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Verfolgte Autoren Das aufgezwungene Paradies

Als die Nazis Bücher verbrannten und deutsche Schriftsteller um ihr Leben fürchten mussten, wurden Autoren wie Lion Feuchtwanger, Berthold Brecht oder Franz Werfel zu Flüchtlingen. In einem Dorf an der Côte d’Azur fanden sie Zuflucht.

16.10.2017 19:00
Ingrid Müller-Münch
Sanary-sur-mer, Cote d'azur, um 1910
"Der kleine Ort wurde so berühmt, dass das große amerikanische FBI mich vor der Einbürgerung immer wieder fragte: 'Please tell us something about the German colony Sanary'", so Ludwig Marcuse. Foto: ©The Holbarn Archive/Leemage (Leemage)

Die Tage verliefen entspannt aber gleichtönig. Nachmittags versammelte man sich häufig bei „interessanten Teestunden“ in dem herrlichen Garten am Meer, erzählt Marta Feuchtwanger, exzentrische Ehefrau des damals schon weltberühmten Schriftsteller Lion Feuchtwanger. Während an manchen Abenden Berthold Brecht seine neuesten Lieder gegen die Machthaber des Dritten Reiches vortrug, „und wenn er in seiner ewigen Lederjacke, dem in die Stirn gekämmten Haar da saß und mit seiner bayrischen Stimme frech die Lieder krähte, die uns allen aus dem Herzen kamen, fühlte man sich der deutschen Dichtung aufs Engste verbunden, auch wenn Deutschland gerade diese Dichter herausgeworfen hatte.“

Sanary-sur-Mer, heute ein touristisch erschlossener Badeort, war in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein kleines verschlafenes Dorf an der Côte d’Azur. Die Bewohner lebten vom Fischfang, die Frauen flickten die Netze abends am Kai. Eine Handvoll Hotels, einige nur schwer beheizbare Villen – mehr gab es nicht für die wenigen Badegäste in diesem Nest. Dennoch – genau hierhin hatte es damals die Crème de la Crème der deutschsprachigen Literatur verschlagen – nachdem im Hitlerdeutschland ihre Bücher verbrannt, ihr Leben bedroht worden war.

„Das Exil begann für einen Teil der Schriftsteller bereits in der Nacht der Machtergreifung, am 30. Januar 1933“, erklärt der in Köln lebende Verleger und Sammler Deutscher Exilkultur, Thomas B. Schumann.“ Sie hatten fliehen müssen, viele gerade mal mit einem Koffer in der Hand.“ Doch warum waren sie ausgerechnet hier in diesem verträumten Örtchen gelandet, über das Ludwig Marcuse einmal sagte: „Wir wohnten im Paradies – notgedrungen.“ Erika und Klaus Mann liebten diese Gegend, hielten sich hier schon vor ihrer Flucht häufig auf. „René Schickele und Lion Feuchtwanger waren, aus welchen Gründen auch immer, 1932 in Sanary gewesen“, so Schumann und vermutet, dass sie die mit ihnen befreundeten Schriftsteller nach sich zogen.

Keine Idylle

Im Frühjahr 1933 jedenfalls füllt sich Sanary, so der Historiker und Journalist Wilhelm von Sternburg. Thomas Mann kam schon im April in den Nachbarort Bandol, „mietet sich dann für den Sommer in Sanary, in der Villa La Tranquille ein; Arnold Zweig und Brecht erscheinen, werden künftig fast jedes Jahr Gäste bei Feuchtwangers sein. Dennoch, es ist keine Idylle, von der hier erzählt wird.“ In den Hafencafés, in denen sich die Exilanten trafen, wurde heftig diskutiert und knallhart gestritten, war die Luft – laut Ludwig Marcuse – geschwängert mit originellen Aperçus, Indiskretionen und Krächen. Obwohl sie alle Vertriebene waren, Heimatlose, empfand man sich anfangs offenbar mehr als Kurgast denn als Flüchtling.

Katia Mann meinte, es sei eigentlich ein netter deutscher Kreis gewesen, dort in Sanary. Man grüßte sich untereinander, kaufte Sardinen, Langusten oder Seebarben an den Fischständen im Hafen, spielte nachmittags eine Partie Boule. Dem Essayisten Ludwig Marcuse blieben vor allem die kurzen und leichten Winter in Erinnerung, „mit Rosen, weißem Thymian, frühen Mimosen und Nelken. Es war gar kein Winter, wenn man aus dem Norden kam. Im Januar wurde es schon wieder Frühling.“ Gemeinsam mit seinen Exilkollegen wanderte er häufig „ins Land hinein; die Narzissen-Felder betäubten uns so schmeichelnd, dass ich noch in den trübsten Stunden zum Leben verführt wurde.“ In den Stunden, in denen sie dann anschließend alle unten am Kai in einem der Bistrots saßen, da geschah es schon mal, dass er „Deutschland selig vergaß.“

Feuchtwanger sorgt sich um seine Kollegen

Irgendwann so gegen Ende der 1930er Jahre dann wendete sich das Blatt. Für Lion Feuchtwanger begann der Umbruch an einem Abend nach Sonnenuntergang, als er alleine auf einer Ottomane lag und Radio hörte. „Da, auf einmal, hieß es, alle im Bezirk von Paris ansässigen deutschen Staatsbürger oder in Deutschland geborenen Staatenlosen im Alter von siebzehn bis fünfundfünfzig Jahren, Männer und Frauen, hätten sich an dem und dem Tag da und dort einzufinden, um interniert zu werden.“

An diesem Tag im Jahre 1939 endete für Feuchtwanger und viele seiner Mitexilanten der Traum vom friedlichen Exil. Von da an war es aus mit der Freundlichkeit der hiesigen Behörden, standen die Exil-Schriftsteller unter dem Generalverdacht, für die Nazis zu spionieren. Für Alma Mahler-Werfel eine schwere Zeit: „Hausdurchsuchungen – bis in alle Winkel – täglich!“ Ja, so war es, bestätigt, der in Köln lebende Exilforscher Schumann. „Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Frankreich und nach der Etablierung des Vichy-Regimes, das ja mit der deutschen Regierung kollaborierte, wurden dann auch deutsche Emigranten als Spione verdächtigt. Es gab schon relativ bald Lager wie Les Milles und Gurs, in denen wurden deutsche Künstler und Exilschriftsteller inhaftiert.“

Zweimal wurde Lion Feuchtwanger in ein solches Lager gesperrt. Zweimal kam er frei. „Wir hatten es uns alle anders vorgestellt, als wir nach Frankreich gekommen waren“, schrieb er in seinen Erinnerungen. „Liberté. Egalité, Fraternité stand riesig über dem Portal des Bürgermeisteramtes, man hatte uns gefeiert, als wir, vor Jahren, gekommen waren, die Zeitungen hatten herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen.“

Am 17. Mai 1940 bat der Bürgermeister von Sanary den Präfekten des Var-Departements, die „feindlichen“ Deutschen aus seiner Kommune zu entfernen. Ab dem 22. Juni 1940 hieß es in Artikel 19, Absatz 2 des Waffenstillstandsabkommens zwischen Deutschland und Frankreich, dass von nun an Frankreich alle Personen deutscher Abstammung auszuliefern habe. Von da an ging es für die Exilanten in Sanary-sur-Mer ums schiere Überleben.

Alma Mahler-Werfel floh mit ihrem Mann im Juni 1940. Ihre erste Nacht verbrachten sie in Narbonne: „Von Hotel zu Hotel abgewiesen, fanden wir auf der Straße ein paar alte Frauen, die Mitleid mit uns hatten und uns an ein Spital wiesen: wir bekamen schließlich Betten in einem ehemaligen Kinderspital, jetzt Flüchtlingsheim. Muffige Dreckstiegen führten in ein schmales Vorzimmer, in dem eine leidliche Pritsche stand.“

Lion Feuchtwanger betrachtete mit Sorge das Schicksal seiner weniger berühmten Landsleute: „Es lebten also die deutschen Emigranten zumeist in Dürftigkeit. Es gab Ärzte und Rechtsanwälte, die jetzt mit Krawatten hausierten, Büroarbeit verrichteten oder sonst wie illegal, von der Polizei gehetzt, ihr Wissen an den Mann zu bringen suchten. Es gab Frauen mit Hochschulbildung, die als Verkäuferinnen, Dienstmädchen, Masseusen ihr Brot verdienten.“

Die Lage spitzte sich zu, es wurde immer tragischer, so Exilexperte Schumann. „Einige der Künstler versuchten über die Pyrenäen zu Fuß nach Spanien zu entkommen. Der alte Heinrich Mann, Golo Mann, kraxelten dann über die Berge. Walter Benjamin hat es nicht geschafft. Hat Selbstmord begangen.“

Ludwig Marcuse, dem die Flucht in die USA gelang, wurde bei seiner Einreise davon überrascht, dass selbst die Amerikaner inzwischen den Namen Sanary kannten: „Der kleine Ort wurde so berühmt, dass das große amerikanische FBI mich vor der Einbürgerung immer wieder fragte: Please tell us something about the German colony Sanary.“

In eine Stele sind die Namen eingraviert

Sanary-sur-Mer, das aufgezwungene Paradies. Es hatte so friedlich, so vielversprechend begonnen – und dann so elendig geendet. Heute erinnern sich nur noch wenige an die Unbekannteren der Exilschriftsteller. Und wer, wie Thomas B. Schumann, ihre Bücher sammelt und hierfür eine Museumsstätte sucht, hat es schwer.

Auch Sanary-sur-Mer fällt das Erinnern nicht immer leicht. Zwar steht vor dem Touristenbüro eine Stele mit 36 eingravierten Namen fast aller damaligen Emigranten. Zwar werden Führungen durch die Stadt zu den Villen der einstigen deutschen Exilanten angeboten. Doch wer mehr erfahren will, muss gezielt nachforschen. Das 2004 auf deutsche und französisch erschienene Büchlein über die deutschen Exil-Schriftsteller zum Beispiel liegt im Office de Tourisme nicht für Jedermann gut sichtbar aus. Erst auf Nachfrage kramt die freundliche Mitarbeiterin in diversen Fächern, gebückt hinter dem Tresen durchwühlt sie Kartons, um dann endlich doch, triumphierend, das gesuchte hochzuhalten. „Voilà, hier ist es ja“, ruft sie, und wirkt fast ein wenig erstaunt darüber.

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