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Verlag Von Spaß und Schande

Nach 48 Jahren als Verleger musste KD Wolff Insolvenz-Antrag stellen: Ein Besuch.

Karl Dietrich Wolff
KD Wolff: „Ich kann doch jetzt nicht einfach aufhören.“ Foto: Michael Schick

Aber Wolff möchte Frankfurt nicht verlassen. Von hier aus hatte er 1968 gemeinsam mit seinem Bruder Frank die Revolte ins Land getragen. Sie sprachen in vielen Städten und kleinen Gemeinden. Auf dem Höhepunkt des Protestes, am 11. Mai 1968, redete er auf der Hofgartenwiese in Bonn vor 300 000 Menschen. Er hatte stets gehofft, dass eine Verbindung von Studenten und Arbeitern zustande kommen würde, wie es für kurze Zeit in Frankreich geschehen war. Das kapitalistische System sollte fallen. 

„Kollegen, Genossen“, mit diesen Worten hatte er seine Rede in Bonn begonnen. Doch der Funke sprang in Deutschland am Ende nicht über. Die 68er Bewegung fiel auseinander. Wolff ging in die USA und demonstrierte mit den Black Panther. Deshalb verhängten die USA später über ihn ein Einreiseverbot.

1969 trat er in den Frankfurter März Verlag ein als Lektor. Doch schon 1970 gründete er mit dem Roten Stern sein eigenes Verlagsunternehmen. Er brachte Bücher heraus über Rassismus und politische Justiz in den USA („Der Prozess gegen Bobby Seale“), aber auch zur Frauenbewegung ( Kate Chopin „Das Erwachen“) und zur Lage der Arbeiterjugend in Westberlin. 

Doch schon 1973 begann der Rote Stern auch mit einer Gesamtausgabe des Werks von Friedrich Hölderlin. 1974 kam das „Räuberbuch“: „Die Funktion der Literaturwissenschaft in der Ideologie des deutschen Bürgertums am Beispiel von Schillers ,Die Räuber‘“. 

Die Pflege der deutschsprachigen Klassiker wurde Wolff zur Lebensaufgabe. Für seine sorgsam editierten Originaltexte gab es auch Ehrungen, so wurde er etwa mit dem Binding-Kulturpreis 2002 ausgezeichnet oder erhielt das Bundesverdienstkreuz 2009. All das hilft jetzt aber nichts. Von 2012 bis 2016 gingen dem deutschen Buchhandel 6,1 Millionen Käufer verloren, bilanzierte unlängst der Börsenverein. Bald, zu Beginn der Frankfurter Buchmesse am 10. Oktober, werden die neuesten Zahlen präsentiert. Doch die Frage, ob er ein Opfer des Wandels auf dem Buchmarkt, des kulturellen Wandels überhaupt geworden sei, lässt Wolff wütend reagieren. „Wir hatten es schwer – aber Opfer sind wir deshalb noch lange nicht!“ Pause. Und dann setzt er trotzig hinzu: „Es hat auch Spaß gemacht.“ 

Auf dem Schreibtisch von Lektorin Doris Kern liegen die nicht erschienenen Manuskripte des Herbstprogramms. Eine Neuausgabe von „Männerphantasien“ von Theweleit zum 40. Jahrestag ist darunter. Aber auch neue Texte des Autors sollten publiziert werden. Kern arbeitet weiter an den geplanten Buchausgaben: „Ich kann doch jetzt nicht einfach aufhören.“ 

Auch vom 2013 verstorbenen Frankfurter Schriftsteller Peter Kurzeck plante der Stroemfeld Verlag postum weitere Ausgaben. „Und ich wollte schon lange meine autobiografischen Aufzeichnungen veröffentlichen – dazu ist es jetzt nicht mehr gekommen“, sagt er. Gibt es noch Hoffnung, kann das Unternehmen  doch noch gerettet werden? Auf die Kulturstadt Frankfurt setzen Wolff und seine Lektorin eher nicht. Sehr persönlich nimmt er, dass der einzige Verriss für die letzten Texte Kurzecks von der damaligen Literaturkritikerin Ina Hartwig gekommen sei – sie ist heute Frankfurts Kulturdezernentin.

Sie können, sie wollen nicht einfach aufhören im kleinen Verlagshaus im Frankfurter Nordend. Doch die wirtschaftlichen Daten sind unerbittlich. Zum Beispiel bei „Nexus“, der ambitionierten kulturwissenschaftlichen Bibliothek von Stroemfeld, in der über Jahrzehnte kleine analytische Arbeiten erschienen wie „Auf Reisen: Afrikanisches Kino“ oder „Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit“. Die letzte Auflage von „Nexus“: 200 Exemplare. 

In seinem Herzen ist der Verleger KD Wolff der alte Revolutionär geblieben. Er ist zum Beispiel stolz darauf, nie die Grünen gewählt zu haben – er hält sie für die illegitimen Erben der 68er Bewegung. „Die nächste Revolte wird kommen“: Daran glaubt er. Noch warten neun Teile der Kafka-Ausgabe auf die Veröffentlichung. „,Das Schloss‘, das wäre wichtig“, sagt er leise. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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