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Verlag Von Spaß und Schande

Nach 48 Jahren als Verleger musste KD Wolff Insolvenz-Antrag stellen: Ein Besuch.

Karl Dietrich Wolff
KD Wolff: „Ich kann doch jetzt nicht einfach aufhören.“ Foto: Michael Schick

Das kleine Haus mitten im Frankfurter Nordend liegt verborgen in einen Garten mit üppigem Grün. Es wuchert und blüht allenthalben. Die Zeit scheint stehengeblieben, wie in einem verwunschenen Idyll. Seit 1972 hat Karl Dietrich Wolff, den alle Welt nur KD nennt, hier Bücher produziert. Wunderbare Klassiker-Ausgaben: Hölderlin, Kafka, Kleist, Robert Walser, Georg Trakl, Gottfried Keller. Legendäre Werke zur Kultur- und Zeitgeschichte sind hier erschienen, wie etwa „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit (1977). Und natürlich die Romane des literarischen Flaneurs Peter Kurzeck. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben. 48 Jahre nach der Gründung seines Verlags Roter Stern hat Wolff für das Nachfolge-Unternehmen Stroemfeld jetzt den Insolvenz-Antrag stellen müssen. 

Die frühere Führungsfigur der Revolte von 1968, damals Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), war schon immer wortkarg, jetzt hockt der 75-Jährige inmitten seiner Bibliothek – geschätzt 20 000 Bücher haben sich angesammelt – und ist fast verstummt. Gerade hat er seinen Stand für die diesjährige Frankfurter Buchmesse abgesagt, seinen geliebten Buchmessen-Stand, den er bis zuletzt verteidigte, als das Geld schon immer knapper wurde. Am Stand hatte der Linke einst Bundeskanzler Helmut Kohl empfangen. „Kohl hat uns sehr geholfen, Geld für die Hölderlin-Ausgabe zu bekommen.“ So saßen sie damals am Stand, zwei massige Männer, und zitierten Hölderlin, den sie beide so liebten. 

Der Träger des Kurt-Wolff-Preises blickt ins Leere. Dann sagt er einen Satz: „Es ist bitter.“ Pause. Dann wieder einen Satz: „Und es erschöpft auch.“ Und dann erzählt er doch. Wie die Hoffnung auf einen stillen Teilhaber für den Verlag sich zerschlug. Wie er „von einer Stiftung zur anderen gelaufen“ ist in der Hoffnung, unterstützt zu werden. Die Kafka-Ausgabe ist bis Band 16 gekommen – 25 sollten es sein. Und dann bricht es aus dem Verleger heraus: „Es ist eine Schande, dass die Kafka-Ausgabe nicht öffentlich gefördert wurde – eigentlich müsste sich der Bundespräsident da engagieren.“ 

Wieder eine Pause. „Das Wichtigste wäre, dass die Kafka-Ausgabe fertig würde.“ 

Nur eine Mitarbeiterin ist bei ihm geblieben bis zum Schluss, die Lektorin Doris Kern. Ansonsten liegen die Verlagsräume im ersten Stock verlassen, aber so, als seien die Angestellten nur zur Mittagspause außer Haus. Überall aufgeschlagene Manuskripte, handschriftliche Notizen, Plakate. „Die Lesefähigkeit der Menschen hat sich verändert“, urteilt die 65-jährige Lektorin, die seit 1987 im Verlag ist. „Sehr oft werden jetzt nur noch Lesehäppchen im Internet zu sich genommen.“ Es gebe „die Tendenz, alles online zu stellen und auf alles online Zugriff zu haben“.

Wolff brummt: „Die Bibliotheken sind weggebrochen.“ Die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland, früher feste Abnehmer der Bücher, seien immer weniger interessiert. Die Auflagen schrumpften parallel immer mehr. „Von dem letzten Band Kafka haben wir noch 1200 Stück gedruckt“, sagt der Verleger. 

Über Jahre hat er immer wieder Geld zusammengekratzt, um weiter Bücher publizieren zu können. „Viele Freunde des Verlages haben uns kleinere und größere Darlehen gegeben.“ Diese Schulden sind ihm nun über den Kopf gewachsen. Eine Summe möchte Wolff nicht nennen. Er schüttelt den Kopf. Er selbst und Doris Kern haben „ihre betriebliche Altersvorsorge in den Verlag gesteckt – das sind schon über eine halbe Million Euro.“ 

In Basel gibt es noch ein kleines Tochterunternehmen, die Stroemfeld AG, da ist soeben noch ein Band der Robert-Walser-Ausgabe erschienen. Aber der Verleger ahnt, dass es auch in der Schweiz nicht weitergehen wird: „Es könnte sein, dass wir auch dort zumachen müssen.“ Er lacht bitter. „Meine Frau ist Professorin in Basel, da könnte ich immer noch einziehen.“ 

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