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Wenn zwei Mecklenburger...

... einander Briefe schreiben: Uwe Johnson und Walter Kempowski taten das von 1971 bis 1983 und waren zum Schluss unergründlich vertraut

31.01.2007 00:01
JÜRGEN VERDOFSKY

Am Anfang steht ein Telegramm, es wirkt wie ein Klingelstreich und ist doch Zuspruch auf Johnson-Art. In einem nachgesetzten Brief zeigt sich Uwe Johnson nicht nur als genauer Leser des Romans Tadellöser & Wolff, sondern gewährt Walter Kempowski einen unerwarteten Bonus. Er schätze "die Vorführung eines tatsächlichen Lebens, bei der die Entstellung durch ästhetische oder gar moralische Sinnprogramme vermieden ist". Der beigefügte Bildband über die mecklenburgische Ostseeküste trägt die Widmung: "Ruhe! Walter Kempowski soll weiterschreiben!"

Solche Bestätigung entbehrte Kempowski lange. In den siebziger Jahren arbeitet er noch als Landlehrer in Nartum nahe Bremen und fühlt sich vom Literaturbetrieb geschnitten. Machen ihn seine Zuchthausjahre in Bautzen zum Außenseiter? Kempowskis geradliniger, nüchterner Realismus mit einem hohen Anteil an biographischen Einschlüssen hat es schwer. Einer wirft ihm in Konkret gar mangelnden Hass gegen die bürgerliche Familie vor, "statt den Mangel an Hass in der Darstellung überhaupt zu bemerken". Für Johnson ist Kritik kein Naturereignis, der Ärger darüber seien "zeitraubende Anwandlungen, die mit der Aufgabe des Weiterschreibens eben nichts zu schaffen haben".

Was folgt, ist so etwas wie eine "Veralltäglichung des Charismas" (Max Weber), Absichtslosigkeit auf beiden Seiten. Hier begegnen sich nicht einfach zwei Mecklenburger, sondern zwei Erzähler mit großen Entwürfen. Der fünf Jahre ältere Kempowski verliert die Angst, sich selbst zu verfehlen im Briefwechsel mit einem Uwe Johnson, dessen Stellung längst exklusiv ist. Bei laufender Lektüre kommentiert Kempowski die ersten beiden Bände der Jahrestage in affirmativen Anmerkungen. "Ich entdecke manche, kaum beweisbare Ähnlichkeit zu meinem Buch. Ich hätte die Jahrestage auch gern geschrieben..." Die Herausgeber haben Kempowskis Marginalien mit den jeweiligen Passagen aus den Jahrestagen versehen, sie werden zu Kontextglossen. Für Jahrestage-Leser eine einzige Versuchung. Wie war das mit den "Schläfen der Omnibusse" in New York, mit dem "schwarzen Baum voller Amseln", mit der "übermütigen Erinnerung" einer Frau in Mecklenburg?

Dann die Umkehrung der Situation. Johnson ist bereit, das Manuskript von Kempowskis drittem Buch, Uns geht's ja noch gold, zu lesen. Kempowski zögert, er weiß um Johnsons Unbedingtheit in künstlerischen Belangen. Aber einen solchen Freundschaftsdienst, den Johnson unmittelbar zuvor Max Frisch am Tagebuch 1966-1971 erwiesen hat, schlägt man nicht aus. Auch erhofft Kempowski sich vom "großen Bruder" die Differenz an Erfahrung. Das geht nur ohne Rücksichten. Zur Rettung gehört für Johnson der feste, scheinbar brutale Zugriff. "Solange das Buch in diesem Zustand ist, sollte dem Verfasser von einer Veröffentlichung abgeraten werden. Er kann seine Sache besser, als hier zu sehen ist." An harmloseren Verdikten sind ganz andere Freundschaften zerbrochen, aber Kempowski schlägt die Tür nicht zu. Er kann einen Vorschlag, der von Johnson kommt, kühl und kritisch erwägen, ohne ihm zu verfallen. Kempowski unterdrückt jeden Tumult seiner Verletzungen. Wie viel er von den Anregungen, übernimmt, wird zu seinem Geheimnis, denn bis heute bleibt die Einsicht in die Korrekturen nach Johnsons "Lektorat" verwehrt.

Im April 1972 zeigt sich Kempowski tapfer: "Ich danke Ihnen also nochmals für Ihre Arbeit und Anregung, ich schätze das sehr hoch ein. Was ich traurig finde: Sie machen in Ihrem Brief Andeutungen, die ich nicht verstehe." Um einander nahe zu bleiben, schweigt man sich danach aus. Als wäre nichts gewesen, bedankt sich Johnson bei Kempowski nach fast einem Jahr für ein Exemplar des Dokumentar-Bändchens Haben Sie Hitler gesehen? Ihm fällt auf, dass auch "in diesem neuen Ansatz Ihr Personalstil durchschlägt". Aber die Werkstatt-Beziehung erneuert sich nicht, ihre Großprojekte unterliegen friedlicher Koexistenz: Johnsons Jahrestage und Kempowskis Bücher, die sich zu einer Deutschen Chronik verdichten, "laufen ... irgendwie nebeneinander her". Sie schaffen das durch Zurückhaltung, Distanz und Schweigen. Ihr Spiel mit einer Wahlverwandtschaft wird nicht ins Ästhetische verlängert. Sie versichern sich mit ausgesuchten, ja, verschollenen Manieren ihrer Sympathie, berichten von ihren Reisen nach Rostock, tauschen Mecklenburgica. Aber der Briefwechsel zwischen 1974 und 1979 tröpfelt.

Johnson lebt seit dem Spätsommer 1974 auf der englischen Kanalinsel Sheppey. Aber nicht dieser Rückzug nach Sheerness-on-Sea befeuert die Fama des Literaturbetriebs, sondern sehr private Begleitumstände. Längst hat Uwe Johnson mit Fritz J. Raddatz wegen "unmanierlicher Klatschsucht" gebrochen. Zwei Jahre ist es her, dass Johnson zwölf Tage an Entwürfen für einen Brief an Max Frisch gesessen hat, der als Kern freigibt, "Elisabeth und ihre Tochter leben seit einigen Monaten von mir getrennt..." Kempowski in Nartum weiß nichts, als er im April 1980 nach langer Pause schreibt, "Sie wohnen und halten sich auf in der Fremde, und da sollte man doch mal Ihrer gedenken".

Johnson kämpft um den vierten Band der Jahrestage, es gibt keinen Ausgleich für blockierte Arbeit. Wie heraus aus Bitternis, Einsamkeit und Entgeisterung? Als würde der unnahbare Johnson seinen Ruf durchbrechen, antwortet er mit einem langen Brief, verschämt und ungeschützt. "In Wahrheit habe ich einer schriftlichen Zuwendung von Ihnen hin und wieder ein wenig entgegengesehen." Und, mit dreijähriger Verspätung: "Mir ist eröffnet worden, dass ich nie eine Familie hatte; so lebe ich denn seit Jahren allein..." Der erschrockene Mecklenburger auf der anderen Seite macht keine großen Worte: "Was soll man sagen?"

Der Briefwechsel wird jetzt ähnlich dicht wie in der Anfangsphase, aber alles ist anders. Neben Melancholie und dunklen Sarkasmen stiften gut erzählte Geschichten verbindenden Sinn. Ein sich aus seiner Schreibblockade befreiender Uwe Johnson zeigt Szenen aus seinem Pub "Napier" in Sheerness. Es ist die Kriegsgeneration, mit der der schweigsame Deutsche an der Bar hockt. An einem verlorenen Weihnachtsabend haben sie ihn "Charles" getauft. Jahre werden vergehen bis Johnson erfährt, einer war als Sanitäter unter den Befreiern von Bergen-Belsen, ein anderer hat Berlin mitbesetzt, ein dritter flog als Bomberpilot. Aber das gehört nicht in den Pub, "Gespräche über Politik sind ungehörig, private Attacken ausgeschlossen". Das Weitere sind nicht einfach Anekdoten, sondern Erzählstücke ohnegleichen. Auch Kempowski wird mitgerissen, er schreibt über seinen Bruder und den Suizid-Versuch eines aufgenommenen Mädchens.

Kein Briefwechsel Uwe Johnsons gleicht einem anderen. Aber wenn man seine Briefe an Hannah Arendt, Margret Boveri, Max Frisch, Siegfried Unseld oder Fritz J. Raddatz liest, ist man immer von seiner diagnostischen Hellsicht, seinem ausgefallenen Stil eingenommen. Im Briefwechsel mit Walter Kempowski ist einiges anders. Es schwebt eine Vertrautheit zwischen ihnen, die sich nicht immer erklärt, sondern als selbst gesucht voraussetzt. Erwartungen auf beiden Seiten. Es beginnt mit Erläuterung oder Deutung und endet mit der gespürten Kraft eigener Schläge. Johnsons letzter Brief vom Januar 1983 klingt nach wirklichem Abschied: "Wüssten Sie einen Sammler von Mecklenburgica?" Uwe Johnson will sich vom Herz seiner Bibliothek trennen. Dreizehn Monate später ist er tot.

Uwe Johnson, Walter Kempowski: "Kaum beweisbare Ähnlichkeiten." Der Briefwechsel. Hrsg. von Eberhard Fahlke und Gesine Treptow. Transit Verlag, Berlin 2006, 144 S., div. Abbildungen, 14,80 Euro.

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