Lade Inhalte...

"Webers Protokoll" Das Wagnis der Generationenspannung

Was Orangen, Tauben und Militärstiefel gemeinsam haben? Strahlenkränze von Bedeutungszuschreibungen um die Hauptfigur in Nora Bossongs feinem Roman "Webers Protokoll". Von Catharina Koller

15.04.2009 00:04
CATHARINA KOLLER
Foto: Frankfurter Verlagsanstalt

In der National Gallery in London hängt ein Gemälde des Joseph Wright of Derby, "An Experiment on a Bird in the Air Pump": Ein wandernder Wissenschaftler zeigt, wie er mit einer Vakuumpumpe einem Vogel im Glaskolben die Luft zum Atmen nimmt. Umringt von unterschiedlichsten Reaktionen, vom wissenschaftlichen Interesse bis zum Abwenden voller Grauen steht letztlich das naturwissenschaftliche Experiment im Mittelpunkt, scheint das Überleben des Vogels möglich.

Ein Anklang dieses Gemäldes findet sich in Nora Bossongs Roman "Webers Protokoll" wieder, zu einer grausamen Posse verzerrt, einem Zaubertrick wie aus E.T.A. Hoffmans "Sandmann": Dem Diplomaten Konrad Weber wird der Vakuumtrick in den vierziger Jahren von einem Bekannten, Wendler, vorgeführt. Dieser schlägt Weber ein zweifelhaftes Geschäft vor, den Handel mit gefälschten Reisedokumenten. Weber lehnt ab, zu groß sei die Gefahr für ihn. Es bleibt die Vermutung, dass er nicht versuchte, die Vögel entkommen zu lassen, sondern bei ihrem Erstickungstod fasziniert assistierte.

Diese Vermutung geht auf in einem Chor aus Fragen, Ungereimtheiten und Unsicherheiten, Webers Erlebnisse werden im Roman diskutiert, seziert und verdichtet. Eine junge Erzählerin und ihr Gegenpart, ein Mann, der schon biblisches Alter erreicht zu haben scheint, sitzen in unserer Jetzt-Zeit im dunklen Nebenraum eines Hotelrestaurants und bieten Webers Vergangenheit prächtig ausgeleuchtete Empfänge. Schnell scheinen ihr Einfühlungswille und -vermögen mit seiner Fakten- und Aktenkenntnis in einen Wettkampf zu geraten.

In Zeitsprüngen kreuz und quer durch drei Jahrzehnte von Webers Leben lässt sich dabei allmählich dessen Geschichte erahnen: Sein neuer Vorgesetzter in der Mailänder Botschaft, ein Parteischerge, entdeckt Anfang der Vierziger in den Rechnungsbüchern Unstimmigkeiten; Weber hat Gelder veruntreut. Um nicht aufzufliegen, sieht Weber als Lösung: "dass er noch einmal zu Wendler lief, auf den Handel einging, den großen Handel mit dubiosen Papieren und viel echtem Geld."

Auch nachdem die Rechnungsbücher der Botschaft längst beglichen sind, schmuggelt Weber weiterhin Papiere im Diplomatengepäck und bereichert sich, bis ihm die Festnahme droht und er sich absetzt. Nach dem Krieg gleicht der Haftbefehl einer Ehrenuhrkunde und Weber kehrt "frisch aus der Schweiz" in den diplomatischen Dienst zurück.

Aus Sicht der Erzählerin verschließt Weber seine Augen vor der Vergangenheit so sehr, dass er von einem nicht enden wollenden Brennen in den Augen gepeinigt ist. Noch Jahre nach seiner einzigen "Kriegsverletzung", Taubenkot in seinen Augen, spürt er, wie "die Farbe aus der Iris in tiefer liegende Kapillaren gesickert" ist, wie das Brennen den Glaskörper zersetzt, oder fühlt es sich an, "als lägen seine Augen auf Sand".

Irgendwann in der Nachkriegszeit steht er gedankenverloren an einem Marktstand und die Orange in seiner Hand wiegt im Lesefluss auf einmal bleischwer, als einige Seiten später herauskommt, dass seine Haushälterin für ihn Orangenmarmelade einkochte, bis sie deportiert wurde. Auf die gleiche Weise wie die Orange erhalten Tauben, aber auch Schachfiguren, Aktentaschen, Militärstiefel und Anzüge Strahlenkränze von Bedeutungszuschreibungen, die über den Roman hinauszuleuchten scheinen.

Nora Bossong ist sozusagen eine Urenkelin von Webers Generation. Schon in ihrem Gedichtband "Reglose Jagd", nach dem Debütroman "Gegend" ihre zweite Veröffentlichung, taucht eine nun schon bekannte Figur auf: "Nicht zurückholen will Weber/ wonach in der schlammigen Weserluft/ die Kinder jagen".

Nichts anderes als das Ausloten der Vergangenheit und das Tasten nach der Erinnerung vorheriger Generationen scheint mit dieser Jagd gemeint zu sein - in "Webers Protokoll" wird sie fortgesetzt als ein Balanceakt.

Zeigt die Erzählerin zuviel Verständnis für Weber, bricht es aus dem Diplomaten hervor: "Wenn Sie vorhaben, mir jetzt von Gut und Schlecht, von Moral und diesem ganzen Zeug zu erzählen, sage ich Ihnen besser vorab: Ihre Kategorien, meine Liebe, greifen ins Leere. Denn Moral ist nichts, oder sagen wir so: Es ist das Register von Etiketten, die Sie und Ihresgleichen auf Ihnen fremde Erinnerung kleben, die Sie aus den Fabeln im Geschichtsbuch kennen, mit denen einem Haufen gelangweilter Schüler begreifbar gemacht wird, was sie, wäre man ehrlich, nicht begreifen können."

"Webers Protokoll" ist ein unheimlich hochkonzentrierter und zugleich vielschichtiger Roman voller präziser Sprachgewalt, das Psychogramm eines Zeitzeugen und nicht zuletzt ein spannender Krimi. Doch am stärksten ist die Spannung, die sich zwischen den Generationen aufbaut; im Namen dieser Spannung stellt der Roman die wichtigsten Fragen. Er beantwortet sie nicht, doch die kunstvoll ineinander verwobenen Zeitebenen geraten in Schwingung und bringen einander zum Klingen, weit über die letzte Romanseite hinaus.

Nora Bossong:

Webers Protokoll.

Roman.

Frankfurter

Verlagsanstalt,

Frankfurt/M. 2009,

284 Seiten,

19,90 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen