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Viet Thanh Nguyen „Auch Gegner Amerikas konsumieren seine Kultur“

Pulitzerpreisträger Viet Thanh Nguyen spricht im Interview über seinen neuen Roman, den Film „Apokalypse Now“, über Flüchtlinge und Donald Trump.

„Apocalypse Now“
„Meine erste Reaktion auf ,Apocalypse Now' bestand darin, mich mit den amerikanischen Soldaten zu identifizieren – bis zu dem Moment, wo sie anfingen, Vietnamesen zu töten.“ Foto: Imago

Mr. Nguyen, in Ihrem Twitter-Profil hieß es bis vor kurzem „Flüchtling, und stolz darauf“. Weshalb sind Sie stolz darauf, ein Flüchtling zu sein?
Weil ich kein Interesse daran habe, meine Geschichte zu verleugnen. Die Leute haben entweder Angst vor Flüchtlingen oder sie verachten sie. Statt mich für meinen Status zu schämen, entschied ich mich dafür, darauf stolz zu sein und die Menschen zum Nachdenken darüber anzuregen, weshalb es so viele Flüchtlinge in so vielen Ländern gibt. Dadurch möchte ich auch anderen Flüchtlingen Mut machen – Mut, sich zu ihrer Geschichte zu bekennen und Mut, sich für ihre Schicksalsgenossen einzusetzen.

Fühlen Sie sich wirklich noch als Flüchtling, nachdem Sie 42 Ihrer 46 Lebensjahre in den USA verbracht haben?
Ich frage mich, wann man aufhört, ein Flüchtling zu sein. Ich glaube, dass Menschen aus anderen Ländern sich sehr lange als Zuwanderer betrachten, selbst wenn sie die neue Staatsbürgerschaft annehmen. Das trifft jedenfalls auf mich zu. Als ich 1975 mit meiner Familie aus Vietnam in ein amerikanisches Flüchtlingslager kam, trennte man mich von meinen Eltern und meinem Bruder, weil sich für alle vier von uns kein einzelner Unterstützer fand. Wir wurden später wieder vereint, aber die Erinnerung daran verfolgt mich bis heute. Ich will an meinem Flüchtlingsbewusstsein festhalten, weil es mich dazu anhält, Mitgefühl für andere zu empfinden. Und die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, ist entscheidend für einen Schriftsteller.

Waren Sie versucht, über Ihre Erfahrungen zu schreiben statt wie nun mit „Der Sympathisant“ einen Roman?
Nein. Mein Leben ist im Gegensatz zu dem meiner Eltern nicht besonders interessant. Ich mag mich emotional verloren gefühlt haben, aber davon abgesehen ist es mir gut ergangen. Zudem wird von Flüchtlingen oder Migranten immer erwartet, dass sie über ihre Erfahrungen schreiben. Diese Erwartungen wollte ich enttäuschen. Ich wollte beweisen, dass ich über alles Mögliche schreiben kann. Und ich wollte unterhalten. Ich mag Spionageromane. „Der Sympathisant“ ist ein Spionageroman. Es ist ein unterhaltsamer politischer Roman, ein historischer Roman.

Sie spielen darin mehrfach auf Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ von 1979 an. Wann haben Sie dieses Epos über den Vietnamkrieg zum ersten Mal gesehen?
Mit zehn oder elf, daheim auf Video. Zu diesem Zeitpunkt war ich ein durch und durch amerikanischer Junge. Ich liebte amerikanische Kriegsfilme, und meine erste Reaktion auf „Apocalypse Now“ bestand darin, mich mit den amerikanischen Soldaten zu identifizieren – bis zu dem Moment, wo sie anfingen, Vietnamesen zu töten. Ich merkte plötzlich, dass ich es war, auf den da geschossen wurde. Es war, als würde ich zweigeteilt. Dieser Augenblick hat mich geprägt. Ich sah meinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft vor mir. Das ist einer der Gründe, weshalb ich Schriftsteller wurde. In „Der Sympathisant“ nehme ich gewissermaßen Rache an „Apocalypse Now“ und der amerikanischen Vorstellung vom Vietnamkrieg.

Sie schreiben „Das war der erste Krieg, dessen Geschichte die Verlierer und nicht die Sieger schreiben würden“. Dasselbe könnte man von den meisten Kriegen sagen, die die USA seither geführt haben.
Das stimmt. Hollywood ist eine Industrie, die als inoffizielles Propagandaministerium fürs Pentagon fungiert. Selbst kritische Hollywoodfilme basieren auf dem Glauben an Amerikas Ausnahmestellung. Immer stehen Amerikaner im Zentrum. Immer ist die Perspektive die der Amerikaner. Das gilt für die amerikanische Popkultur insgesamt. Diese wiederum ist eines der erfolgreichsten Exportprodukte der USA. Auch politische Gegner Amerikas konsumieren seine Kultur. Dieses Land ist kulturell so stark, dass es keine Rolle mehr spielt, ob es Kriege gewinnt oder verliert.

Hollywood hilft auch beim erfolgreichen Export des amerikanischen Traums. Haben Ihre Eltern diesen Traum je geträumt?
Als wir klein waren, bläuten meine Eltern mir und meinem Bruder ein: Wir sind zu 100 Prozent Vietnamesen. Das sagten sie auch noch, nachdem sie hier ein Geschäft eröffnet und sich ein neues Leben aufgebaut hatten. In den neunziger Jahren reisten sie zum ersten Mal wieder nach Vietnam. Als sie zurückkamen, verkündete mein Vater, an Thanksgiving, diesem amerikanischsten aller Feiertage: Wir sind zu 100 Prozent Amerikaner. Meine Eltern hatten gemerkt, wie sehr sie und das Land, aus dem sie stammten, sich verändert hatten, wie wenig sie noch damit verband. Letztlich haben wohl auch sie dem amerikanischen Traum nachgegeben.

Wann waren Sie selbst zuletzt in Vietnam?
2012, um ein Sachbuch zu recherchieren…

... „Nothing Ever Dies: Vietnam and the Memory of War“, über Kriegserinnerungen aus vietnamesischer Sicht ...
Davor hatte ich während mehrerer Aufenthalte insgesamt etwa ein Jahr in Vietnam verbracht. Auch dort war ich immer zugleich Amerikaner und Vietnamese. Wenn man Geld von mir wollte, behandelte man mich als Amerikaner. Wenn man meine Zuneigung wollte, behandelte man mich als Vietnamesen. Die Spannung zwischen Vietnamesen in Vietnam und Vietnamesen aus Übersee ist enorm groß, egal ob es sich bei den Expats um freiwillige Auswanderer handelt oder um ehemalige Flüchtlinge.

Präsident Trump will Grenzmauern errichten und verbietet Flüchtlingen aus bestimmten Nationen die Einreise. Wie erklären Sie dieses Land Nicht-Amerikanern?
Amerika ist ein Land voller Widersprüche. Die bestehen, seit die ersten Europäer hier angelangt sind. Zum einen haben Sie das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der Weltoffenheit und all der anderen wundervollen Dinge. Zum anderen ist da das Amerika des Völkermordes, der Sklaverei, der Fremdenfeindlichkeit und der Ausbeutung. Der Aufstieg Donald Trumps hat mich nicht überrascht. Es handelt sich dabei lediglich um die jüngste Manifestation einer langen Geschichte, deren hässliche Seite viele Amerikaner gerne ignorieren würden.

Sie haben Donald Trump in einem Artikel für die „New York Times“ als „guten Geschichtenerzähler“ bezeichnet. Was macht ihn dazu?
Donald Trump ist ungehobelt, undifferenziert und trotzdem oder genau deshalb in der Lage, Millionen von Menschen eben jenes Märchen zu erzählen, das sie gerne hören möchten.

Und das wäre?
Wenn Trump sagt: „Make America Great Again“, meint er nicht: „Macht Amerika wieder großartig für Leute wie Viet.“ Er meint damit: „Macht Amerika wieder so großartig wie damals, als Leute wie Viet noch nicht hier waren.“ Er beschwört eine Zeit herauf, in denen Farbige wie ich noch nicht so zahlreich waren und sich Gehör verschafften. Er verspricht einen Zustand, in dem die Weißen wieder allein an den Hebeln der Macht sitzen. Das ist eine gefährliche Art der Nostalgie. Ich glaube, ich habe mich seit Jahrzehnten auf diesen Augenblick vorbereitet. Ich bin zu einem Schriftsteller der Opposition geworden.

Der Migrantenroman ist mit Chimamanda Ngozi Adichie, Junot Diaz oder Gary Stheyngart zum Genre geworden. Ist nun die Zeit des Flüchtlingsromans?
Wenn es nach mir ginge, ja. Nur lassen sich Flüchtlingsromane nicht so gut vermarkten. Von Migranten nimmt man an, dass sie ihre Heimat freiwillig verlassen haben und nach Amerika gekommen sind, weil sie es so wunderbar finden. Das schmeichelt dem amerikanischen Selbstbewusstsein. Von Flüchtlingen weiß man hingegen, dass sie vertrieben worden sind. Mit ihnen sieht man sich einer ganzen Reihe unangenehmer Fragen gegenüber: Sind wir vielleicht mitschuldig an den Umständen, die zu ihrer Vertreibung geführt haben? Was, wenn sie uns nicht nur einfach dankbar dafür sind, dass wir sie aufnehmen?

Hannah Arendt hat Flüchtlinge als „Avantgarde ihrer Völker“ bezeichnet. Das, was ihnen passiert ist, könne jedem anderen passieren, so ihre These. Würden Sie dem zustimmen?
Unbedingt. Das ist mit ein Grund, weshalb wir uns vor Flüchtlingen fürchten: Sie deuten auf eine Zukunft, die uns selber blühen könnte. Der Philosoph Giorgio Agamben spricht vom Flüchtlingsdasein als einem „existentiellen Ausnahmezustand“. Aber bei weltweit 66 Millionen Vertriebenen ...

65,6 Millionen laut UN Hochkommissariat für Flüchtlinge ...
Bei so vielen Millionen Menschen kann man wohl kaum mehr von einer „Ausnahme“ sprechen. Bisher waren vor allem Kriege die Ursache von Vertreibungen. Aber wir wissen alle, dass zunehmend Klimakatastrophen zur Bewegung ganzer Völker führen werden. Wir sollten das Warnsignal erkennen und uns Gedanken darüber machen, wie wir uns gesellschaftlich und politisch neu organisieren. Denn unser System von Nationalstaaten wird diesen Veränderungen nicht standhalten können.

Wäre es ein Schritt in diese Richtung, wenn wir Identität nicht mehr mit Nationalität gleichsetzen würden?
Das würde sicher helfen. Eine Identität enthält eine Vielfalt von Elementen. Ich hoffe auf den Tag, an dem Pässe verschwinden und Nationen Städten gleichen werden. Auf den Tag, an dem wir aufhören, einander wegen Grenzen Zugehörigkeiten und Unterschieden zu töten.

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