch an anderer Stelle, anlässlich einer Fotografie „Wenn das Tageswerk erledigt ist“ von Henry Peach Robinson aus dem Jahre 1877 so charakterisiert wird: „Vom sentimentalen Geschmack der Zeit beeinflusst, konnten Fotografen das Dokumentieren des wirklichen Lebens vernachlässigen, um eine falsche Darstellung im Sinne der Kunst zu konstruieren. Das ist eine gestellte Aufnahme, die der Malerei Konkurrenz macht.“

Das Alter – Eine Kulturgeschichte, hrsg. von Pat Thane, aus dem Englischen von Dirk Oetzmann und Horst M. Langer, Primus Verlag, Darmstadt 2005, 320 Seiten, über 250 s/w und farbige Abbildungen, 19,90 Euro.

Im gleichen Verlag ist herausgekommen „Das Vierte Quartal – Wie und warum sich unser Körper im Alter verändert“. Das ist ein ganz anderer Zugriff auf die gleiche Geschichte. Da geht es um Bindegewebe und Verdauung, um die Hüfte und die Knie, um Harn, Herz und Hormone. Davor gibt es auch ein wenig Kulturgeschichte, aber nichts Erbauliches, sondern den Sophisten Prodikos von Keos, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert gesagt haben soll: „Dann kommt unbemerkt das Alter über dich, in dem sich alles Böse und Tödliche der Natur vereint. Und wenn du deine Schuld nicht schnell mit dem Leben bezahlst, schreitet die Natur weiter wie ein kleiner Dieb und nimmt sich ihren Teil – deine Sehkraft. Dein Hörvermögen und oft auch beides. Und wenn du dennoch weiterlebst, lähmt sie dich, verstümmelt und zerreißt dich schließlich.“ Die medizinischen Abschnitte sind weniger leicht verständlich. Aber dann doch sehr klar: „Ca. 700 km an Kapillaren durchziehen das Gehirngewebe und garantieren die optimale Stoffversorgung aller Funktionszellen. Störungen in diesem System führen zu Mikroangiopathien in Form der Sauerstoffunterversorgung, vermutlich der Auslöser der meisten cerebralen Erkrankungen.“ Wer sich sonst gerne über Fremdwörter beschwert, weil sie ihm den Zugang erschweren, wird hier vielleicht dankbar sein für den milden Schleier, mit dem sie die Realität ja nicht nur verhängen, sondern auch adeln. Man muss nur eine weniger fachchinesisch formulierte Passage lesen und schon sehnt man sich nach der reinen, unverständlichen Wissenschaft zurück: „Bei den meisten Männern über 60 vergrößert sich die Prostata auf das Doppelte bis Vierfache ihres normalen Volumens. Dieses sowie die Veränderungen im Bereich des Harnleiters führen zum häufigen Urinieren, Bettnässen (Nocturie), verzögertem Miktionsbeginn, Abschwächen des Harnstrahls…“ Wer wird nicht dankbar nach dem Wort Nocturie greifen?

Hans Günter Gassen, Der vierte Quartal – Wie und warum sich unser Körper im Alter verändert, Primus Verlag, Darmstadt 2011, 132 Seiten, 99 s/w und farbige Abbildungen, 39,90 Euro.

Vom 1960 in Warschau geborenen Andrzej Stasiuk sind vier kleine Geschichten gerade unter dem Titel „Kurzes Buch über das Sterben“ erschienen. Die dritte schildert die letzte Lebensphase einer Hündin. Natürlich, denkt man, kaum hat man das gelesen, muss ein Buch übers Sterben auch ein Tier einschließen, denn so sehr wir wert darauf legen, uns im Leben vom Tier zu unterscheiden, so sehr merken wir doch beim Blick aufs nahende Ende, dass auch wir Tiere sind oder, um es etwas weniger richtig zu sagen, dass wir auch Tiere sind. Schläfere sie doch ein, sagen dem Erzähler Freunde und blicken verständnisvoll-traurig hinab auf das nur noch mühsam sich bewegende Tier. Sie sagen „einschläfern“, weil sie die Wahrheit nicht sagen wollen. Töten  das wäre das richtige Wort, aber der Mord soll beschönigt werden. Der Erzähler kann und will das Tier nicht umbringen. So sieht er ihm beim sterben zu wochenlang, monatelang: „Ich gehe täglich viele Male an ihr vorbei, steige über den gequälten Körper, und es gibt Momente, in denen ich genervt reagiere. Als würden  - zusammen mit ihrem Leben – meine guten Gefühle zu ihr verschwinden. Darin liegt etwas Grausames, das nicht dem Willen unterliegt. Ich beuge mich hinunter und streichle sie. Was früher ein Reflex war, wird jetzt zu einer bewussten Tätigkeit.“ Das ist so genau beobachtet, wie auch Stasiuk es bei keinem Menschen gelingt. Auch er scheint das Tier zu brauchen, um etwas über den Menschen, auch über den, der er selber ist, zu sagen. „Sie stinkt. Riecht ganz einfach nach Alter. Nach einem Körper, der aufhört, sich zu bewegen.“ Niemals nimmt man das an sich selbst wahr. Das macht dem nicht mehr jungen Leser Angst.

Andrzej Stasiuk, Kurzes Buch über das Sterben, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 111 Seiten, 8 Euro.

„Oh Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen…“ Zum Beispiel etwas über den Avantgardismus der Greise. Der Titel hat leider ein Fragezeichen und leider ist es eine wissenschaftliche Untersuchung und kein Manifest, kein Hesselsches „Empört Euch!“ Da fällt mir noch ein Cicero-Zitat aus „Über das Alter“ ein: „Das Alter wird nur dann respektiert werden, wenn es um seine Rechte kämpft und sich Unabhängigkeit und Kontrolle über das eigene Leben bis zum letzten Atemzug bewahrt.“ Das klingt schön aufmüpfig, geht aber an der Realität vorbei. Es sei denn, man hat den exakt getimten Freitod mit im Kalkül. Aber zurück zum Avantgardismus der Greise. Es ist eine universitäre Arbeit, also wird man den Begriff der Wurschtigkeit darin vergeblich suchen. Die Gebrechlichkeit des Alters, seine äußerste Gefährdung – zum Beispiel durch kleinste Stürze -, geht oft mit einem Gefühl von „mir kann keiner“ einher, mit der Gewissheit, dass man auf keine Konvention mehr Rücksicht zu nehmen braucht. Das gibt Alterswerken oft eine erschreckende Radikalität. Man denke an die sexuellen Fixierungen des alten Picasso und den Skandal, die deren Veröffentlichung in den späten Ausstellungen, machte. Genau darum geht es in diesem Buch nicht. Hier geht es um Systematisches. Also lange Erörterungen darüber, dass, damit von einem Spätwerk die Rede sein kann, ein Frühwerk vorliegen muss und eine starke Veränderung dem gegenüber. Das ist ein – keine Ahnung wie alt der Verfasser ist – doch sehr verkrampftes Frühwerk, von dem ich mich schnell wegwenden möchte. Hin zu einem wirklichen Spätwerk.

Cicero, De senectute – Über das Alter, Lateinisch/Deutsch, Reclam, Stuttgart 2010, herausgegeben und übersetzt von Harald Merklin, 141 Seiten, 4 Euro.

Ein Trotzkopf, der seine Sache durchzieht, das war der fast vergessene Jean Améry. Er war konsequent in der Resignation. Da war sein Aufsehen erregendes Buch „Über das Altern“. Hier schrieb er, wie dem Menschen sein Körper erst fremd wird und dann entgleitet. Da sind die Altersflecken, vor denen er sich als junger Mensch ekeln mochte, die er aber jetzt die eigenen Flecken sind, bei denen man sich zwar überlegen kann, sie chirurgisch entfernen zu lassen, das würde einem aber nicht das Gefühl der Scham nehmen, Altersflecken zu haben. Das letzte Kapitel heißt „Mit dem Sterben leben“. Darin schreibt er: „Der faule Kompromiss ist das prekär sich herstellende, von Fall zu Fall mehr oder weniger stark gestörte, niemals aber und auch dem neurotischen Hypochonder nicht gänzlich fehlende Gleichgewicht von Furcht und Zuversicht, Rebellion und Resignation, Refus und Akzeptation. Der Alternde, für den das Sterben aus einer allgemein-objektiven zu einer persönlichen Sache wird, versucht, die aus der Statistik und den medizinischen Befunden für ihn ersichtliche Nähe des Hohen Moments zu neutralisieren durch ein täglich irrationaler werdendes, sich selbst nicht trauendes Vertrauen.“ Jean Améry, geboren am 31. Oktober 1912 als Hans Chaim Mayer in Wien, war, als sein Buch „über das Altern“ 1968 erschien, erst 56 Jahre alt. Acht Jahre später veröffentlichte er „Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod“. Am 17. Oktober 1978 brachte Jean Améry sich in Salzburg mit einer Überdosis Schlaftabletten um.

Jean Améry, Über das Altern – Revolte und Resignation, Klett-Cotta, Stuttgart 2010, 167 Seiten, 16,95 Euro.

Jean Améry, Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod, Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 173 Seiten, 16,95 Euro.

Davon scheint Odo Marquard weit entfernt. Sein Reclam-Bändchen „Endlichkeitsphilosophisches – Über das Altern“ ist gerade erschienen, am 26. Februar ist der einstige Transzendental-Belletrist 85 Jahre alt geworden. In einem Gespräch mit Franz Joseph Wetz spricht er mit der gleichen Kälte wie Prodikos von Keos vom Alter, ein wenig ruhiger noch, aber dadurch nicht weniger ergreifend: „Die Zahl der chronischen Erkrankungen und Gebrechen nahm in den letzten 15 Jahren stetig zu. Mit jedem neuen Lebensjahr wächst gleichsam die Angriffsfläche. Da sind die vermehrten Einschläge nicht weiter verwunderlich. Der Körper als Fortbewegungsmittel funktioniert nur noch eingeschränkt. Das gleiche gilt für mein Hör-, Seh- und Sprachvermögen, die ja die wichtigsten Werkzeuge eines Philosophen sind. Meine Sinne haben in hohem Maße ihre Aufnahmekraft verloren. Es gibt so viele trostlose Wahrheiten.“ Amérys Buch über das Altern, das sei an dieser Stelle nachgetragen endet mit den Sätzen: „Hat A. irgendetwas getan, auf dass das Gleichgewicht gestört, der Kompromiss bloßgestellt, das Genrebild zerstört, der Trost verscheucht werde? Er hofft es. Die Tage schrumpfen und trocknen ab, da hat er Begehr, die Wahrheit zu sagen.“ Aber ganz zum Schluss noch ein ironischer Satz von Marquard aus einem Text von 2006: „Ich hoffe und vertraue auf einen Gott, der mich nach meinem Tod nicht auferweckt, sondern schlafen lässt.“

Odo Marquard, Endlichkeitsphilosophisches – Über das Altern, hrsg. von Franz Josef Wetz, Reclam, Stuttgart 2013, 98 Seiten, 8,95 Euro.

 

Schreiben, Denken, Tempo

Manchen fällt erst etwas ein, wenn sie versuchen es aufzuschreiben. Erst bei der Suche nach dem richtigen Wort fallen ihnen die – vielleicht – richtigen Sachen ein. Das sind die Glücklichen. Ihr Denken bewegt sich in der richtigen Geschwindigkeit. Manchmal sitzen sie da und müssen nachdenken. Aber das tun sie vor dem Computer oder mit dem Stift in der Hand, andere denken in exakt der Geschwindigkeit, mit der ihre Finger auf die Tastatur schlagen. Sie scheinen zu surfen. Als man noch mit dem Federkiel schrieb, wären sie draußen geblieben. Die immer wieder versiegende Tinte hätte sie nervös gemacht, sie also nach und nach am Denken gehindert. Hans Mayer dachte so schnell wie er sprach. Nein, er dachte nicht so schnell: Er dachte und formulierte so schnell. Oder so könnte man auch sagen: so langsam. Ihm kamen die Gedanken genau so, dass er noch Zeit hatte, sie zu formulieren, bevor er sie diktierte. Vielleicht aber kamen ihm nur bereits formulierte Gedanken. Er war schließlich von Hause aus Jurist. Der Berliner Philosoph Klaus Heinrich aber, er wird am 23. September 86 Jahre alt werden, hat dieses Glück nicht. Ihm fiel schon immer und fällt noch immer viel zu viel ein, als dass er es aufschreiben könnte. Er kann es gerade noch, hinter den Assoziationen her laufend, sagen. Jeder einzelne Satz ist klar. Aber wer ihm drei Minuten zuhört, dem kann es passieren, dass er in dieser Zeit einmal um den Globus geführt wurde oder gar vom anatolischen Göbekli Tepe über die Gorgo in der Sahara beim Urknall landet oder umgekehrt. Alles einleuchtend und einander und den Zuhörer aufklärend aber doch auch verwirrend wie ein Jahrmarktsspiegelkabinett und zutiefst verunsichernd. So muss es gewesen sein, als Zyniker und Sophisten – und ihr Gegner Sokrates war ja auch einer – durch die Straßen Athens gingen und der – damals nur männlichen - Jugend die Köpfe verdrehten. Das tat Klaus Heinrich als ordentlicher Professor für Religionswissenschaft von 1971 bis 1995 an der von ihm – als Student – mit gegründeten Freien Universität Berlin. Der Verlag Stroemfeld-Roter Stern veröffentlicht seit 1981 auch Vorlesungen von Klaus Heinrich. Nicht etwa bisher nicht publizierte Manuskripte, sondern studentische Mitschriften. Darauf sei hier nur hingewiesen. Heute geht es um etwas Anderes, um eine Folge von Gesprächen, die Manfred Bauschulte in den letzten Jahren mit Klaus Heinrich führte. Es sei nur eine kurze Stelle daraus zitiert, die deutlich macht, wie Heinrich denkt und wie er einen mitreißt, wie seine Aufklärungsraketen manchmal von Nebelkerzen nur schwer zu unterscheiden sind: „Die Bürokratie ist die Erbin der Schriftreligion. Das heißt, es ist unglaublich viel Bürokratisierung darin. Weil man dieser Ritualisierung bedarf, klappt es auch nicht mit dem Abbau der Bürokratie. Man macht sie sich immer nur als Besteuerungs- oder Gebrauchsunternehmen klar. Aber es ist natürlich etwas sehr viel Archaischeres. Wenn das aber so ist, dann muss etwas, was den Schriftreligionen übertragen gewesen ist, nicht mehr so wichtig sein, wenn man es in einer gleichsam Gespensterexistenz weiterführt, nämlich der Ausgleich von Raum und Zeit, den wir aus allen Schriftreligionen kennen. Es waren immer die zwei Sachen: die Verhäuslichung der Welt ist auch zugleich die Verhäuslichung des Kosmos, mit dem man dann sozusagen auf Du und Du stehen kann. Dazu braucht man eben seine Leute, die ständig nur beobachten. Auf der anderen Seite ist es die Kosmologisierung der Häuslichkeit selber, die nun ausgerichtet wird – was heute noch Kathedralen verdeutlichen können.“

Manfred Bauschulte, Über das Ende der neolithischen Revolution – Gespräche und Versuche mit Klaus Heinrich, Klever Verlag, Wien 2012, 204 Seiten, 19,90 Euro

 

Dampfschiff Moderne

Der 1960 geborene Nino Vetri ist der Gründer der Musikgruppe „Banda di Palermo“. Es gibt von ihr zur Zeit wohl keine CDs. Auf Amazon kann man ein einziges Lied herunterladen. Von Vetris Romanen ist auf deutsch bisher erschienen „Die letzten Stunden meiner Brille“. Jetzt ist im selben Verlag „Lume Lume“ hinzugekommen. Eine Suche im Palermo von heute nach dem Text eines rumänischen Liedes. Auf Seite 91 von 113 hat der Erzähler ihn endlich: „Welt oh Welt Bruder Welt/ So ist die Welt, dreht sich immer weiter/ Für einen, der geboren wird, stirbt ein anderer/ Der geboren wird, hat seinen Spaß/ Der, der stirbt, vermodert.“ Das ist nicht heiter, das ist nicht traurig. Das ist, wie es ist.

Dazu gehört auch, dass es nicht die lange Reise durch die Vielvölkerstadt Palermo war, die dem Erzähler den Text bescherte, sondern es war das Internet, das ihn nach – wahrscheinlich – dem Bruchteil einer Minute ausspuckte. Der Erzähler nahm dann ein „winziges Wörterbuch“ zur Hand und übersetzte diese Zeilen. Auch das hätte er sich ersparen können. Im Internet gibt es sich auch ein rumänisch-italienisches Wörterbuch. Aber Lume Lume handelt von den Begegnungen wirklicher Menschen, vom Kennenlernen, von der angstfreien Neugierde auf einander. Es spielt in Häusern, in denen Sizilianer, Polen, Rumänen, Bangladescher, Tamilen, Singhalesen, Inder und Chinesen wohnen. Mit einem Male erinnert man sich daran, was man in der Schule über das alte Sizilien hörte: Es sei immer ein Vielvölkerland gewesen, in dem zum Beispiel auch Franken und Muslime aufeinanderstießen und lebten. Der Sizilianer von heute, so unser Geschichtslehrer, sei der Nachkomme der unterschiedlichsten Völkerschaften – kein Wunder, dass die Italiener ihn nicht als ihresgleichen betrachteten, fügte er hinzu. Aber in einigen seiner Schüler weckte er die Sehnsucht nach diesem Wirrwarr, nach dieser die Fantasie anregenden, ja sie munitionierenden Fülle.

Und dann stoße ich auf eine Passage in Lume Lume, die mich unsere Amerika- unsere New York-Begeisterung in den sechziger Jahren erinnert und spätestens von da an liebe ich dieses Buch: „Ich schaue mir die Lebensmittelgeschäfte der Inder an mit diesen schönen Säcken voller Reis und Gewürzen, Säcke, die nicht der Norm entsprechen, und die Geschäfte der Bangladescher, die mit Filmplakaten tapeziert sind… sogar die der Chinesen, die sich darauf beschränken, eine Laterne vorn an der Ladentür aufzuhängen… vielleicht sind das die zukünftigen alteingesessenen Geschäfte dieser Stadt… Immer vorausgesetzt, dass wir ihnen erlauben zu bleiben. Wir steigen aufs Dampfschiff Moderne! Denke ich, wenn ich diese Läden sehe. Als ich nämlich vor vielen, vielen Jahren zum ersten Mal nach London gefahren bin, noch als Heranwachsender, bekam ich nicht durch die U-Bahn oder den riesigen Fluhafen oder solche Sachen ein Gefühl dafür in einer modernen Stadt oder gar: einer Stadt der Zukunft zu sein… Das Gefühl kam, als ich einen Sikh-Polizisten mit seinem schönen Turban sah, einen Rasta-Busfahrer aus Jamaika, einen Punk-Postbeamten samt rotem Haarkamm…“

Nino Vetri: Lume, Lume, Edition Fototapeta, Berlin 2013, mit einem Nachwort von Andrea Camilleri, übersetzt von Andreas Rostek, 119 Seiten, 12,80 Euro.

  

Nichts liegt Vater ferner

Kein Vatermord, keine Vaterehrung. Der Versuch einer Annäherung. Michael Rutschky ist siebzig Jahre alt. Er hat einmal die Zeitschrift „Alltag“ herausgegeben. Er machte darin begreiflich, dass die großen Theorien, die gar zu gerne nur auf die großen Umbrüche, auf Revolutionen und Konterrevolutionen bezogen werden, auf die Wonnen der Gewöhnlichkeit angewandt – so sagte man einmal - werden sollten, um ihre Kraft oder aber ihre Ohnmacht zu erweisen. Schon bald aber waren diese Theorien verschwunden. Der Alltag hatte gesiegt. Allerdings hatten die Theorien den Autor klüger, wacher, hellhöriger gemacht und so wurden die Einblicke in die Funktionsweisen unserer Gesellschaft ertragreicher als sie es in den soziologischen Zeitschriften jener Jahre sein konnten. Jetzt, Jahrzehnte nach dem Ende jener inzwischen nur noch legendären Zeitschrift, hat Michael Rutschky sich die Notizkalender vorgeknöpft, die sein Vater, Angestellter einer Wirtschaftsprüfungsfirma, zwischen 1951 und 1973 führte. Es sind karge Notizen, oft steht gar nichts in den Kalendern und wenn etwas steht, dann nur zwei, drei Zeilen. Nichts, so würde jeder denken, das eine Geschichte ergibt. Michael Rutschky aber hat eine geschrieben, von der man nicht ablassen kann. Das geht, weil Rutschky die Spärlichkeit seines Materials nicht leugnet, nicht darüber hinweggeht, sondern sie ist Teil dieser Geschichte. Der Notizkalender des 1893 geborenen Vaters ist zunächst nichts als „ein persönlicher Geschäftsbericht für die Augen der großen Tiere“.

Der Sohn, der die meiste Zeit seines Lebens freier Autor war, kann sich die bittere Anmerkung nicht verkneifen: „die nie einen Blick darauf warfen“. Dass wir das tun, was man von uns erwartet, darauf basiert die Gesellschaft, dass wir diese Erwartung vorwegzunehmen vermögen, denen, die das Sagen und nicht etwa jenen, die wir zu lieben vorgeben, die Wünsche also von den Augen ablesen, das kann man in jedem zusammenbrechenden Betrieb beobachten. Das alles ist Alltag. Gesellschaft ist freilich auch darauf angewiesen, dass gegen Erwartungen verstoßen, dass Neues gewagt wird. Das weiß Rutschky und auf der Folie dieses Wissens bildet er das einverständige Funktionieren seines Vaters ab. Er entziffert die Notizen und klopft sie auf die Mechanismen ab, mit denen der Vater sein Leben, das ja auch das Leben des jungen Michael Rutschky war, bewältigte. Auch Mutter und Sohn führen Tagebücher. „Der Sohn“, schreibt Michael Rutschky, zeitlebens Essayist, „versucht das Merkbuch als Roman zu beginnen.“ Der erste Januar 1956 „Doll gefeiert. Die Merkurianer haben angegriffen, nichts erreicht.“ Ein Weltallroman, ein Sternenkrieg. „Nichts liegt Vater ferner“, schreibt der Sohn 56 Jahre später. Er fügt nicht hinzu, dass auch der Sohn niemals etwas Vergleichbares veröffentlicht hat. Aber jede seiner klaren Zeilen ist, das lernen wir hier, angeschrieben gegen die Schockwellen der Fantasie, gegen den Rausch vom Universalumsturz, von der interstellaren, kosmischen Größe. Ironie speist sich nicht aus Verachtung, sondern aus Liebe. Rutschkys Nüchternheit ist eine Abwehrbewegung, die ihre Kraft bezieht aus dem Pathos, gegen das sie sich wendet. So hat er jetzt doch einen Roman geschrieben. Einen mit einem allwissenden Erzähler, der so tut, als wolle er nichts als ein paar Notizen seines Vaters – mit erläuternden Hinweisen versehen – veröffentlichen, der Leser aber wird eingesponnen in eine westdeutsche Nachkriegsgeschichte, eine kleiner Roman vom Aufstieg und vom Erwachsenwerden, denn das Tagebuch des Sohnes spielt auch eine Rolle. Es ist ein Roman, der wert darauf legt, nichts er-, sondern alles nur gefunden zu haben. Aber das täuscht den versierten Leser natürlich nicht. Es gibt zu viele Romane, die sich als wahre Geschichten ausgeben. Da kann man ruhig auch mal eine wahre Geschichte wie einen Roman lesen.

Michael Rutschky: Das Merkbuch – Eine Vatergeschichte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 274 Seiten, zahlreiche s/w Abbildungen, 19,95 Euro.

Sechs Revolutionen gleichzeitig

Es gibt ein neues Buch von Al Gore. Titel: The Future – Six drivers of global change. Es ist noch nicht auf Deutsch erschienen. Die sechs die Welt verändernden Kräfte sind: 1.) Die Entstehung einer innig mit einander verbundenen globalen Wirtschaft, die immer mehr als eine völlig integrierte holistische Einheit agiert. Dazu gehören völlig neue Beziehungen zu Kapitalflüssen, Arbeit, Konsumentenmärkten und nationalen Regierungen. 2.) Die Entstehung eines den ganzen Planeten umfassenden Kommunikationsnetzes, das Gedanken und Gefühle von Milliarden Menschen verbindet. Die werden zusammengebracht mit schnell wachsenden Datenmengen, mit einem ebenfalls schnell wachsenden Verbund von Sensoren, die überall auf der Welt verteilt sind und zusammenhängen mit intelligenten Schalteinrichtungen, Robotern und Denkmaschinen, von denen die intelligentesten schon heute in der Lage sind, eine ganze Liste von Aufgaben, von denen wir dachten, wir seien die einzige Spezies, die sie meistern könnte, besser zu bewältigen, als wir das tun. 3.) Die Entstehung eines völlig neuen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Machtgleichgewichts, das radikal unterscheiden wird von dem, das die Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die USA die globale Führungsrolle innehatten und für Stabilität sorgten. Einfluss und Initiative werden sich von West nach Ost verlagern, von reichen Ländern zu schnell entstehenden neuen Machtzentren, von Nationalstaaten zu privaten Akteuren, von politischen Systemen auf Märkte. 4.) Die Entstehung schnellen nicht nachhaltigen Wachstums, der Bevölkerung, der Städte, beim Ressourcenverbrauch, beim Abbau des Mutterbodens, bei Wasserverbrauch und Umweltverschmutzung. 5.) Die Entstehung einer revolutionären, mächtigen, neuen Reihe von biologischen, biochemischen, genetischen, materialwissenschaftlichen Technologien, die es uns ermöglichen werden, die Molekularstruktur eines jeden Materials, ja den Faden des Lebens neu zu weben und auch Form und Eigenschaften von Pflanzen, Tieren und Menschen zu verändern. Wir werden so die Kontrolle über die Evolution gewinnen und die überkommenen Grenzen, die eine Spezies von der anderen trennten, überwinden. Wir werden völlig neue entwickeln. 6.) Die Entstehung einer radikal neuen Beziehung zwischen der geballten Kraft der menschlichen Zivilisation und den Ökosystemen der Erde. Das wird vor allem die besonders empfindlichen von Atmosphäre und Klima betreffen.

Al Gore erklärt, er habe das Buch geschrieben, um sich selbst einen Überblick zu verschaffen, worum es die nächsten Jahre im Wesentlichen gehen wird. Der Leser ist dabei, wie sich der Autor die Lage klar macht. Das erleichtert den Zugang. Gore trägt Tatsachen und Überlegungen zusammen. Es ist ein wenig wie Pilzesuchen. Und die Leser sind dabei.

Al Gore, The Future – Six drivers of global change, Random House New York, 559 Seiten, 14,95 Euro.

 

Schlechte Zeiten für die Mächtigen?

Die dritte von Gores sechs revolutionären Kräften sieht sich Moises Naim in seinem neuesten Buch an. Vor ein paar Jahren veröffentlichte der in Washington lebende Venezolaner das „Schwarzbuch des globalisierten Verbrechens: Drogen, Waffen, Menschenhandel, Geldwäsche, Markenpiraterie“. In dem vor einer Woche gerade erst auf Englisch erschienenen „The End of Power“ erscheint das globalisierte Verbrechen nur noch als einer der Akteure, die die bisher vorherrschende Machtbalance durch einander bringen. Das waren die Staaten, mit den mächtigen Militärapparaten und die großen Unternehmen mit Zehntausenden Mitarbeitern. Wer da an den Schalthebeln saß, der hatte die Macht, der konnte wirklich andere dazu bringen, das zu tun, was er wollte. Heute ist das, sagt Moises Naim anders. Die großen Apparate gibt es immer noch. Aber sie können sich nicht mehr so durchsetzen wie noch vor dreißig Jahren. Sie können es nicht in den Metropolen und sie können es auch nicht im Rest der Welt. Eine Reihe von Faktoren haben die Vormachtstellung der einstigen ersten Welt untergraben. Natürlich zählt dazu das Internet. Aber das ist in Naims Augen nur eine Folge ganz anderer Entwicklungen. Er sieht deutliche wirtschaftliche und politische Verbesserungen nicht nur in einigen ausgewählten Staaten, sondern fast überall auf der Welt. Auch in Afrika. Erstmals leben dort mehr Menschen, die nicht hungern müssen als Hungernde, schreibt Moises Naim. Die Menschheit ist heute so gut ernährt wie noch nie in den letzten Jahrhunderten. Es gab noch nie so viele Menschen, die lesen und schreiben konnten. Es gab noch nie so viele Menschen, die ihre eigene Lage mit den Lebensverhältnissen anderer Menschen vergleichen konnten. Das alles macht es den Mächtigen schwer. Das verschiebt nicht nur die Machtverhältnisse. Die Macht selbst verändert sich. Moises Naim zitiert den ehemaligen Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Zbigniew Brezinski: „Es ist heute unendlich viel einfacher eine Million Menschen umzubringen, als sie zu kontrollieren“. Das könnte mein Lieblingszitat werden.

Moises Naim: The End of Power: From Boardrooms to Battlefields and Churches to States – why being in charge isn’t what it used to be, Perseus Books, 306 Seiten, 15,94 Euro.

  

Newa, schwarz wie Teer

Geboren wurde sie 1889 in der Nähe von Odessa als Anna Gorenko. „Die Genealogie der Familie mütterlicherseits lässt sich angeblich bis zum letzten Chan der Goldenen Horde, bis Achmat Chan, zurückverfolgen.“ So nannte sie sich denn Achmatowa. Ihr jugendlicher Freund der Lyriker Iossif Brodski meinte dann auch, mit ihrem Namen habe sie „gewissermaßen ihre erste gelunge Zeile“ geschaffen: Anna Achmatowa. Das schreibt Elisabeth Cheauré im Nachwort zu einer neuen Ausgabe von Liebesgedichten der 1966 verstorbenen Dichterin. Sie ist erschienen in der schönen von Ulla Hahn im Reclam-Verlag herausgegebenen Reihe Liebesgedichte. Die Übersetzungen stammen von Kay Borowsky. 75 Gedichte, entstanden in den Jahren 1904 bis 1959. Hier nur eines vom 18. August 1956:

Du hast mich ausgedacht. So eine gibt es nicht,/

die kann es auf der Welt nicht geben.

Das heilt kein Arzt, kein Dichter kann es lindern:

der Schatten dieses Spuks erscheint dir Tag und Nacht.

Wir trafen uns in jenem unwirklichen Jahr,

als schon die Kräfte unsrer Welt versiegten,

als alles trauerte, im Unglück schier verzagte

und frisch als einziges die Gräber waren.

Laternen brannten nicht, die Newa schwarz wie Teer,

die Nacht ganz undurchdringlich, dumpf…

Und da nun rief dich meine Stimme!

Was ich getan, begriff ich selbst noch nicht.

Und du. Du kamst, als führte dich ein Stern,

kamst, durch des Herbstes Tragik schreitend,

in jenes Haus, für immer nun zerstört,

aus dem die Schar gequälter Verse floh.

Anna Achmatowa: Liebesgedichte, Auswahl und Übersetzung aus dem Russischen von Kay Borowsky, Nachwort von Elisabeth Cheauré, Reclam, Stuttgart 2013, 96 Seiten, 8,80 Euro.

Hinweis: Dieser Artikel wurde am 2.03.13 editiert.

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