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Uwe Johnson Die Welt ist ja groß

Endlich: Suhrkamp startet eine historisch-kritische Ausgabe der Werke von Uwe Johnson.

Schriftsteller Uwe Johnson
Uwe Johnson (1934-1984), dessen Bücher man noch lesen sollte, wenn keiner mehr weiß, was ein Pfennig war. Foto: epd

Vor 58 Jahren wurde dem deutschsprachigen Lesepublikum folgende Mitteilung gemacht: „Dieses Buch weist alle Merkmale eines großen Romans auf: Gegenwart, Wirklichkeit, Sprache.“ Das war auf dem Einband der ersten Ausgabe von „Mutmassungen über Jakob“ zu lesen, Uwe Johnsons Debüt auf dem Buchmarkt.

Sein Erstling war dieser Roman aber nicht, sondern „Ingrid Babendererde“. Im Sommer 1956 bietet er das „Babendererde“-Manuskript verschiedenen Verlagen in der DDR an, die Resonanz ist unterschiedlich. Der Cheflektor des Aufbau-Verlags, Max Schroeder, las eine „verkrampfte Geschichte“ und einen typischen Fall von „Westkrankheit“. Sein Fazit: „Autor braucht eine Gehirnwäsche“. Das Buch findet in der DDR keinen Verleger, also wendet sich Johnson an seinen ehemaligen Lehrer Hans Mayer, bei dem er zuvor in Leipzig Germanistik studiert hatte. Und Mayer, der große Literaturkenner und Netzwerker, stellt eine Verbindung zu Peter Suhrkamp her, dem mächtigen Verlagschef in Frankfurt.

Suhrkamp macht Johnson tatsächlich Hoffnung, „Ingrid Babendererde“ bereits im Herbst 1957 herauszubringen. Zuvor aber wollte er seinen jungen Autor in Berlin treffen. Peter Suhrkamp lobt dabei die Art, in der im Roman die Natur vorkomme und das Segeln beschrieben werde, wirft ihm jedoch einen „Mangel an Welt“ vor. Johnson und Suhrkamp kommen nicht überein, noch nicht einmal über den Titel des Buches – „Ingrid Babenderde“ erscheint erst ein Jahr nach Uwe Johnsons Tod, 1985.

Aber Peter Suhrkamp gelingt es wundersamerweise dennoch, seinen Autor zum Weiterschreiben zu bewegen. Johnson hatte zuvor schon eine Geschichte „über die erhebliche Verschränkung von Rauch durch Wind und Regen“ im Sinn, wie er Hans Mayer einigermaßen geheimnisumwittert von Güstrow aus mitteilte. Das ist die „Mutmassungen“-Geschichte von Jakob Abs und Gesine Cresspahl, von der beeindruckend genau erfundenen Kleinstadt Jerichow in Pommern, von einem geteilten Deutschland, in dem die Eisenbahn zum Symbol des Verbindenden wie Trennenden wird.

Das fertige Typoskript schickt er wieder an Peter Suhrkamp, er bewunderte ihn trotz allem mit „unkritischer Verehrung“, wie er später gestand. Aber Suhrkamp kommt nicht mehr dazu, den Roman zu lesen, er stirbt am 31. März 1959. Also antwortet sein Nachfolger Siegfried Unseld und kündigt für den Juli 1959 die Druckfahnen an. An diesem Tag, so Johnson in einem Gespräch in seinem späteren Wohnort im britischen Sheerness-on-Sea, „an dem in einer westdeutschen Druckerei ein Name auf die Titelseite eingefügt werden musste, an diesem Tag (10. Juli 1959) bin ich in West-Berlin aus der S-Bahn gestiegen“. Johnson sprach nicht von Flucht, doch genau das war es. In den „Mutmassungen“ beschreibt er auch das dichte Netz, das die Staatssicherheit über die DDR zu legen begonnen hatte. Er wusste, dass er sich selbst darin verfangen musste, er hatte deshalb zunächst geplant, seinen Roman unter dem Pseudonym Joachim Catt zu veröffentlichen, aber das hätte ihn allenfalls ein paar Monate geschützt.

Also verließ er die DDR und zog nach Berlin-Friedenau in die unmittelbare Nachbarschaft zu Günter Grass, mit dem er bis Ende der sechziger Jahre eng befreundet war. Bis heute erstaunlich übrigens, was das weltliterarisch ausgreifende Jahr 1959 der deutschen Literatur bescherte: Grass’ „Blechtrommel“ und Heinrich Bölls „Billard um halbzehn“ kamen heraus, dazu hielt Ingeborg Bachmann ihre berühmte Rede „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ – und gab Johnson seinen Lesern den ersten Satz der „Mutmassungen“ zu lesen: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ Ein Satz wie ein Versprechen.

Dieses Buch jetzt abermals zu lesen ist noch immer, und wieder, eine Offenbarung. Die „Mutmassungen“ handeln ja nicht nur von den seelenverheerenden Wirkungen einer menschenverachtenden Staatssicherheits-Apparatur. Sie erzählen von den grundlegenden Verwerfungen, die aus „Berührungen mit der Maschine Gesellschaft“ folgen, wie Johnson 1979 in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen formulierte. Von Menschen, die in keinem Osten heimisch sind und in keinem Westen ankommen, von Flüchtigen und Sehnsüchtigen, von Verlorenen und Gefangenen, die „ohne väterlichen Schutz die Welt“ bereisen, „und die Welt war ja groß“.

Es bietet nicht nur die „Abbreviatur aller modernen Erzählmöglichkeiten“, wie es in einer der ersten Rezensionen seinerzeit hieß, es durchmisst das verästelte Kapillarsystem gegenwärtigen Empfindens und Wahrnehmens überhaupt. Ein Rätselbuch, ein Seelenentwicklungsroman, der an Gegenwart sonderbarerweise noch gewonnen hat. Als wäre er für unsere von Angst und Abgrenzungsirrsinn getriebene Zeit geschrieben.

Am besten liest man es in der historisch-kritischen Ausgabe der Werke Johnsons, die jetzt mit den „Mutmassungen“ begonnen wird. Binnen 24 Jahren sollen 22 Bände in 43 Teilbänden erscheinen. Dieses große Vorhaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an der Universität Rostock will die Prosa, Schriften und Briefe Johnsons präsentieren, möglich nur durch die großzügige Unterstützung des Unternehmers Ulrich Fries, der über Johnson promovierte, zum Vorstand der Johnson-Gesellschaft und den Herausgebern der historisch-kritischen Ausgabe gehört. Für 2024 ist eine Ausgabe der „Jahrestage“ geplant, den vierbändigen Roman „aus dem Leben von Gesine Cresspahl“, 2019 darf man auf den „Briefwechsel mit Leipziger Freunden“ gespannt sein. Jeweils um drei Jahre versetzt erscheint auch eine digitale Version der gedruckten Ausgabe, mit einem auf Vollständigkeit angelegten Apparat, für die „Mutmassungen“ also 2020.

Bereits jetzt aber ist eine Ausgabe geglückt, die nur wenige Wünsche offenlässt. Der Sachkommentar ist von berückender Ausführlichkeit, zuweilen sogar überausführlich, wenn etwa die Stichworte „Sizilien“ oder „Pfennig“ erläutert werden. Aber das verdeutlicht den Anspruch dieser Ausgabe: Sie will für die nächste Ewigkeit gültig sein, wenn das Pfennig-Wissen tatsächlich verloren gegangen sein wird. Uwe Johnson, so die heimliche Vermutung der Herausgeber, wird man auch dann noch lesen. Es ist sehr zu wünschen.

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