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Wajdi Mouawad: Anima Grauhörnchen erzählt

Ein ungewöhnlicher Roman über die Bestialität des Menschen: Wajdi Mouawad lässt in dem Thriller „Anima“ konsequent Tiere zu Wort kommen. Fast bis zum Schluss geht das grandios auf.

Bei Wajdi Mouawad ist der Mensch die größte Bestie. Foto: REUTERS

Lasst Tiere sprechen: Die Idee hinter Wajdi Mouawads Roman „Anima“ ist so bestechend, bewegend, bestürzend, ihre Ausführung (zunächst) so grandios, dass sie einen sofort in den Bann schlägt. Ein Mann kommt nach Hause und findet seine Frau ermordet. So weit, so normal für etwas, das ein Thriller werden zu wollen scheint.

Aber die Ankunft des Mannes in der Wohnung in den allerersten Zeilen des Romans, sein Erschrecken, seine bodenlose Trauer, sein Ausharren neben der Leiche, bis „Männer, die ich nicht kannte“, die Tür aufbrechen, wird nicht von diesem Mann und auch nicht von einem allwissenden Erzähler beobachtet: „Ich“ trägt den lateinischen Namen Felis Silvestris Catus Carthusianorum, Karthäuserkatze. Von ihr übernimmt Passer Domesticus, Haussperling, dann ein Spürhund, eine Felsentaube, ein Goldfisch, ein Kolkrabe.

Wie die Spinne es sieht

Die Spinne in der Kneipe hat eine andere Erzählerstimme und einen anderen Blick auf die Dinge als das Grauhörnchen oder der Kauz. Aber alle – und das ist der kunstvolle Kniff des Autors, der bisher als Dramatiker bekannt ist –, alle diese Tierstimmen erzeugen Distanz zum Geschehen. Manchmal sind sie mit ihrer Angst, ihrem Staunen oder ihrem Fressen beschäftigt. Manchmal beschreiben sie, wie sie den Schmerz des Menschen spüren, als farbige Aura sehen. Dann wird der Ton märchenhaft. Aber Mouawad versagt sich und uns den psychologischen Innenblick auf seine Hauptfigur, auf den Mann, dessen Frau von einem Artgenossen bestialisch ermordet wurde.

Ungewohnt ist diese Abstinenz, aber man liest sich recht schnell ein. Und einige dieser Tierstimmen sind von großer poetischer Dichte.

An Handlung gibt es nicht viel zu erzählen, Krimi-Plausibilität ist hier sowieso nebensächlich. Wahsch Dibsch, so heißt der Mann, macht sich vom kanadischen Montréal aus auf die Suche nach dem Mörder seiner Frau; in amerikanisch-kanadischen Indianerreservaten vor allem spielt diese Suche. Sie endet mit einem Showdown zwischen den beiden Männern in der Wildnis. Beobachter, Erzähler des finalen Kampfes ist ein Rotfuchs.

Aber Wajdi Mouawad lässt seinen Roman nach diesen knapp 300 starken Seiten nicht enden. Ein riesenhafter Hund übernimmt nun die Erzähler- und Schutzgeistrolle, er ist Wahsch Dibschs Totem, er rettet ihn und wird von ihm gerettet.

Als wäre das knochenkrachende Gemetzel von Hundekämpfen nicht genug, lässt Mouawad seine wie er aus dem Libanon stammende Hauptfigur dann noch die schreckliche Wahrheit über seinen Ziehvater entdecken. Zuletzt häuft das Buch so Beleg um Beleg auf (beispielhaft am Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, 1982), dass der Mensch schlimmer ist als jedes Tier, dass er sich in einem hemmungslosen Blutrausch verlieren kann, im Töten um des Tötens willen.

Dann aber zu viel

Auch noch eine Art Epilog des Gerichtsmediziners glaubt der Autor anfügen zu müssen. Gern glaubt man da, dass er auch in seine Theaterstücke oft zu viel hineinpackt. Zu viele Themen, zu viel Drama, auch zu viel Klischee.

Denn nicht nur scheint Mouawad von Romanteil III („Canis Lupus Lupus“) an zu meinen, dass mehr Grausamkeit mehr Effekt macht, er überschreitet auch in manchen Formulierungen die Grenze zum Kitsch. Zum Beispiel in einem Dialog wie diesem: „Sagen Sie, Wahsch, wo haben Sie diesen Engel gefunden?“ „In der Hölle.“

Es bleibt also nicht bei der wunderbaren Konzentration, der geradezu genialen Form, der Sprachkraft des immerhin mehr als halben Romans (insgesamt hat das Buch mit Anhang 446 Seiten). Am Ende hat man das Bedürfnis, sofort wieder von vorn zu beginnen – um dann rechtzeitig aufzuhören.

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