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Wer geht hier wem verloren?

Nicht jeder Sammelband kommt zur rechten Zeit: "Arbeit als Lebensstil" hinkt hinterher

15.01.2004 00:01
ALEXANDER KLUY

Ist Arbeit der Abdruck des Lebens? Oder enthält das Leben die pulverisierten Sedimente von Arbeit? Die Arbeit der Gegenwart, so der Befund des Gesellschaftswissenschaftlers Fritz Betz, "nimmt im digitalisierten Neoliberalismus die Form eines von Bedeutung entschlackten rekombinanten Zeichens an, also einer beliebig anschlussfähigen Variablen, womit sich biografische Kontinuität, die Selbstverortung in einem Beruf und die Verankerung an einem Arbeitsplatz in Kategorien der Vergangenheit verwandeln." Betz zielt damit auf die um die Jahrtausendwende kurrente, von Ort, Zeit und Behausung abgekoppelte Variabilität des Arbeitens ab. Dieses Gaukelbild wurde rasch als neues Leitbild der Ökonomie adaptiert. Strahlend schien die digitale, objektabgekoppelte Zukunft. Den frontier-Gedanken, mythisch-progressiver Bestandteil der nordamerikanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, belebte man in avancierter Form. Denn die Horizonte, die zu erobern waren, generierte man selbst am Rechner. Die so kartierte Zukunft, eine Zukunft in Mega- und Gigabytes, leuchtete heller als tausend Sonnen.

Die New Economy war retrospektiv betrachtet in großen Teilen eine Fiktion. Sie entpuppte sich als Manchesterkapitalismus-Spielplatz mit schalem Spaßfaktor, kostenlosen isotonischen Getränken am Gesundheitsbuffet und Office-Massageservice. Jeder Tag war casual day. Arbeit, befreit von den Fesseln traditioneller Lohnarbeit und in einem freiwilligen Akt semi-intellektueller Rekombinatorik zu Spiel moduliert. Solcherart neu interpretiert, galt Arbeit als allgegenwärtiges, allumfassendes Vergnügen. Die Grenzen zur Freizeit, definiert als Abwesenheit mehrwertproduzierender Tätigkeit, lösten sich auf. Arbeiten rund um die Uhr, inszeniert in einem Theater des Lebens, war der dernier cri der leistungswilligen und leistungsbereiten Mitt- bis Endzwanziger.

Tempi passati. Für Pixelpark oder Intershop einst gearbeitet zu haben, verschweigt man heute lieber. Rebekka Ladewig und Nan Mellinger finden dafür ein nur wenig Trost spendendes, historisches Bezugsbild, wenn sie im vorliegenden Sammelband über das Wechselverhältnis von Arbeit und Lifestyle schreiben: "Das Selbstverständnis des postindustriellen Homo laborans erinnert an das romantische Ideal jenes Künstlertypus, der sich, in sehnsüchtiger Einsamkeit und existentieller Ortlosigkeit, selbst durchreist, findet oder erkämpft, und alsbald wieder als demontiert erfährt." Der letzte Schritt der Demontage erfolgte am 26. September 2002. An jenem Tage verkündete die Deutsche Börse, den Nemax einzustellen, jenes Börsensegment, an dem fast alle jungen Aktiengesellschaften der New Economy gehandelt wurden, was faktisch am 5. Juni 2003 erfolgte.

Doch gegen diese romantisierende Gleichsetzungsautomatik argumentierte Ende der neunziger Jahre einleuchtend Heinz Bude. Er hatte schon damals die auratische Neukategorisierung des Unternehmers registriert: "Der Unternehmer ist nach diesem Verständnis (dem Paradigma der schöpferischen Zerstörung) der Prophet des Neuen, der den Markt als Kampfspielraum begreift. In Schumpeters Worten: ‚Die soziale Heimatlosigkeit, die Beschränkung auf das Aufsuchen und Durchsetzen neuer Möglichkeiten, das Fehlen dauernder Beziehungen zu individuellen Betrieben sind diesem Typus vor allem zu eigen'." Die Beschreibung datiert aus dem Jahr 1928.

Ein Dreivierteljahrhundert später gilt das mehr denn je. Um so überraschender dagegen mutet die Anamnese einer unübersichtlichen, flottierenden mikroökonomisch-kulturellen Entwicklungsstufe der Gesellschaft, der New Economy, an. Denn sie ist ihrerseits schon historisch überholt.

Begriffe wie "Info-Nomadentum", "Net-worker", "Webworker" und "Ich-Marketing" sind in aller Munde. Sie tauchen auch in der Einleitung des Bandes auf: "Betriebswirtschaft erobert die Psyche." So pointiert formuliert sind die Beiträge dieses Bandes nur selten. Oft genug protegieren oder präsentieren sie Ideen, die vielleicht noch Anfang 2002 frisch erschienen, heute, im von Stagflation und reduktionistischem Neopragmatismus geprägten Deutschland, nur noch die eigene Publikationsliste verlängern helfen. So hat etwa der Vorschlag Geneviève Hesses nach monetärer Gratifikation ehrenamtlicher Arbeit keinerlei Aussicht auf Realisierung. Ähnlich unbefriedigend verhält es sich mit Ausführungen über Wissen als Design oder über Popökonomie. "Verschwindende und wiederkehrende Körper" bleiben ebenso soziologische Chimären wie das "Arbeitsmannequin". Diese schöne Wortprägung führt lediglich zu akademisch grundierten Geschlechter-Reflexionen innerhalb einer als entfremdet vorausgesetzten Arbeitswelt.

Alexander Meschnigs Beitrag über den "proteischen Charakter" zu lesen, ist hingegen ein Gewinn. Das liegt daran, dass dem Psychologen und Wirtschaftspublizisten Meschnig der konkrete Blick auf konkrete lebensweltliche Verhältnisse gelingt. Er legt einen erhellenden Beitrag zum Spannungsverhältnis von Psyche / Identität und Neu-Schöpfung / Stillstandsvermeidung vor. Dem Arbeitsstil der Zukunft zumindest inhärent ist das Risiko, zu scheitern oder überflüssig zu werden. Aber darüber berichten andere Bücher dann vielleicht mehr.

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