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Vor 100 Jahren Tolstois Tod

Vor hundert Jahren starb der russische Schriftsteller Lew Tolstoi nach seiner Flucht von zu Hause. Es war ein Medienereignis und eine viel beachtete Familienposse: Seine Ehefrau, mit der er ein halbes Jahrhundert zusammengelebt hatte, wurde nicht hereingelassen.

19.11.2010 16:48
Olga Martynova
Das undatierte Archivbild zeigt den russischen Schriftsteller Leo Tolstoi (09.09.1828-20.10.1910). Leo Tolstoi galt als einer der größten Schriftsteller, Philosophen und Sozialutopisten des 19. Jahrhunderts. Foto: dpa

Der Bahnhofsvorsteher, in dessen Zimmer und in dessen Bett Lew Tolstoi starb, hieß Osolin“, berichtet Jurij Olescha (1899–1960), der Stilvirtuose unter den sowjetischen Schriftstellern: „Nach diesem Geschehnis wurde er zu einem Tolstojaner. Noch später hat er sich erschossen. Welch ein verblüffendes Schicksal! Stellen Sie sich vor: Sie leben in Ihrem Haus, beschäftigen sich mit alltäglichen Dingen, erwarten keine besonderen Ereignisse, und plötzlich, aus heiterem Himmel, kommt das: In Ihr Haus tritt Lew Tolstoi ein, mit Gehstock, im Bauernmantel, der Autor von ,Krieg und Frieden‘ macht es sich seelenruhig in Ihrem Bett bequem und stirbt innerhalb einiger Tage. Hier gibt es tatsächlich einen Grund, verwirrt zu werden und sich zu erschießen.“

Und in der Tat: Stellen Sie es sich vor! Es klingelt bei Ihnen und ... er ist da.

Als der 82-jährige Tolstoi am 10. November 1910 aus seinem Haus auf dem Landgut Jasnaja Poljana ging, war das ganze Russland, die ganze Welt erschüttert. Das war aber nicht sein Anliegen. Er wollte endlich sein Leben in Einklang mit seinen Überzeugungen bringen, zu denen er nach einer schweren Lebenskrise Ende der 1870er, Anfang der 1880er gekommen war.

Mehr als 1500 Telegramme

Paradoxerweise wurden seine letzten Lebenstage, die er, ein von frühester Kindheit an von Todesangst geplagter Mensch, sich besonders still, ruhig und einsam gewünscht hatte, zu einem Medienschauspiel. Journalisten aller führenden Zeitungen der Welt telegrafierten aus der kleinen Bahnstation Astapowo (innerhalb einer Woche wurden mehr als 1500 Telegramme verschickt!) Nachrichten über seinen Zustand und über die letzte Familien-Posse: Tolstois Kinder mussten entscheiden, ob ihre Mutter zum Sterbebett des Mannes durfte, mit dem sie fast ein halbes Jahrhundert zusammengelebt hatte. Sie wurde nicht hereingelassen. Aber der strengste Jünger von Tolstois Lehre, Vladimir Tschertkow, war im Haus. Ein unfriedlicher Geist starb inmitten der Kämpfe seiner Nächsten, die die Widersprüche seiner Natur und seines Lebensweges spiegelten.

Er war so berühmt, dass nicht nur seine Schriften, sondern auch seine privaten Angelegenheiten zum Gegenstand des allgemeinen Interesses wurden. Die Frage, wie Graf Tolstoi das Leben eines Landgutbesitzers genießen und zugleich den Verzicht auf Eigentum predigen konnte, war ein gesellschaftliches Thema.

Die Zwietracht zwischen Tolstois Frau Sofja Andrejewna und den Aposteln seiner Lehre, die ebenfalls selbstlose Treue von ihm verlangten, war allgemein bekannt. Beide Parteien wollten aus einem lebendigen und widersprüchlichen Menschen ein museales Vorbild machen: Sofja Tolstaja wollte, dass er ein Mustergroßschriftsteller bleibt, dazu noch -familienvater und -gatte.

Ein Musterprophet

Die Jünger brauchten ihn als einen Musterpropheten, als Aushängeschild des „Tolstojanismus“, einer Bewegung, die zwar von ihm inspiriert war, die er aber weder gegründet noch geführt hatte, ja die er sogar kritisierte. Er empfand einerseits Verantwortung für seine Frau. Andererseits unterstützte er die Tolstojaner, auch materiell (nämlich mit den Abdruckerlaubnissen für seine neuen Werke). Dass er auf seine Autorenrechte verzichtet hatte, konnte Frau Tolstaja, auf deren Schultern die Sorge um das Familienwohl lag, nicht gutheißen.

Die Kämpfe waren so verzweifelt, der Hass so glühend, dass Sofja Tolstaja in besonders bitteren Momenten ihren Mann einer homosexuellen Beziehung zu Vladimir Tschertkow, dem Anführer der Tolstojaner, bezichtigte. Tolstoi wollte sich von diesem allseitigen Druck befreien. Seine letzte Reise und seinen Tod auf der Bahnstation nennt man „Uchod“ („Flucht“, „Gehen“), was ziemlich bedeutungsschwer klingt. Dieses „Gehen“ wurde zu einer Legende, zu einem Nährboden für weitere Legenden und zum Gegenstand vieler Streitschriften.

Bei der ewigen Gegenüberstellung „Tolstoi oder Dostojewskij“ (die schon zu Lebzeiten beider miteinander nicht bekannten Autoren betrieben wurde) wird angenommen, dass Dostojewskij die krankhafte, unbewusste und verzweifelte Seite der menschlichen Natur repräsentiere, Tolstoi dagegen die moralisch ausgewogene und selbstbewusste. Nacht und Tag. Ausnahme und Norm. Aber von wegen!

Unbequemer Zeitgenosse

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts war er nicht nur ein lebender Klassiker, er war ein sehr unbequemer Zeitgenosse. Er mischte sich in die Politik ein, gab den Zaren Ratschläge, hinterfragte alle Selbstverständlichkeiten seiner Zeit. Die Kirche exkommunizierte ihn. Die Zensur verhinderte oder verzögerte die Veröffentlichung seiner Werke, die sich in unzähligen Kopien verbreiteten (das war das, was man in der späten Sowjetunion „Samizdat“ nannte). Die westlichen Zeitungen waren immer bereit, seine in Russland unveröffentlichten Schriften zu bringen. Er war so kühn und frei in seinem Gedankengang, dass ihm kaum jemand wirklich folgen konnte, auch die Tolstojaner nicht.

Das ist bis heute so. 2001 bat sein Urenkel Vladimir Tolstoi, der Leiter des Museums in Jasnaja Poljana, den Patriarchen Alexi II., damals Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Tolstoi posthum wieder in den Schoß der Kirche aufzunehmen. Er hat keine positive Antwort bekommen. Aber wohl kaum hätte eine positive Entscheidung Lew Tolstoi erfreuen können, der sagte, die kirchliche Lehre werde nur fälschlicherweise christlich genannt.

Tolstois einfache Fragen an sich und an die Menschheit bleiben heute noch unbequem: Kann man den Wohlstand bedenkenlos genießen, während das Hungern auf der Erde bei weitem nicht besiegt wurde? Sind die offiziellen Kirchen nicht das Gegenteil von dem, was die echte spirituelle Suche verlangt? Darf man Tiere essen? Darf man Gewalt gegen Gewalt anwenden?

Der Schock zum Schluss

Wenn man diese Fragen genau nimmt, wird man die Verwirrung des Bahnhofsvorstehers verstehen, an dessen Tür an einem Spätherbstabend der große alte Mann klopfte. Allerdings hat Jurij Olescha für ihn ein romantisches Schicksal erdichtet. Der wirkliche Osolin, dem Tolstois Angehörige für seine Gastfreundschaft sehr dankbar waren und der in seinem Haus eine Art Tolstoi-Museum gründete, starb 1913 an einer Krankheit. Aber die von Olescha erzählte Legende blieb bestehen.

Tolstois Todestag ist im kollektiven Gedächtnis als ein besonderes Datum gespeichert. Es war, als hätte es Tolstoi schon immer gegeben und als würde es ihn für immer geben. Für die ganze „zivilisierte Welt“ von damals, aber selbstverständlich besonders für die Russen, wurde sein Tod zu einem Schock.

So erinnerte sich Vladimir Nabokov (1899–1977), der übrigens den gleichaltrigen Olescha gelesen hatte und schätzte (eine Ausnahme seinerseits, wenn es um Sowjetschriftsteller ging), wie er als Kind von Tolstois Tod erfahren hatte: „Nachts schlief ich nicht, stellte mir die Luise vor, ihre schlanke Figur, und staunte über die seltsame physische Unbequemlichkeit, die früher, selbst wenn ich sie spürte, nicht mit irgendwelchen Fantasien, sondern mit zu enger Hose verbunden war. Ich fragte arglos meine Eltern, die gerade aus München oder Milan nach Berlin gekommen waren, über diese Erscheinungen, mein Vater begann mit der Zeitung zu rauschen und antwortete auf Englisch: ,Das, mein Freund, ist nur eine der absurden Kombinationen in der Natur, so ähnlich sind die Verlegenheit und die roten Wangen miteinander verbunden ... Eben ist Tolstoi gestorben‘, unterbrach er plötzlich sich selbst, sich mit einer anderen, bestürzten Stimme an meine Mutter wendend. ,Ach, was sagst Du‘, schrie sie leise und traurig auf und schloss ihre Hände zusammen, dann fügte sie hinzu: ,Es ist Zeit, nach Hause zurück zu fahren‘, als wäre Tolstois Tod ein Vorbote apokalyptischer Katastrophen.“

Olga Martynova, Jahrgang 1962, ist in Leningrad aufgewachsen. Sie lebt als Schriftstellerin und Essayistin in Frankfurt. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman „Sogar Papageien überleben uns“ (Droschl).

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