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Verrat Seelenarbeit am Stasi-Onkel

Susanne Schädlichs ergreifende Chronik über den Verrat in der eigenen Familie.

20.02.2009 00:02
KARL CORINO

Am 16. Dezember 2007 erschoss sich in einem kleinen Ostberliner Park der Historiker Karlheinz Schädlich, der ältere Bruder des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich. Es war ein typischer Bilanz-Selbstmord. Als IM Schäfer hatte Karlheinz Schädlich jahrelang seinen Bruder, dessen Familie und viele andere bespitzelt, darunter Robert Havemann, Bettina Wegener, Gerd Poppe und Hubertus Knabe. Er hatte sich nach der Wende in Sicherheit gewiegt, weil ihm das MfS versichert hatte, seine Akte sei geschreddert. Dass sich seine Berichte und die daraus entwickelten Maßnahmen zur Überwachung und "Zersetzung" der Opfer auch in deren Akten fänden, hatte ihm sein Führungsoffizier nicht verraten.

Als im Januar 1992 die Gauck-Behörde prominenten Stasi-Opfern die ersten Akten zugänglich machte, wurde Hans Joachim Schädlich das grässliche Familien-Geheimnis offenbar. Wenn jemand in seinem "Operativen Vorgang" Spitzel aus seiner näheren Umgebung entdeckte, war das immer schrecklich. Aber besonders entsetzlich war es, wenn man Verwandte, den eigenen Bruder, die Schwester oder, wie es Vera Lengsfeld widerfuhr, den Ehegatten als IM vorfand.

Die erste Begegnung der Brüder Schädlich danach, am 23. Januar 2007, hatte fast etwas Mythisches - wie immer, wenn die Söhne einer Mutter in feindlichen Lagern stehen, und die Situation war umso verzweifelter, als diese Feindschaft jahrelang verdeckt, als Fürsorge kaschiert war und sich in ihrer ganzen Abgründigkeit erst manifestierte, als das sozialistische Lager zusammengebrochen war.

Karlheinz Schädlich gab recht rasch eine moralische Bankrotterklärung ab: "Ich habe meine Identität verspielt. Ich bin ein Nichts. Mir ist nicht zu helfen. Ich kann mir auch selbst nicht mehr helfen. Ich kann die Scham, die ich empfinde, nicht mehr ertragen." Er ertrug die Scham, rund 15 Jahre für das MfS gearbeitet, zahlreiche Menschen verraten und manche von ihnen ins Gefängnis gebracht zu haben, weitere 15 Jahre. Sein Schuss in den Mund traf das Organ, mit dem er seine Schandtaten begangen hatte.

In ihrem zweiten Buch erzählt Susanne Schädlich, die Tochter des Autors Hans Joachim Schädlich und der Lektorin Krista Maria Schädlich, die Geschichte ihres Sykophanten-Onkels, der so gerne eine Art Kim Philby der DDR gewesen wäre, und ihrer eigenen Familie. Hans Joachim Schädlich hatte im November 1976 die Petition zugunsten des ausgebürgerten Wolf Biermann unterschrieben und im August 1977 bei Rowohlt seinen großartigen Erzählungsband "Versuchte Nähe" veröffentlicht. Danach hatte er im Arbeiter- und Bauernstaat keine Lebensbasis mehr und stellte im Dezember 1977 für sich, seine Frau und seine beiden Töchter einen Ausreiseantrag, der relativ rasch genehmigt wurde.

Die Aussichten im Westen schienen recht günstig. Schädlich wurde zunächst von Günter Grass in Wewelsfleth aufgenommen, seine Frau wurde Lektorin bei Rowohlt, man zog nach Dahlenburg in ein geräumiges Haus, dann in eine Senatswohnung im Speicherviertel Hamburgs. Aber bald fielen die ersten Schatten auf den neuen Anfang: Die Stasi demonstrierte ziemlich unverhüllt ihre Präsenz an Alster und Elbe, und der Autor selbst versank trotz weiterer literarischer Erfolge nach und nach in eine tiefe Depression. Würde eine Übersiedlung nach Westberlin oder gar eine Rückkehr in die DDR zur Genesung führen? Eine spektakuläre "Rückgewinnung" Hans Joachim Schädlichs beschäftigte den DDR-Regierungs- und Geheimdienst-Apparat samt IM Schäfer geraume Zeit, und von der Pannierstraße im Westteil Berlins, wohin die Familie tatsächlich umgezogen war, wäre die Heimkehr in die "Hauptstadt der DDR" nur ein Katzensprung gewesen.

Dass es nicht dazu kam, war Glück im Unglück, das über die Familie kam. Die Ehe der Schädlichs zerbrach, Krista Maria verlor aus politischen Gründen ihren Lektoratsposten bei Ullstein/Springer, übersiedelte nach Stuttgart, Düsseldorf, München und wieder Berlin, die Töchter wurden zeitweise getrennt und erfuhren eine fortdauernde Entwurzelung. War es denn möglich, menschliche Bindungen einzugehen, wenn sie bald darauf durch die Gewalt der Verhältnisse wieder auseinandergerissen wurden?

Etwas Ähnliches mögen auch "normale" Scheidungskinder erfahren - für Susanne Schädlich und ihre jüngere Schwester Anna war die Lage durch die Zerrissenheit der deutsch-deutschen Umstände schlimmer als gewöhnlich, zumal es durch den Onkel den Versuch gab, die ältere Nichte für eine Lehre nach Ostberlin zurückzulocken, unter Aufgabe ihres bundesdeutschen Passes: eine glatte Falle. Dass dieser scheinbar väterliche Freund ein abgefeimter Bursche, nicht Fels in der Brandung, sondern Malstrom war, konnte Susanne Schädlich seit 1992 nicht vergessen, und sie hat es ihm auch nach seinem Tod nicht verziehen.

Sie lehnt alle Beschwichtigung und Beschönigung ab und begreift noch seine Selbsttötung als aggressiven Akt. Erreicht wurde Susanne Schädlich von der Entlarvung des IM Schäfer seinerzeit in Los Angeles. Sie hatte nach "zweimal Deutschland, zwölf Jahren DDR, zehn Jahren Bundesrepublik" das Gefühl, sie müsse weg, "um endlich anzukommen". "Eine Deutsche in Amerika zu sein war einfacher, als eine Deutsche aus Ostdeutschland in Westdeutschland ... Einfacher, weil ich endlich als Fremde erkennbar war."

So wurden aus einem dreimonatigen touristischen Aufenthalt elf Jahre Studium und harte Arbeit, nach denen sie als Übersetzerin und Schriftstellerin heimkehrte. Sie schreibt ein glasklares, von Anglizismen ungetrübtes Deutsch, in das sie die Sprache der Stasi-Dokumente, die Berichte ihrer Eltern und anderer Augenzeugen einbettet. Verfasserin und Verlag haben darauf verzichtet, diesem Buch das verkaufsfördernde Etikett "Roman" aufzukleben. Es ist eine Chronik von dokumentarischem Rang und literarischem Gewicht. Man legt sie nicht ohne Ergriffenheit aus der Hand.

Susanne Schädlich: Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich. Droemer Verlag, München 2009, 240 S., 16,95 Euro.

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