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Victor Klemperer Sich der Wirkung der Worte bewusst

Fleißig, kritisch, tollkühn: So zeigt sich Victor Klemperer als Chronist des 20. Jahrhunderts in seinen Briefen.

Victor Klemperer
Victor Klemperer um 1928. Foto: Deutsche Fotothek, Ursula Richter

Im Oktober 1936 nennt er sich ein Luxuspferd. Wenn einer sich der Wirkung von Worten bewusst war, dann er. Der Philologe Victor Klemperer ist 55 Jahre alt, als er aus Dresden einem befreundeten Ehepaar nach Berlin schreibt, „ja, wenn ich Techniker oder Naturwissenschaftler wäre! Aber ein Specialist für Literaturgeschichte ist ein Luxuspferd.“ Denn als er sich endlich dem Drängen seines in die USA ausgewanderten Bruders Georg entsprechend um Arbeit im Ausland bemüht, erkennt er seine Einschränkungen. Und so schreibt er Georg, dem Mediziner: „Ich habe die Luxussprachen Französisch und Italienisch studiert, und die Weltsprache Englisch fehlt mir.“ Nur wenige Seiten liegen zwischen diesen Sätzen in dem Buch „Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen“; sie klingen beim ersten Mal eine Nuance launiger als beim zweiten. Der Verfasser richtet sich nach dem Adressaten.

Victor Klemperer (1981-1960) ist heute eine Symbolfigur. War er zu Lebzeiten in seiner Wissenschaft anerkannt, durch sein Buch „LTI“ über die Sprache des Nationalsozialismus für viele kritisch Lesende in der DDR wegen der Sprach-Parallelen ein heimlicher Held, geschah die eigentliche Entdeckung als Autor 35 Jahre nach seinem Tod. 1995 begann der Aufbau-Verlag mit der Edition seiner Tagebücher – mit deren sensationellem Kern, den Jahren 1933 bis 1945. Es sind minuziöse Schilderungen aus dem Innern des „Dritten Reichs“, Dokumente der Entrechtung: Klemperer, Sohn eines Rabbiners, zum Christentum konvertiert, im Ersten Weltkrieg fürs Vaterland im Einsatz, als Professor für die Ausbildung der Jugend verantwortlich, wird durch die Nazis um die Lehre und die Veröffentlichungsmöglichkeiten gebracht. Die Ehe mit der „arischen“ Frau Eva schützt ihn vor dem Konzentrationslager, das Chaos der Bombennacht vom 13. Februar 1945 rettet dem Paar das Leben. Das Tagebuchschreiben sah er als seine Aufgabe für die Nachwelt.

Der Veröffentlichung dieser beispiellosen Zeugnisse folgten die ebenfalls akribisch geführten Notizen aus der Weimarer Republik und jene aus der Nachkriegszeit, es folgte die Autobiografie „Curriculum vitae“ und vor zwei Jahren noch das Revolutionstagebuch von 1919. Das Leben dieses Mannes ist bis ins Detail bekannt. Der Verlag legt jetzt mit fast ausschließlich bisher unveröffentlichtem Material nach. Es entsteht zwar kein neues Bild des Autors, allerdings bekommt das vorhandene einige Tupfer mehr – in interessanten Farben.

Da die Spanne des Buchs weiter reicht als die der einzelnen Tagebuchbände, kann man noch mehr daraus erkennen. Der Untertitel lautet passend „Ein Leben in Briefen“. Er weiß stets, wie er sich an wen zu richten hat. Eines der ersten erhaltenen Schreiben geht 1910 nachgerade unterwürfig an die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, er bettelt, seiner Forschungen wegen die Ehre zu haben, „Ihnen einmal für wenige Minuten persönlich gegenübersitzen zu dürfen“. Fast fünfzig Jahre später korrespondiert er mit dem deutschen Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der im kalifornischen Exil geblieben ist. Nun empfängt er schmeichelhaftes Lob. Feuchtwanger schreibt, er fühle sich von Klemperer in einer Rezension erkannt, „als sähe ich ein Röntgenbild von mir selber“.

Klemperer wahrt fast immer die Form. Von ausgesuchter Höflichkeit, „backfischartiger Bewunderung“ sind seine meisten Briefe an den Münchener Romanistik-Professor Karl Vossler, der prägend für seinen wissenschaftlichen Weg war. Sie durchlaufen Anfang der 20er Jahre eine kurze Holperphase, als der aufstrebende Philologe beim bewunderten Mentor einen „höhnischen Ton“ entdeckt. Und als er ihn schließlich als „hochverehrter Freund“ anredet, hadert er in einer Klammerbemerkung, ob dies nicht zu respektlos sei. Seinem Bruder Georg gesteht Victor dagegen ohne Geplänkel, dass er „mehr Nähe zwischen mir und meiner kleinen Katze“ als zum gemeinsamen Bruder Berthold „herzustellen vermag“. Victor Klemperer, das jüngste von acht Geschwistern, stand in der Familie lange unter Druck, endlich erfolgreich zu sein. Und dann lässt ihm die Politik die Karriere nicht.

Georg Klemperer warnt den Bruder, der noch ein Jahr nach Hitlers Machtantritt sich „ganz und gar und ausschließlich nach Deutschland“ gehörig glaubt: „Was machen wir mit unserm Deutschtum, wenn uns dessen maßgebende Vertreter täglich erklären, dass wir in einem anmaßlichen Irrtum sind, wenn wir uns für deutsch halten?“ Die Belege folgen gleich: Der Teubner- und der Hueber-Verlag winden sich, Victor Klemperers Buchverträge loszuwerden. 1935 wird er als Professor der Technischen Hochschule Dresden entlassen.

„Bei einem Privatbrief muss man sich ja auf sich selber und sein gegenwärtiges Leben besinnen“, schreibt Victor Klemperer im März 1936 an seinen Neffen Walter Jelski und dessen Frau, die 1933 nach Palästina emigriert sind. Er entschuldigt sich für eine Schreibpause, er schildert, wie er die Vorlesungen vermisst, Bekannte und Kollegen, „jetzt ist von alldem nichts mehr da“. Und doch kommt es in diesem Brief zu einer Wendung, die ihn glücklich zeigt: Er hat, mit Mitte 50, die Fahrprüfung abgelegt und ein Opel-Cabriolet gekauft, „halb Box-, halb Windhund. Box wegen der gedrungenen Kraft, Wind wegen der Fixigkeit – es kann bis zu hundert“. Charmant und witzig begeistert sich der Gelehrte in weiteren Briefen für das Fahren. Gezwungenermaßen: „Auto, Bücher, Garten und Gartenbau-Ausstellung: das ist alles. Von Freunden ist nichts zu berichten, denn es sind keine mehr da.“ Er beginnt seine Autobiografie und plant die Sprachstudie „LTI“, über die er nur Andeutungen macht: „Denn es ist ja so eine Sache mit dem Briefgeheimnis.“

Der optimistische Buchtitel mit den „besseren Zeiten“ ist ein Zitat aus dem November 1936, zwei Jahre später taucht „das schreckliche Zu spät!“ in vielen Briefen auf. Die Nummer auf der Warteliste, die Victor Klemperer in der amerikanischen Botschaft mitgeteilt wird, soll erst in ein, zwei Jahren drankommen. So sehr er sich Kontaktpersonen in Italien, Japan, gar in Afrika anpreist, einfach nur noch als Lehrer – die Auswanderung gelingt nicht. Aus dem Luxuspferd von 1936 ist im März 1939 ein unvorstellbar nutzloses Geschöpf geworden: „a more useless creature is not to be imagined“. Seine Anstrengung, Englisch zu lernen, zahlt sich nicht aus.

In den Tagebüchern gestand Klemperer sich oft ein, dass es vielen um ihn herum noch schlechter ging, wenn er von Transporten hörte, von den Lagern. Als Briefschreiber hübscht er diese Einsicht mit Optimismus auf, ruft im Februar 1941 einem alten Freund zu: „Behalte nur die Nase im Gesicht!“. Doch im September 1941 bricht in diesem Buch der Fluss ab. Auf 900 Seiten Tagebuch spielt sich ab, was 1946 in einer Nachricht an eine Freundin knapp zusammengefasst ist: Hausdurchsuchungen, Schläge, eine Woche Haft wegen Nichtverdunkelung eines Fensters, Zwangsarbeit, Umsiedelung ins Judenhaus.

Klemperer ist bei Kriegsende Mitte 60, von Strapazen gezeichnet, doch er startet mit einem frappierenden Elan in die neue Zeit. Er sehnt sich nach einer ordentlichen Professur; den Ruf nach Greifswald nimmt er widerwillig an, Halle, ab 1948, gefällt ihm besser, die Humboldt-Universität kommt noch dazu. Geradezu hyperaktiv erscheint er in dem Zeitraffer, den die bunte Briefsammlung jener Jahre darstellt. Klemperer tritt in die KPD ein, leitet die Volkshochschule Dresden, übernimmt hohe Funktionen beim Kulturbund, in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, wird Volkskammer-Abgeordneter.

Er sieht sich den neuen Staat schön. Freunde und Kollegen, versuchen ihn zu stoppen, etwa im April 1950, als er gar die „Stalinkantate“ des sozialistischen Dichters Kuba lobpreist, denn sie halten die für „billig, geistlos und einen plagiatorischen Skandal“. Er reagiert empfindlich. Eine kritische Rezension Stephan Hermlins weist Klemperer arrogant zurück. Doch bald erlebt er sich wieder gegängelt. Davon zeugt das Hin und Her um ein Manuskript, das die Zeitschrift „neue deutsche literatur“ ändern will. Davon zeugt im Mai 1955 seine Antwort auf die Rüge, als er an einer Abgeordnetenversammlung nicht teilnahm. Klemperer gibt nicht klein bei. Er listet dem „verehrten Genossen“ auf, welche Tätigkeiten ihn hinderten und er schließt sarkastisch: „Ich hätte selbstkritisch bedenken sollen, dass mein hohes Alter meine Urteilskraft beeinträchtigen könnte.“

Er weiß, was man mit Worten anrichten kann. Im Tagebuch finden sich bereits Notizen zur LQI, zur Sprache des vierten Reichs. Es ist sein Optimismus, der ihn in der DDR hält, auch sein Wissen, dass er nur in diesem Staat bei aller kleinlichen Kritik die Anerkennung bekommt, nach der er sich so lange sehnte.

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