Lade Inhalte...

Verleger-Größe "Ich bin ein wenig der Klassenclown hier"

Er war linker Oppositioneller, er wurde mit Prozessen überzogen, aber schießlich bekam er irgendwann das Bundesverdienstkreuz: Der große Verleger Klaus Wagenbach wird am Sonntag 80 Jahre alt.

10.07.2010 00:07
Gratulation vom Autor: Wagenbach und Grass am 20. Juni im Berliner Ensemble. Foto: dpa

Nun werden Sie achtzig Jahre alt. Ihr Vater starb, als er achtzig war....Ja, das gibt mir zu denken. Aber was soll´s. Wenn ich sterbe, sterbe ich. Ich habe einen großen Trost. Unseld und Ammann waren meine Vorbilder. Ich wusste genau: So darf ich es nicht machen. Susanne Schüssler leitet seit acht Jahren den Verlag. Sie macht das großartig. Der Verlag ist schuldenfrei. Das macht mich sehr froh. Da kann ich ruhig sterben. Wenn es denn sein muss.

Sie haben keine Angst?Nein. Es gibt einen einfachen Grund: der 8. Mai 1945. Das war eine solche Befreiung! Ich hatte den Krieg überstanden. Ich hatte die Nazis überstanden. Wir waren glücklich. Ich feiere dieses Datum bis heute jedes Jahr. Mit einer Flasche Rotwein einer Güte, die ich mir gerade noch leisten kann. Wovor soll man Angst haben, wenn man die Nazis überlebt hat? Wir wohnten damals in einer Baracke für Ausgebombte. Mein Vater setzte sich sofort aufs Fahrrad und fuhr von Lich nach Gießen und bot der Besatzungsmacht, den Amerikanern, seine Hilfe an. Als er zurückkam, sagte er: Ich bin Landrat. Mein Bruder und ich, wir lachten. Wir hielten ihn ja für völlig unfähig. Das hatte meine Mutter uns beigebracht. Ich habe ihn dann oft auf seinen Landratsfahrten begleitet und ihm beim Aufbau der Demokratie zugeschaut. Dabei habe ich viel von ihm gelernt. Aber auch die Lektion meiner Mutter habe ich nicht vergessen. Noch heute, wenn Frauen mir etwas sagen, widerspreche ich ungern.

Sie sind ja erst seit ein paar Jahren ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Jahrzehntelang wurde gegen Sie vorgegangen. Mit Drohungen, ökonomisch und mit der Polizei.Ja, ja. Die Italiener waren die ersten, die mir einen Orden gaben. Das war 1988. Im Jahr darauf bekam ich ein erstes Bundesverdienstkreuz. Zehn Jahre später eines mit Stern.

Sie sind auch Ritter der französischen Ehrenlegion.Ja. Aber vorher hatte ich einen Prozess nach dem anderen. Habe alle verloren. Allerdings: Der Verlag konnte weiterarbeiten.

Dank Otto Schily!Ja, ja. Er war ein großartiger Anwalt. Später hat er manchmal vergessen, dass die Bürger die Polizei beaufsichtigen müssen. Man muss sich das vorstellen. Der Einzige, der in der Kurras-Geschichte verurteilt wurde, war ich. Ich hatte die Erschießung Benno Ohnesorgs einen Mord genannt. Das war strafbar. Die Erschießung durch den Polizisten Kurras war es nicht. Als jetzt rauskam, dass Kurras nicht nur für die Westberliner Polizei, sondern auch für die Stasi gearbeitet hatte, da haben sich viele seiner damaligen Fürsprecher geärgert, dass Kurras damals nicht verurteilt worden war. Aber es ist Unsinn, dass man wegen dieser Entdeckung die Geschichte umschreiben müsste. Kurras war ein schießwütiger Idiot. So jemand darf nicht in der Polizei arbeiten.

Jetzt aber machen Sie schöne Bücher zur Kunstgeschichte und sind ein angesehener Mann. Schuldenfrei, habe ich gerade erfahren, und Sie tragen immer noch jeden Tag demonstrativ rote Socken.Kunstgeschichte war meine erste Liebe. Ich hatte bei Harald Keller in Frankfurt am Main studiert und gelernt, wie man Bilder anschaut. Mit genauem Blick auf die Ästhetik und die Geschichte. Das hat mich sehr beeindruckt. Alan Bennetts "Die souveräne Leserin" ist unser erster Bestseller. 350000 Exemplare. Von Erich Frieds Liebesgedichten haben wir insgesamt 800000 Exemplare verkauft. Aber das dauerte Jahrzehnte. Bennetts Buch von der literarischen Aufrüstung der Queen verschaffte uns Luft. Wir haben sofort eine politische Reihe gestartet: "Politik bei Wagenbach". Mit kompakten Büchern zu aktuellen Themen. Sibylle Thelen hat ein kluges, abwägendes Buch über "Die Armenierfrage in der Türkei" geschrieben und Tillmann Löhr plädiert für ein Europa des Asyls. Gut geschriebene, klar argumentierende Bücher zu wichtigen Themen. Aber das Interesse der Presse und des Publikums hält sich noch sehr in Grenzen.

Bennett...Wir hatten keine Ahnung, was ein Bestseller ist. Das Bändchen war in der Reihe Salto erschienen. Da ging uns das Leinen aus, die Klischees für das Umschlagfoto wurden zum Problem. Papier. Drucktermine. Alles, alles. Aber wir haben es geschafft. Ich habe die Druckerei gefragt: Wer ist jetzt vor uns dran? Reclam! Ich rief bei Reclam an, schilderte denen die Lage und fragte sie, ob sie uns nicht ausnahmsweise mal vorlassen könnten. Sie haben uns gelassen. Die Verlagswelt besteht nicht nur aus Konkurrenzkampf und Krieg. Es gibt auch Freundlichkeit.

Und im Verlag? Sind Sie der Patriarch? Der, der im Hintergrund doch alles entscheidet? Diese prächtige, wunderbare, aber doch wahrscheinlich nahezu unbezahlbare Vasari-Ausgabe, die ist doch auf Ihrem Mist gewachsen?Herzklausel!

Wie bitte?Herzklausel. Wir machen ein Konsensprogramm. Alle Lektoren müssen zu jedem Titel Ja sagen. Aber es gibt die Herzklausel. Wenn einer einen Titel gegen alle anderen doch machen möchte, dann fragen wir ihn, ob sein Herz daran hängt. Sagt er ja, drucken wir ihn. Ist es dann aber doch nichts Rechtes, dann wird er geschmäht. Das ist aber keine Frage der Auflage, des finanziellen Erfolges, sondern, ob das Buch ein gutes Buch ist oder nicht. Darüber kann man, wenn es eine Weile da liegt, leichter entscheiden. Der Konsens hat große Vorteile, aber auch schreckliche Nachteile. Wir können zum Beispiel nur Bücher veröffentlichen, die in Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch geschrieben sind. Ich würde gerne auch russische Literatur veröffentlichen. Aber wir lesen kein Russisch. Wir können nur aus den Sprachen übersetzen, die wir alle - natürlich mehr oder weniger gut - können. Der Konsens bedarf der Herzklausel - Minderheitenschutz.

Sind Sie noch der Chef?Nein. Ich komme jeden Tag in den Verlag. Ich habe diese Bank hier. Rot und kostbar. Da kommen die Leute, schütten mir mal ihr Herz aus. Ich muntere sie auf. Ich bin ein wenig der Klassenclown hier, und dann schreibe ich mal den Klappentext, mal was für den Prospekt, was halt anfällt, und freue mich, dass sie Verwendung für mich haben. Ich werde 80!

Jahrzehntelang haben Sie zusammen mit Michael Krüger die deutsche Literaturproduktion beobachtet und Jahr für Jahr eine Art Reader´s Digest vorgelegt...Zwanzig Jahre lang. "Tintenfisch - Jahrbuch für Literatur" hieß das Werk. Wir begannen damit im Jahre 1968! Das Buch war zwei Doppelbögen dick, also gerade mal 128 Seiten schmal. Da druckten wir die schönsten und interessantesten Stellen aus Lyrik und Prosa des vergangenen Jahres. Dazu kamen "Fußnoten". Kleine Zitate aus Politik und Zeitgeschehen, von denen wir wollten, dass sie sich einnisteten in die Köpfe unserer Leser. Es gab viele davon. Die Auflage erreichte bis zu 30000 Exemplare.

Warum macht das heute keiner? Ist es zu aufwändig?Ein Jahr lang schickten wir einander Pakete mit Hinweisen auf Bücher, auf zu zitierende Abschnitte. Zweimal im Jahr trafen wir uns an Wochenenden, einmal in Berlin und einmal in München. Wir saßen da, lasen uns aus den Büchern vor. Michel kann wunderbar sarkastisch-knapp in seinen Kommentaren sein, wir aßen und tranken, und dann hatten wir wieder einen Band zusammengestellt. Am Ende kam immer eine Liste der im vergangenen Jahr erschienenen deutschen Literatur. Winzig klein gedruckt. Und das war´s. Es hat uns Spaß gemacht. Offenbar ist jetzt niemand da, dem es Spaß macht. Vielleicht hat das ja auch mit den Büchern zu tun, mit der Literatur, die heute erscheint.

Sie haben keine Kritik geübt in diesen Bänden.Durch Weglassen. Durch Nicht-Nennung.

Sie sind kein Kritiker geworden.Nein. Ich war sehr früh in der Gruppe 47. 1959. Ich sah so jung aus damals, dass manche dachten, wer ist denn dieser Schüler, der sich da eingeschmuggelt hat? Dabei war ich Lektor beim S. Fischer-Verlag. Bei der Gruppe 47 waren Kaliber wie Joachim Kaiser und Hans Magnus Enzensberger. So gut bin ich einfach nicht. Das merkte ich schnell und da machte ich, was ich konnte: Bücher. Es ist schön, wenn man das macht, was man kann. Aber ich habe auch gerne geschrieben. Aber eben nur auf Zuruf. Geburtstagsreden. Eine Einleitung hier, ein Nachwort dort. Aber Kritiker? Nein.

Sie haben Enzensberger genannt. Sie haben nie Gedichte geschrieben? Nie schreiben wollen?Gedichte? Erst recht nicht. Das muss man können. Die da waren einfach so viel besser als ich jemals hätte sein können...

Aber als Lektor sind Sie doch sehr streng mit ihnen umgesprungen.Ja, ich habe ihnen nichts durchgehen lassen. Erstens: Es musste alles stimmen. Zweitens: Es musste treffend gesagt werden. Drittens: möglichst knapp.

Sie haben Massaker veranstaltet, heißt es.Blödsinn.

Bei einigen Büchern warten wir sehnsüchtig darauf, dass endlich die Kapitel erscheinen, die Sie hinausgeworfen haben.Sie denken an die "Hundejahre" von Günter Grass. Ja, aber Grass hat diese Kürzungen ja akzeptiert. Er hat mir ein Exemplar des Buchs geschenkt mit der heiteren Widmung: "Für die fehlenden Kapitel ist der Setzer verantwortlich."

Sie waren 67, da wurde Ihre jüngste Tochter geboren. Sie haben wirklich vor nichts Angst.Ich war Alpinist. Ich hatte keine Angst. Einmal haben wir zu Dritt den Großvenediger bestiegen. Ich war der Klempner, also der letzte, der der die Eisen wieder einsammelt. Wir gerieten in ein schreckliches Unwetter, in einen Eissturm. Im August!

Wie alt waren Sie?Achtzehn.

Mit 18 hat niemand Angst. Aber mit 40 und dann gar mit 67 oder jetzt mit 80!Ich habe keine Angst. Keine Ahnung warum. Ich habe sie nicht. Schreckhaft aber bin ich. Eine Tür knallt zu, und ich schrecke zusammen. Mache mich ganz klein. Der Kopf geht runter. Es könnte ja was kommen. Aber das ist etwas ganz anderes.

Interview: Arno Widmann

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen